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StartseiteKultur heuteBig Brother beim E-Book18.12.2012

Big Brother beim E-Book

Wie wir beim Lesen überwacht werden

Wer bei Amazon & Co ein E-Book kauft, dem sitzt der E-Book-Anbieter beim Lesen sozusagen auf der Schulter. "Diese inhaltliche Ausspioniererei kann dazu führen, dass tatsächlich groß angelegte Profile meiner Person erstellt werden können", warnt Buchmarktexperte Holger Ehling.

Holger Ehling im Gespräch mit Karin Fischer

Der Amazon Kindle: Spionieren im E-Book. (AP)
Der Amazon Kindle: Spionieren im E-Book. (AP)

Karin Fischer: Das Internet ist eine Datenkrake. Und längst geht es nur noch scheinbar um kostenlose Freundschaftsplattformen oder hilfsbereite Suchfunktionen. Nein, Facebook und Google und alle anderen sind Dienste, die aus oder mit den Daten ihrer Kunden möglichst gute Geschäfte machen wollen. Die Verkaufsstrategien und Kaufempfehlungen bei Amazon – das haben andere Kunden auch bestellt, dies könnte speziell Sie noch interessieren – nimmt man irgendwie hin. Dass aber auch die E-Book-Benutzer mit ihren Bestellungen nach "Big Brother"-Art ausgespäht werden, das ist weniger bekannt.

- Holger Ehling ist Buchmarktexperte und beobachtet die Entwicklungen beim E-Book sehr genau. Herr Ehling, wie funktioniert Orwell im E-Book-Bereich?

Holger Ehling: Ich denke mal, George Orwell hätte sich nicht wirklich träumen lassen, dass das, was heute im E-Book-Bereich gemacht wird, tatsächlich möglich sein würde. Man stelle sich vor: Man geht in einen Buchladen, und plötzlich taucht neben einem jemand auf, der jede Bewegung, die man macht, brav notiert, jedes Buch, das man sich aus dem Regal nimmt, ob man es nun kauft oder nicht, notiert, dann, wenn man was gekauft hat, auch den Kaufpreis notiert, mit einem nachhause geht, sich neben einen in den Sessel setzt, über die Schulter guckt und genau notiert, wann welche Seite aufgeschlagen wird, umgeschlagen wird, wann man eine Pause macht, wo man ein Eselsohr macht und wann man irgendwo weiterliest. So ähnlich funktioniert es bei E-Books. Tatsächlich gibt es keine Bewegung, die Sie mit diesen Dingern machen, die nicht in irgendeiner Form notiert wird und möglicherweise auch zu kommerziellen Zwecken verwendet wird.

Fischer: Aber noch mal, Herr Ehling: Ist es denn mehr als ein gradueller Unterschied, ob ich meine Kaufdaten bei Amazon für elektrische Zahnbürsten oder für elektronische Bücher hinterlasse?

Ehling: Möglicherweise dann doch. Wenn es um Bücher geht, dann habe ich ja nicht nur das physische Konstrukt Buch oder in dem Fall ein elektronisches Konstrukt Buch zur Hand, das irgendwie ursachenneutral zur Reinigung der Zähne verwendet wird, sondern ich interessiere mich möglicherweise für politische Dinge, ich interessiere mich möglicherweise für erotische Dinge. Und es geht eigentlich gar keinen was an, für was ich mich nun genauer interessiere. Das heißt, diese inhaltliche Ausspioniererei kann dazu führen, dass tatsächlich groß angelegte Profile meiner Person, meiner Vorlieben, auch meiner politischen oder religiösen Haltung erstellt werden können, die, wenn sie in falsche Hände geraten würden, tatsächlich mir Schaden zufügen könnten.

Fischer: Gibt es Anzeichen dafür, Holger Ehling, dass andere als sozusagen nur kommerzielle Verwerter diese Daten in die Hand bekommen können?

Ehling: Wir haben ja in der Welt seit dem 11. September 2001 all überall den großen Terroristenwahn. Ich bin gerade mal wieder durch die USA durchgereist. Die Art und Weise von Kontrollen, die man da über sich ergehen lassen muss, die spotten wirklich jeglicher Beschreibung. Und gerade die Provider von Internetdiensten, gerade auch die Anbieter von inhaltlichen Dienstleistungen im Internet werden immer wieder aufs Korn genommen, wenn es darum geht, sicherheitsrelevante Daten irgendwo hin abzuliefern. Das ist also tatsächlich nicht nur so, dass Amazon, Google und Kumpane diese Daten nutzen und eventuell auch an fremde Anbieter zu Werbezwecken verkaufen können, sondern nein: Es ist durchaus möglich, dass eben auch Sicherheitsbehörden sich diese Profile zu Nutzen machen und ob richtig oder falsche Schlüsse daraus ziehen, die möglicherweise eben auch zu meinem Nachteil sein können.

Fischer: Lesegeräte haben ja Hochkonjunktur im Weihnachtsgeschäft. Kann man sich gegen diese Art von inhaltlichem und ganz persönlichem Datenklau irgendwie zur Wehr setzen?

Ehling: Man kann sich eigentlich nicht zur Wehr setzen. Wenn deutsche Datenschützer dagegen vorgehen würden, dann würden sie weitgehend ins Leere tappen, denn die meisten Firmen sind mit ihren Angeboten außerhalb Deutschlands angesiedelt. Man kann gewisse Angebote im Internet nutzen, wie zum Beispiel das Projekt Gutenberg oder den E-Book-Shop von Adobe, die grundsätzlich überhaupt keine Daten über die Leser erheben. Allerdings: Die richtig spannenden, die Bestsellerbücher, die ich gerne auch auf dem E-Reader haben möchte, die kommen von Google, Amazon, Kobo, Barnes & Noble und so weiter und da bin ich tatsächlich mit meinen Daten ausgeliefert.

Fischer: Herzlichen Dank an Holger Ehling für diese kleine Warnung vor Big Brother beim E-Book-Kauf.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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