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StartseiteCampus & Karriere"Bildung ist keine Ware, die wir kaufen können"09.12.2008

"Bildung ist keine Ware, die wir kaufen können"

Gesine Schwan kritisiert Konzentration auf Eliten

Die SPD-Kandidatin für das Amt der Bundespräsidentin, Gesine Schwan, hat ein Umdenken in der Bildungspolitik gefordert. Bildung dürfe sich nicht nur auf eine "zehnprozentige Elite" konzentrieren, sondern müsse den Einzelnen mit seinen unterschiedlichen Möglichkeiten fördern. Das "Elitengerede" der vergangenen zehn Jahre werde "nicht zu einer gemeinschaftlichen Gesellschaft führen", so Schwan.

Gesine Schwan im Gespräch mit Ulrike Burgwinkel

Gesine Schwan (Deutschlandradio - Bettina Straub)
Gesine Schwan (Deutschlandradio - Bettina Straub)

Ulrike Burgwinkel: PISA-, IGLU-, OECD-Studien, Hochschulrankings, sie alle haben Bewegung in die Bildungslandschaft gebracht, Spezialgipfel und Konjunkturprogramme provoziert, zahllose Konferenzen und Reformvorschläge nach sich gezogen. Eins damit ist zumindest erreicht: Die Bildung steht wieder auf der politischen Agenda. Jetzt legt Gesine Schwan, ehemalige Präsidentin der Europa-Universität Viadrina und SPD-Kandidatin für das Amt der Bundespräsidentin, ein Zukunftspapier zur Bildung vor. Ich freue mich sehr, dass sie Zeit für uns hat. Guten Tag nach Berlin, Frau Schwan!

Gesine Schwan: Einen schönen guten Tag!

Burgwinkel: Frau Schwan, was ist denn Ihr Kernanliegen?

Schwan: Bei diesem Papier, wo Gerechtigkeit und Bildung das Thema waren, nämlich Bildung als die zentrale Forderung nach Gerechtigkeit heutzutage. Und ich verbinde das auch mit konkreten Schlussfolgerungen, denn ich glaube, dass die Bildung, und zwar eine umfassende, nicht eine, die nur sehr ökonomistisch reduziert verstanden wird, sondern wo wirklich Persönlichkeitsbildung, Urteilsbildung, die Fähigkeit, auch kritisch über den Tellerrand zu schauen, dazugehören, dass diese Bildung die Voraussetzung ist, damit wir in Deutschland, in Europa heil in eine Zukunft kommen. Das ist ganz wichtig. Und dazu braucht man persönliche Kontakte. Bildung ist ein persönlicher Vorgang, ist keine Ware, die wir kaufen können, und das braucht natürlich auch Investitionen. Und um nun diese Situation mit der gegenwärtigen Krise zu verbinden und den Vorschlägen, die zur Konjunkturbelebung oder gegen die Rezession gemacht werden, scheint es mir wichtig, den prinzipiell zu begrüßenden Vorschlag von Bildungsministerin Schavan, dabei in Bildung zu investieren, aufzunehmen. Allerdings denke ich nicht so eng, dass damit nur Gebäudesanierung verbunden ist. Das heißt, wir müssen jetzt die langfristige, nachhaltige Politik für Bildung verbinden mit akuten Ankurbelungen, zum Beispiel auch so, dass die Universitäten, aber auch die Kindergärten, die Schulen von sich aus bestimmen können, etwa wo brauchen sie neues Personal im Sozialbereich, aber auch einfach im Unterrichtsbereich, denn da hapert es ja am meisten.

Burgwinkel: Jetzt haben Sie ganz allumfassend ein Bildungskonzept dargelegt, das ja im Grunde genommen von der frühkindlichen Bildung bis zur Elternschule geht. Was ich interessant finde, ist Ihr Verständnis von einem anderen Bildungsbegriff. Gehört da auch so was wie Herzensbildung dazu, Persönlichkeitsbildung, und wenn ja, wie soll man das fördern, wenn man nicht, sagen wir, auch das Elternhaus, die sozialen Bedingungen mit erfasst?

Schwan: Es gehört unbedingt dazu, denn um die Wirklichkeit aufzunehmen, zum Beispiel auch die anderen Menschen um mich herum, muss sich auch eine Gefühlskultur entwickeln. Wir arbeiten nicht nur über den Kopf. Über lange Zeit ist zum Beispiel auch die musische Bildung dafür sehr wichtig gewesen, die ist sehr in den Hintergrund gerückt. Aber gerade die Gefühlsseite von Bildung, die Gefühlsseite auch von Denken, von Wirklichkeitserfassung, gehört natürlich sehr in die frühkindliche Zeit, wie überhaupt Gefühlsdimensionen wie Selbstwertgefühl der entscheidende Schlüssel sind für Lernbereitschaft, für Offenheit, für Neugier. Und deswegen ist auch Bildungspolitik eng mit Familienpolitik verknüpft. Das kann man gar nicht mehr voneinander trennen. Man kann also nicht nur sagen, ich fange bei den Krippen an, sondern im Grunde muss man es verbinden mit einer Familienpolitik, die partnerschaftliche Familien begünstigt, sodass wirklich für beide Eltern, jedenfalls für die, die für die Kinder sorgen, die Verbindung von ruhiger Erziehung der Kinder und aber auch Betätigung im Berufsfeld möglich ist. Das hat noch weitere Konsequenzen, sogar bis hin zu neuen Biografien, weil wir dann die Rushhour zwischen 25 und 50, wo alles reingepackt werden muss, einschließlich Karrierehöhepunkt, entzerren müssen und beide am besten in der Zeit, sagen wir mal, nur zu 70 Prozent arbeiten und danach bis zum 65. Lebensjahr sich immer noch steigern können. Aber diese frühkindliche Phase ist ganz wichtig, denn sie legt den Grund dafür, dass Menschen mit Neugier, mit Offenheit, mit Energie, mit Zuversicht in die Welt gehen und dann auch die Welt kennenlernen wollen und die Welt auch gestalten wollen. Und zur Bildung gehört eben auch die Verantwortlichkeit für die Welt.

Burgwinkel: Das sind sehr schöne Wünsche. Ich glaube, niemand würde Ihnen wirklich widersprechen wollen. Das Problem ist nur, was ich sehe, a.) ist es eine Sache des Geldes, aber b.) ist es nicht eine Sache nur Geldes.

Schwan: Nein, natürlich nicht. Und was das Geld angeht, so kann man ja zum Beispiel, und dafür gibt es viel Plausibilität, Finanzierungen, die in der nächsten Zeit und in den nächsten Jahren sowieso vorgesehen waren, vorziehen, sodass sie jetzt wirklich massiv wirken, was die Notwendigkeit eines Konjunkturprogramms ist. Aber es ist in der Tat nicht nur eine Frage des Geldes, es ist auch eine Rückbesinnung darauf, dass Bildung zum Beispiel nicht nur sich auf zehnprozentige Elite konzentrieren darf, sondern im Gegenteil jeden Einzelnen mit seinen verschiedenen, seinen unterschiedlichen Fähigkeiten und Talenten positiv in den Blick nehmen muss. Die Konzentration auf jedes Individuum, die wohlwollende Leistungsforderung, dort, wo die Menschen stark sind, und die Abkehr davon, dass wir immer nur uns für ein paar interessieren und den Rest der Kinder als Verlierer von der Schule gehen lassen, das sind mentale Veränderungen, kulturelle Veränderungen, die dringend geboten sind und die eigentlich auch einer Demokratie viel mehr entsprechen als die Art von Wettbewerbs- und Ehrgeizgesellschaft und Elitengerede, die wir in den letzten zehn Jahren gefördert haben und die wirklich nicht zu einer gemeinschaftlichen Gesellschaft führen, zu einer Gesellschaft, die gemeinsam anpackt. Und das brauchen wir jetzt. Das sehen wir ganz deutlich in der Krise.

Burgwinkel: Gerechtigkeit und Bildung für eine Politik der Chancen. Gesine Schwan über ihre Präferenzen in der Bildungspolitik.

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