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StartseiteComputer und KommunikationBig Brother hilft07.03.2009

Big Brother hilft

Neue Haustechnik erleichtert Alten und Kranken den Alltag

<strong>Immer Entwicklungen drehen sich darum, mit Internetdienstleistungen und kleinen Computereinheiten den Alltag der Menschen zu unterstützen. Ambient Assisted Living nennt man diesen Trend, der auch auf der diesjährigen CeBIT stets präsent ist.</strong>

Von Thomas Reintjes

Roboter und Haustechnik sollen im Alltag helfen, meinen Entwickler. (kawada.co.jp)
Roboter und Haustechnik sollen im Alltag helfen, meinen Entwickler. (kawada.co.jp)

Gudrun Stockmanns vom Fraunhofer-Zentrum für intelligente Raumsysteme steht vor einem Spiegel. Genauer gesagt vor einem Badezimmer-Spiegel. Schon von Ferne sieht man, dass dieser Spiegel etwas besonders ist. Denn links und rechts zeigt er auffällige Icons an:

"Dieser Spiegel ist so aufgebaut, dass er als Erinnerungsfunktion im Grunde so kleine Icons oder Bilder zeigt, die das zeigen, was derjenige gerade benutzen soll, um seine tägliche Körperpflege durchzuführen. Zum Beispiel eine Zahnbürste, ist abgebildet. Und in dem Moment, wo ich daran erinnern soll, dass man sich die Zähne putzen soll, wird das Fach, wo die reale Zahnbürste steht, erleuchtet, und man hat so einen kleinen Erinnerungsschub, dass man da hingreift. Und wenn ich dann wirklich diese Zahnbürste heraus nehme, dann gibt es ein weiteres Icon, das mir ein bisschen zeigt, wie man Zähne putzt und auch ein bisschen die zeitliche Einteilung unterstützt."

Gedacht ist die Technik für demente oder alzheimerkranke Menschen. Durch die optische Unterstützung und die Erinnerungsfunktionen sollen sie länger zu Hause in ihrer gewohnten Umgebung bleiben können. Alle Aktionen, die der Benutzer im Badezimmer ausgeführt hat, werden von dem System gespeichert – und weiterverarbeitet.

"Das bedeutet, dieses System erkennt, dass jemand zum Beispiel schon selber sich gewaschen hat, Seife benutzt hat, die Zahnbürste – oder eben auch die entsprechenden Medikamente eingenommen hat – dass das System dann diese Aktionen speichert und dann an den Pflegedienst weiterleitet: Frau Meier hat heute ihre Körperpflege plus Medikamenteneinnahme vollständig selbstständig erledigt. Und dann braucht keiner mehr hinzufahren, sondern man kann das verschieben auf einen anderen Zeitpunkt, der vielleicht auch wieder für Frau Meier kritisch sein könnte."

Das Gerät auf der CeBIT ist nur ein Anschauungsobjekt, mit dem Gudrun Stockmanns und ihr Team in der nächsten Zeit Studien durchführen wollen. Das erste Feedback von Fachbesuchern auf dem Messestand war zwar meist positiv, manche Grenzen des Systems sind aber schon jetzt klar: Wer etwa seine Medikamente aus dem Schrank genommen hat, muss sie nicht zwingend auch eingenommen haben. Zudem kann das intelligente Badezimmer nicht alleine stehen. Um ein Bild über den Zustand einer pflegebedürftigen Person zu bekommen, muss das System mit Komponenten aus Küche oder Schlafzimmer zusammenspielen. Kameras könnten beispielsweise beobachten, wo sich der Bewohner aufhält und ob er sich normal verhält. Spätestens an diesem Punkt ist aber für viele Menschen eine Akzeptanzschwelle überschritten. Philipp Mahr von der Universität Potsdam zeigt deshalb eine Kamera, die zwar Bilder aufnimmt, sie aber nicht mehr überträgt, sondern direkt selbst auswertet.

"Wenn eine Person den Raum betritt, wird sie erkannt, verfolgt, und dann wird geguckt, was für eine Pose sie hat. Also wenn sie zum Beispiel liegt, sie könnte ja auch auf dem Bett liegen, dann wird sie erkannt. Und wenn sie sich lange nicht bewegt und nicht auf dem Bett liegt, könnte man eine Information raussenden wie: Person liegt auf dem Boden, längere Zeit. Das könnte zum Beispiel etwas auslösen wie einen Notruf oder eine Benachrichtigung eines Verwandten, der dann mal durchruft und fragt, ob alles in Ordnung ist."

Um eine solche Bilderkennung mit kleiner, in die Kamera integrierte Hardware wirklich zuverlässig zu gewährleisten, sind allerdings noch viele Arbeiten an den Algorithmen nötig. Vor allem das Erkennen und Verstehen menschlicher Posen bereitet selbst größeren Rechnern noch Schwierigkeiten. Arbeitet sie in einigen Jahren zuverlässig, könnte eine solche Kamera aber tatsächlich in häuslichen Umgebungen eingesetzt werden. Weil sie die aufgenommenen Bilder nicht speichert oder weitersendet, sondern nur analysiert, könnte die Überwachungsatmosphäre in der so genannten intelligenten Umgebung etwas abgemildert werden. Dass zu viel Überwachungstechnik im eigenen Zuhause das Leben nicht unbedingt angenehmer macht, ist auch dem Fraunhofer-Team um Gudrun Stockmanns bewusst.

"Wir haben das Badezimmer gewählt, weil: Das Badezimmer ist ein ganz persönlicher Raum, wo man auch nicht mit Kameras agieren möchte. Und unser Ansatz ist eben auch eher die Umgebung zu nutzen, um Informationen über einen Menschen und dessen Verhalten zu kriegen als eine Kamera."

Ohne Eingriff in die Privatsphäre ist Pflege wohl nie möglich. Die Forscher, die smarte Umgebungen schaffen wollen, versuchen zwar, die Sensor- und Analysetechnik möglichst zu verstecken. Aber bei aller Spielerei mit den bunten Icons des Displayspiegels – viele CeBIT-Besucher dürften das Big-Brother-Badezimmer mit gemischten Gefühlen betrachtet haben.

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