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StartseiteKultur heuteTanzende Botschafter21.06.2016

Bilanz des Impulse-Theater-FestivalsTanzende Botschafter

Seit 1990 ist das Impulse-Festival die wichtigste Plattform für die freie Theaterszene im deutschsprachigen Raum. Noch vor drei Jahren stand die Veranstaltung quasi vor dem Aus. Dann gelang das Gegenteil: Seit diesem Jahr findet das Festival wieder jährlich statt und ist solide mit 600.000 Euro ausgestattet.

Von Dorothea Marcus

Ein roter Theatervorhang (picture alliance / dpa - Marcus Brandt)
Das "Impulse"-Festival ist auch in diesem Jahr ein aufregender Think Tank aus vielen Perspektiven. (picture alliance / dpa - Marcus Brandt)

Anne Tismer: "Abschlüsse an Kunst- und Musikschulen sind nicht ausreichend. Ein Bachelor-Abschluss ist auf keinen Fall ausreichend. Quereinsteiger werden nicht angenommen. Man muss mindestens die englische und französische Sprache beherrschen ... "

Den "Botschafter" tanzt und besingt in rasender Geschwindigkeit die Schauspielerin Anne Tismer hier, mit all den formalen Auflagen seines Berufsstands. Gintersdorfer/Klaßen sind in ihrer neuen Arbeit einer Figur nachgegangen, die einen schweren politischen Job hat. Ausrichten kann sie nicht viel – und muss mit korrupten Machthabern so lange freundlich tun, bis das deutsche Auswärtige Amt einen anderen Kurs fährt. Mit Interviews von zwei Ex-Botschaftern der Elfenbeinküste führt das Performance-Kollektiv die neokolonialen Verstrickungen und Kompliziertheiten vor, denen Europäer in Westafrika ausgesetzt sind – und nebenbei werden in ihrem "deutsch-afrikanischen Singspiel" in Schnellform die Gewaltherrscher Westafrikas zelebriert.

Was soll man da nur machen als Boschafter? Lieber vornehm ignorant heraushalten aus der Kultur des Landes? So wie Botschafter Soutterain, der sich in Putschzeiten die Zeit in seiner Residenz mit Musik von Bach vertrieb. Oder kulturell umarmen, so wie Botschafter Ritter mit blutjunger guinesischer Frau und sieben Adoptivkindern? Und was macht man, wenn man mit einem der blutigsten Warlords der westafrikanischen Geschichte arrangieren muss – so wie Charles Taylor in Liberia? Jeder der elf schwarzen und weißen Performer, Tänzer und Musiker darf wahlweise mal Botschafter oder Diktator spielen. Der Höhepunkt ist, als das Ensemble fröhlich Taylors blutig-zynischen Wahlkampfslogan tanzt und singt, mit dem er tatsächlich die Wahl gewann – obwohl er vorher ganze Volksgruppen ermorden ließ:

"He killed my Ma ... he killed my Pa ... I'll vote for him ..."

Eine kluge und tatsächlich sinnlich-lustige Betrachtung von neokolonialen Verstrickungen, hinter der immer wieder die Frage steht: Wie kann Europa in Afrika überhaupt eingreifen, und mit welchen Konsequenzen? Eine Frage, die am Ursprung so vieler heutiger politischer Probleme steht. Am nächsten Tag betrachtet das Kollektiv "Rimini Protokoll" europäische Probleme aus ganz anderer Perspektive:

In "Evros Walk Water" baut das Publikum sein eigenes Konzert nach – frei nach John Cages dreiminütigem Stück "Water Walk". Mit Schlauchboten, Plastik-Maschinengewehren, Gießkannen und Gongs spielen wir es nach. Die Anweisungen dazu geben über Kopfhörer 15 Flüchtlingsjungen, in einem Heim im Zentrum von Athen gestrandet – und erzählen nebenbei, woher sie kommen, wie die Flucht war und was sie so für Musik hören. Die Gefahr, eins von so vielen Flüchtlings-Rührstücken auf deutschen Bühnen zu werden, entgeht Rimini-Protokoll dadurch, dass sie die Protagonisten eben gerade nicht auftreten, sondern durch uns Vertreten lassen. Schicksal ist eben letztlich Zufall.

"Die Arme sollen in exakt rechtem Winkel hochgehalten werden. Der Blick soll starr nach vorn gerichtet sein. Der Gesichtsausdruck ernst."

Eifrig tanzen der Schwarze Julian Warner und der Weiße Oliver Zahn in "Situation mit Doppelgänger" nach Anweisungen aus dem Lautsprecher. Sie nennen es nicht Tanzabend, sondern "Essayperformance": Sie demonstrieren, wie Körperbilder von den Blicken gemacht werden, die auf sie fallen. Wie schwarze Tanzformen von weißen popkulturell vereinnahmt werden, und dass dies eine lange, koloniale Geschichte hat – die ganz schön verwirrend ist. Was ist parodiert, was ironisch, was ernst gemeint, wenn Weiße Schwarze nachmachen, die Weiße nachmachen? Trotz aller Gehirngymnastik ist es sehr spannend, wie die Arbeit der neuen Stars der freien Szene eine neue Perspektive auf eigene rassistische Zuschreibungen wirft.

"Start cooking – Recipies will follow" ist das Motto der "Impulse" in diesem Jahr. Leiter Florian Malzacher fasst so seine Diagnose vom heutigen Standort der freien Szene zusammen:

"Es ist so, dass Künstler meinen: es reicht nicht zu sagen, es ist alles so und so kompliziert, sondern den Wunsch haben, sich zu positionieren, einen Zugriff auf die Themen zu finden und sich sogar direkt einmischen. Und daher ist das Motto: Starte zu kochen, und dann wird das Rezept schon kommen, beim Handeln, beim Kochen. Und zwar nicht, weil es uns von außen jemand gibt, sondern weil wir es selber finden, während wir handeln."

Und auch das konkrete Einmischen findet bei den Impulsen an vielen Stellen statt. Am sinnfälligsten wohl in der Debatte im Düsseldorfer Rathaus "Kunst Macht Politik", an der Politiker ein Jahr vor der NRW-Landtagswahl ihre Kulturpolitik vorstellten und von Künstlern und Publikum hinterfragen lassen konnten. Enger können Kunst und Politik nicht verzahnt werden. Das "Impulse"-Festival ist auch in diesem Jahr ein aufregender Think Tank aus vielen Perspektiven.

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