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Bilderkrieg

Proteste in islamischen Ländern gegen Mohammed-Video

Von Markus Bickel, Frankfurter Allgemeine Zeitung

Feuer und wütende Proteste auf dem Gelände der Deutschen Botschaft im Sudan. (picture alliance / dpa)
Feuer und wütende Proteste auf dem Gelände der Deutschen Botschaft im Sudan. (picture alliance / dpa)

Da sind sie wieder, die altbekannten Bilder: brennende amerikanische Fahnen, wütende Mobs aufgebrachter arabischer Männer. Und Tote – in Libyen und im Libanon, im Jemen und Tunesien, und wer weiß wo bald sonst noch zwischen Rabat und Riad. Die Botschaft, die in Amerika und Europa ankommt, ist eindeutig: Der Arabische Frühling ist vorbei, die muslimische Welt zurück auf null.

Ein kleiner Film genügte, den Nahen Osten in Flammen zu setzen. Zumindest auf den ersten Blick. "Unschuld der Muslime" heißt das diffamierende Machwerk, das den muslimischen Propheten Mohammed als sexsüchtigen Frauenheld und gewaltgeilen Kinderschänder zeigt. Seine in Amerika lebenden Produzenten müssen sich aus Angst vor Rache inzwischen verstecken. Und in Bagdad und Bengasi, in Tunis und Sanaa können sich amerikanische Diplomaten ihres Lebens nicht mehr sicher sein.

Doch die angeblich seit Juli im Internet kursierenden Ausschnitte des Films scheinen nur ein Anlass für die Proteste gewesen zu sein. In Libyen war es etwas anderes: Den Jahrestag des 11. September nahmen militante Gruppen zum Anlass, den Al-Kaida-Führer al Libi zu rächen. Der gebürtige Libyer war im Juli in Pakistan bei einem Raketenangriff getötet worden. Er war ein enger Gefolgsmann Usama Bin Ladins. Dessen Nachfolger Zawahiri hatte persönlich dazu aufgerufen, den mutmaßlich von Amerika ausgeübten Angriff auf al Libi zu vergelten. Der 11. September bot sich dazu an.

Anders als in Ägypten war die Aktion in Bengasi von langer Hand geplant. Bewaffnet zogen die Angreifer vor das Konsulat. Ausgestattet mit Panzerabwehrhandwaffen und Gewehren – Transparente waren nicht zu sehen. Nicht so in Kairo: Hier erklommen unbewaffnete Demonstranten die Botschaftsmauern. Die Empörung über den antiislamischen Film stand ihnen ins Gesicht geschrieben, ägyptische Medien hatten tagelang darüber berichtet. Selbst die Straßenschlachten, die sich junge ägyptische Aktivisten die ganze Woche über mit der Polizei lieferten, wirkten im Vergleich zu den bürgerkriegsähnlichen Zuständen in Bengasi wie ein Räuber-und Gendarm-Spiel. Wichtiger noch: Aus Sorge um die nationale Sicherheit zog Ägyptens Muslimbruderschaft ihren Aufruf zu einer Demonstration nach dem Freitagsgebet zurück.

Präsident Mursi hatte schon zuvor deutlich gemacht, dass bei aller Empörung über den Film Gewalt gegen Ausländer und diplomatische Vertretungen nicht geduldet werde. Dass Staatsräson und Sorge um die regionale Stabilität sein Handeln bestimmen, ist beruhigend. Denn die Affäre um den islamfeindlichen Film hat das Zeug zu einem neuen Karikaturenstreit.

Überall in der islamischen Welt griffen Anfang 2006 aufgebrachte Muslime dänische Botschaften an. Karikaturen hier, ein Film da: Dass antiwestliches Ressentiment so kurz nach dem Sturz Mubaraks, Ben Alis und Gaddafis nicht ausgestorben ist, überrascht allenfalls in seiner Heftigkeit. Liberale arabische Stimmen verweisen gerne darauf, dass auch die Revolutionen in Amerika und Frankreich Jahre gebraucht und viele Tote gekostet haben, ehe sie siegten. Das entschuldigt nichts. Es öffnet aber den Blick dafür, dass der Arabische Frühling gerade erst begonnen hat – und gesellschaftliche Aufklärung seine Zeit braucht. Ein langer Weg nicht ohne Rückschläge und Widersprüche: Bei den Ausschreitungen am Rande des Tahrir-Platzes waren dieser Tage zum Teil dieselben Leute aktiv, die sich vor anderthalb Jahren des Beifalls des Westens sicher sein konnten. Nur dass es damals gegen Mubarak ging.



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