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StartseiteAus Kultur- und SozialwissenschaftenIm Untergrund des Denkens19.11.2015

BewusstseinIm Untergrund des Denkens

Der Mensch zeichne sich dadurch aus, dass er zu bewusstem und rationalen Denken fähig sei, befand Aristoteles. Neuerdings gehen Psychologen und Neurowissenschaftler jedoch davon aus, dass das Unbewusste wichtiger sei als das bewusstes Denken. Der Stuttgarter Philosoph Philipp Hübl hat sich in seinem Buch "Der Untergrund des Denkens. Eine Philosophie des Unbewussten" mit diesem Trend auseinandergesetzt.

Von Martin Hubert

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Stellen sie sich vor, sie nehmen an einem Experiment teil. Man drückt Ihnen eine Liste in die Hand, auf der vier Autos mit zwölf Eigenschaften beschrieben werden: Spritverbrauch, Höchstgeschwindigkeit, Preis, Spurverhalten und so weiter und so fort. Sie sollen diese Liste konzentriert analysieren und das beste Auto auswählen. Man sagt ihnen aber auch, dass andere Versuchspersonen diese Listen nur kurz sehen, dann abgelenkt werden und sich anschließend rasch für das beste Auto entscheiden müssen. Wer, glauben sie, wird treffsicherer das im Ganzen gesehen beste Auto finden?

Der niederländische Psychologe Ap Dijksterhuis ist sich sicher: Es sind nicht die Personen, die bewusst nachdenken, sondern diejenigen, die sich rasch intuitiv entscheiden müssen. Dijksterhuis gehört zu einer Gruppe einflussreicher Forscher, die das alte Bild vom menschlichen Geist in den letzten Jahren radikal herausgefordert haben. Das bewusste und logische Denken, so ihr Credo, dürfe nicht länger überschätzt werden, weil das unbewusste und intuitive Denken oft viel effektiver sei. "Wie der Bauch dem Kopf beim Denken hilft!" , oder "Das kluge Unbewusste" heißen einige erfolgreiche Buchtitel der letzten Jahre, die diesen Trend populär gemacht haben. Auch der Stuttgarter Philosoph Philipp Hübl war von diesen Experimenten beeindruckt – jedoch nur anfangs.

"Als ich angefangen habe, mich mit Experimenten zum Unbewussten und zu automatisierten Prozessen, die in uns ablaufen, zu beschäftigen, hatte ich so ein bisschen Sorge. Je mehr ich gelesen habe, desto mehr dachte ich, na ja, mit der Vernunft und mit der Kontrolle und der Autonomie ist es nicht sehr weit her, wir sind irgendwie Spielball von automatisierten Prozessen, von denen wir gar nichts mitbekommen. Wenn man sich aber ein bisschen mehr damit beschäftigt, sieht man, dass viele dieser Experimente, die vermeintlich dafür sprechen, dass wir von unbewussten Kräften gesteuert sind, eigentlich gar nicht so aussagekräftig sind.

Oft wird das Unbewusste gegen das Bewusstsein ausgespielt

In seinem Buch "Der Untergrund des Denkens. Eine Philosophie des Unbewussten" präsentiert Hübl die Ergebnisse seiner Auseinandersetzung in einer auch für Laien verständlichen Sprache. Etwa zum Autoexperiment von Ap Dijksterhuis. Dijksterhuis meint, dass das Unbewusste eine größere Kapazität besitze, um Informationen aufzunehmen und zu verarbeiten. Unbewusst könne man daher die zwölf Eigenschaften der vier Autos besser miteinander vergleichen und gewichten als mit bewussten Denken. Dieses sei viel enger fokussiert und zwinge einen nach einem zentralen Merkmal zu suchen, das alle anderen überragt. Philipp Hübl kritisiert, dass diese Unterscheidung in Dijksterhuis Experiment aber gar nicht zum Tragen komme.

"Zum Beispiel hat Dijksterhuis in seinem Experiment nicht unterschieden oder nicht klar gemacht, ob Menschen nach einer Rangordnung gehen oder nach einer Gewichtung, also ob sie sagen, mir ist beim Autokauf ein einziges Merkmal wichtig, danach gehe ich und andere zählen nicht, oder ob sie die Merkmale gewichten. Und er hat sein Auto nun mal gerade so gewählt, dass beide Möglichkeiten verwendet werden konnten. Insofern hat es gar keine Aussagekraft bezogen auf seine These, dass unbewusstes Denken effektiver oder besser ist als das Bewusstsein."

Andere Forscher haben das Experiment von Dijksterhuis inzwischen so variiert, dass dieser Unterschied wirklich das Ergebnis beeinflussen konnte. Sie kamen zu einem anderen Resultat.

"Nämlich dass wir, wenn wir gut und gründlich uns viele Merkmale eines Autos aufschreiben können, die sozusagen in die richtige Reihenfolge bringen, gut abwägen dazwischen, dass wir dann die beste Entscheidung treffen, die am ehesten unsere Interessen entspricht."

Merkwürdigerweise haben diese kritischen Studien der Popularität von Dijksterhuis' Theorie des unbewussten Denkens bisher wenig anhaben können. Philipp Hübl verleiht ihnen in seinem Buch nun den gebührenden Stellenwert. Er nimmt noch viele andere Experimente in seinem Buch unter die Lupe und zieht ein kritisches Fazit. Oft werde das Unbewusste vorschnell gegen das Bewusstsein ausgespielt und dabei ein vager Begriff des Unbewussten verwendet.

"Der Begriff des Unbewussten wird immer als Gegenbegriff zum Bewusstsein gesehen, oder sozusagen zur idealtypischen menschlichen Handlung, die wir kontrolliert, bewusst, aufmerksam vernünftig ausführen. Deshalb ist, was man unter unbewusst fasst, eigentlich so eine Art Sammelbegriff für alles, was irgendwie automatisch, ohne unser Wissen, ohne unsere Kontrolle, unseren Zugriff abläuft. Und dadurch ist das ein riesiges Tohuwabohu, was unter "unbewusst" läuft."

Welches Philipp Hübl mit seinem eigenen philosophischen Ansatz auflösen möchte, indem er den Begriff des Unbewussten differenziert. Für ihn gibt es nicht "das Unbewusste", sondern viele unbewusste Phänomene mit verschiedenen Bedeutungen und Funktionen. Solche Ideen wurden auch schon früher ins Spiel gebracht, doch Hübl versucht sie systematisch umzusetzen. Zunächst hat die Bezeichnung "unbewusst" für ihn nur dann einen Sinn, wenn sie etwas Mentales oder Psychisches meint. Das Kriterium dafür sei, dass sich das Beschriebene auf bewusste Vorgänge beziehen lässt.

Ein gelungenes Plädoyer für den bewussten Umgang mit dem Unbewussten 

"Also ein Beispiel ist: bewusste und unbewusste Emotionen. Wenn ich einen fletschenden Hund vor mir sehe, wenn der bellt, dann habe ich eine ganz bewusste Angst, habe ihn auch bewusst gesehen. Es kann aber auch sein, dass wenn mir jemand ein Bild ganz kurz zeigt, von so einem bedrohlichen Tier, dass ich dann typische Angstreaktion zeige, ohne dass mir in dem Moment eigentlich klar ist, dass ich in einem Angstzustand bin. Da kann man sagen, das ist eine unbewusste Angst, weil sie körperlich und von den Verhaltensweisen her sehr stark der bewussten Angst ähnelt. Alle anderen Prozesse, wo man diese Ähnlichkeitsstruktur nicht finden kann, zu denen würde ich lieber sagen, das sind" nicht bewusste Prozesse". Also würde man die auch "unbewusst" nennen, dann müsste man auch sagen, dass alles, was in unserem Körper vorgeht, die Zellteilung, die Verdauung, die sind alle unbewusste Prozesse. Dann macht man den Begriff des Unbewussten zu groß."

Hübls Ansatz, von der Ähnlichkeit zwischen unbewussten und bewussten Phänomenen auszugehen, hat weitreichende Folgen. Bewusstes und Unbewusstes sind dann keine gegensätzlichen "Reiche" mehr, sondern unterschiedliche Qualitäten eines einheitlichen Geistes. Ihre Beziehung zueinander ist sehr komplex und ihre Grenze nicht immer scharf zu ziehen. Hübl bezieht sich auch auf Erkenntnisse der empirischen Wissenschaften, um das zu verdeutlichen. Etwa an einem Wahrnehmungsreiz.

"Wenn ein Wahrnehmungsreiz von der visuellen Wahrnehmung, vom Sehen auf unsere Netzhaut trifft, dann geht er so mehrere Schritte durch und daran kann man eigentlich ganz gut sehen, wie er vom unbewussten zum bewussten Reiz wird. Also am Anfang wird er unbewusst verarbeitet und kann auch da Auswirkungen haben, zum Beispiel durch Priming, durch diesen Bahnungseffekt."

"Primen" kann man Versuchspersonen zum Beispiel dadurch, dass man ihnen fröhliche Gesichter so schnell zeigt, dass sie nicht bewusst wahrnehmbar sind. Trotzdem trinken sie dann gut gelaunt ein bisschen mehr Cola als andere Versuchspersonen, die das Gesicht nicht gesehen haben. Allerdings ist dieser Effekt nur sehr gering. Hirnforscher können zeigen, dass solche ultrakurzen Primingreize im Gehirn rasch zerfallen und sich dort nicht ausbreiten können. Andere unbewusste Reize, die mit negativen Gefühlen und inneren Konflikten verbunden sind, wirken nachhaltiger. Wir haben sie langfristig verdrängt, weil sie uns zum Beispiel an eine beschämende Szene erinnern. Die Gedächtnisinhalte werden im Gehirn vom Ichbezug abgekoppelt und wir brauchen oft die Hilfe anderer Menschen oder sogar eines Therapeuten, um sie wieder ins Bewusstsein zu heben.

"Und wenn dieser Reiz dann ins Bewusstsein gelangt, hat er zumindest schon einmal eine Erlebnisqualität und gibt mir reichhaltige Details über die Welt: Wenn ich die Welt bewusst wahrnehme, kann ich relativ viele kleine Details erkennen."

Wobei aber auch dann noch nicht alle Einzeldetails einer Szene automatisch bewusst sind, sondern in einem halbbewussten oder vorbewussten Zustand verbleiben. Um sie ins Bewusstsein zu heben, ist Aufmerksamkeit nötig, die es erlaubt, das Wahrgenommene begrifflich zu erfassen und als bewusste Information zu speichern.

Philipp Hübl kann mit seinen Analysen deutlich machen, wie facettenreich "das Unbewusste" ist und wie subtil es mit bewussten Phänomenen interagiert. Sein Buch ist ein gelungenes Plädoyer dafür, das Unbewusste weder zu über- noch zu unterschätzen - aber bewusster und differenzierter als bisher mit ihm umzugehen.

Philipp Hübl: "Der Untergrund des Denkens. Eine Philosophie des Unbewussten"
Rowohlt Verlag, 479 Seiten, 19,95 Euro

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