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StartseiteCorso"Eine NSA-Datenschleuder am Handgelenk"15.08.2015

Bezahlsysteme auf Festivals"Eine NSA-Datenschleuder am Handgelenk"

Früher waren Rockfestivals umweht von einem Mythos der Anarchie. Mit Stolz zeigten Besucher ihre Bändchen, die sie als Festivalbesucher auswiesen. Jetzt werden aber auch in Deutschland bei immer mehr Veranstaltungen Funkchips in die Bändchen integriert, um bargeldlos bezahlen zu können. Das löst nicht nur Freude aus.

Von Andreas Becker

Zwei männliche Besucher des SonneMondSterne Musikfestivals an der Bleilochtalsperre im thüringischen Saalburg zeigen ihre Unterarme mit Bändchen von diversen Musikfestivals, die sie in diesem Jahr besucht haben.  (imago/Thomas Müller)
Zwei Besucher des SonneMondSterne Musikfestivals zeigen ihre Unterarme mit Bändchen von diversen Musikfestivals. (imago/Thomas Müller)

Lange Schlangen vorm Biertresen sind Festivalgänger im niedersächsischen Scheeßel ja gewohnt. Dieses Mal aber lohnte das Anstehen nicht: Mit Bargeld ging nichts. Durch den Ausfall der neuen Funktechnik konnten die rund 65.000 Besucher des "Hurricane 2015" am ersten Tag nichts auf dem eingezäunten Bühnenareal kaufen.

Kurz vorher, Ende Mai, war in Berlin zum ersten Mal die Bargeldlose-Festival-Bezahlmethode getestet worden. Jens Balzer, Musikredakteur der "Berliner Zeitung", war entsetzt - auch weil es kaum Proteste gab: "Ich fand das ungeheuer deprimierend, ich geh' seit Jahrzehnten unglaublich gern auf Konzerte und hatte nun das Gefühl, dass ich mir diese NSA-Datenschleuder ans Handgelenk nieten muss und dass hinterher irgendjemand weiß, dass ich morgens um vier noch zwei Schnäpse getrunken habe. Ich will nicht, dass die Leute das von mir wissen. Und ich will auch nicht Zeit mit Leuten verbringen, denen das egal ist, ob irgendjemand ihre Daten hat."

Balzer fühlte sich wie in einem Mini-Überwachungsstaat. Der aber scheint die Zukunft für Konzerte und Festivals zu sein. Denn, um den Schwarzhandel einzudämmen, hat man schon länger mit personalisierten Tickets experimentiert. Beim Kauf des Tickets muss sich jeder identifizieren und beim Konzertbesuch brav seinen Ausweis vorzeigen. Wird diese Prozedur nun mit einem sogenannten RFID-Chip im Armbändchen verknüpft, besitzt man das perfekte Bezahlsystem.

Jedes Festival eine riesige Datensammlung

"Auf diesem Chip ist quasi das Guthaben drauf, das ich mir draufgeladen habe - entweder auf dem Festivalgelände oder online. Und dann bestelle ich ganz normal. Und anstatt mein Portemonnaie zu zücken, halte ich einfach meinen Arm hin mit dem Chip. Der wird dann abgescannt und der entsprechende Betrag abgebucht. Und das war's!" Tommy Nick, Kommunikations- und Marketingdirektor beim Großveranstalter Gemeinsame Sache, ist richtig begeistert von seiner gelungenen Cashless-Premiere. Denn bei denen von seiner Firma gemanagten melt und splash-Festivals bei Dessau - beide mit rund 20.000 Besuchern - funktionierte die Funktechnik schon fast reibungslos.

Nun, nach den Festivals, hat der Veranstalter eine riesige Datensammlung in seinen Computern. Die verzweigten Firmen arbeiten in einer Kölner Villa und einer historischen Fabriketage mit Blick auf die Spree in Berlin-Kreuzberg. Man gibt sich betont locker. Aber, sind meine Daten hier nicht für Marktforscher oder sogar Geheimdienste einsehbar? "Nein! Ich glaube man kann sich da gerne einhacken, in dem Moment, wo sich die Leute das erste Mal personalisieren oder sprich sie aktivieren ihre Accounts, wird sofort verschlüsselt in einen Code. Da muss man keine Angst haben."

Tommy Nick weiß durch seine Datenauswertung schon jetzt ganz genau, dass Pizza das Lieblingsessen war. Und er könnte, wenn er denn wollte, auch schnell zurückverfolgen, welche Pizza von Männern favorisiert wird - oder ob Frauen unter 30 lieber Falafel verzehren. Aber Nick versichert absoluten Datenschutz: "Wir dürfen diese Daten de facto auch gar nicht weitergeben und tun es deswegen nicht. Klar wär's interessant für eine Marke, würde mich auch interessieren als Marke."

Sehr interessant für das Marketing

Aber im Moment geht’s für seine noch Firma erstmal nur um vereinfachte Abläufe. Allein die ganzen Geldtransporte, die man so einspart. In der Zukunft, wenn das Cashless-System erst etabliert und akzeptiert ist, sieht auch Konzertmanager Nick viele Optionen: "Sicherlich könnte man sich auch vorstellen, dass das Mal für Tests ausprobiert wird für Produkte von bestimmten Sponsoren. Klar geht's da für die Sponsoren in erster Linie darum, dass sie davon profitieren, wenn sie Zugriff auf solche Daten hätten."

Gerade für Brauereien sind Festivals, mit ihren klar abgegrenzten Zielgruppen, schon lange optimale Marketing-Werkzeuge. Trinkt der Schwermetaller in Wacken gern eine neue Limo, verkauft man sie mit zielgerichteter Werbung nach dem Festival bundesweit. "Natürlich können wir sehen, die Bar, die da hinten stand, hat besonders gut funktioniert."

Die Funkchip-Technik, die schon längst in Bibliotheken, Hotels und Unimensen benutzt wird, scheint junge Festivalbesucher nicht abzuschrecken. Steffie Grimm war beim melt, und hat sich über kürzere Schlangen am Cocktailtresen gefreut und hatte keine Angst mehr, beklaut zu werden: "Als ich ankam, musste ich eigentlich gar nichts mehr machen, weil ich das tatsächlich schon vorher übers Internet aufgeladen hatte, über Kreditkarte. Deswegen war das eigentlich recht komplikationslos. Das einzige Ärgernis war, dass das ganze Guthaben, das ich aufgeladen hatte, auf dem Bändchen meines Freundes war, und ich jedes mal, wenn ich ein Getränk wollte, zu ihm musste."

Kritiker befürchten Gewöhnung

Allerdings musste sie sich kompliziert online ihr Restguthaben wiederholen - wobei sie mit einem Häkchen auf der Cashback-Website bestätigen musste: "Ich bin kein Roboter." "Ich find's komisch, wenn ich drüber nachdenke. Es ist schon eine Art der Abzocke, wenn jemand am Schluss noch sieben Euro auf seinem Ding hat, wird er sie vermutlich nicht zurückholen."

Vor dem Festival erstmal das Kleingedruckte in den allgemeinen Geschäftsbedingungen lesen? Konzertkritiker Jens Balzer befürchtet, dass Dissidenz, Rebellion und Subversion bald ganz aus der Popkultur verschwinden: "Und so groß jetzt meine Empörung und die Empörung von vielen Leute über diese Datenchips am Handgelenk ist, wahrscheinlich wird man sich auch daran gewöhnen. Man hat immer die Hoffnung, dass es irgend einen Punkt geben wird, wo die Leute sich zusammenrotten und sagen: Bis hierhin und nicht weiter."

Tommy Nick vom melt, scheint das nicht zu befürchten. Er sieht sich als Pionier und hat schon neue Pläne für eine Festival-App, mit der man sein Smartphone zur Geldbörse macht. "Wir werden das jetzt beim Lollapalooza im September de facto auch machen. Und ich würde behaupten, dass die Zahl der Festivals in Deutschland, die das im nächsten Jahr auch machen, sehr nach oben gehen wird."

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