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StartseiteCampus & KarriereVerwirrende Vielfalt im deutschen Schulsystem03.09.2016

BildungVerwirrende Vielfalt im deutschen Schulsystem

Nach dem vierten Schuljahr müssen Grundschullehrer eine wichtige Lebensentscheidung für ihre Schüler treffen. Sie empfehlen ihnen entweder den Besuch einer Haupt- einer Realschule oder eines Gymnasiums. In vielen Bundesländern gibt es mittlerweile allerdings eine ganze Reihe an alternativen Schulformen.

Von Katrin Sanders

Schüler und Eltern in einer Kölner Grundschule am letzten Schultag vor den Ferien (Andreas Diel)
Die Grundschule ist nach der vierten Klasse beendet - eine deutsche Tradition. (Andreas Diel)
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Während die Viertklässler am Haselrain in Wuppertal noch lernen, ihre Jacken ordentlich aufzuhängen, langsam zu rennen und leise zu sein, werden bald schon entscheidende Weichen für sie gestellt: Erste Beratungsgespräche zum Schulwechsel stehen noch vor den Herbstferien an. Dazu Bildungsforscher Klaus-Jürgen Tillmann:

"Ergibt sich ja aus der deutschen Besonderheit, dass wir bei uns eine gemeinsame Grundschule schon nach der vierten Klasse beenden und dann Kinder auf verschiedene Schulformen aufteilen. Das ist eine deutsche Tradition. Und da wir früh aufteilen, haben wir diese ganze Schulformenproblematik, mit der wir uns heute beschäftigen."

Mit jeder Schulform ist eine Prognose verbunden

Hauptschule, Realschule oder Gymnasium? Mit jeder Schulform ist eine Prognose verbunden: Gehört das Kind später an die Werkbank, den Schreibtisch oder schafft es das Abitur? Lehrkräfte an Grundschulen müssen eine Lebensentscheidung treffen - und vielen ist nicht wohl dabei. Sagt Bildungsforscher Heinz-Günter Holtappels von der Technischen Universität Dortmund:

"Denn das kann man gar nicht abschätzen. Man kann im Grund keine sichere Prognose geben und von den Grundschullehrkräften verlangen wir hier Unmögliches. Die tun sich mit der Diagnose der Lernentwicklung schon schwer. Und nun sollen sie die passende Schulform herausfinden."

Gegen die frühe Festlegung spricht eine Trefferquote bei den Schulempfehlungen, die nicht überzeugend ist. Gesamtschulkonzepte haben dagegen Zulauf. Sächsische Schüler etwa besuchen nach der Grundschulzeit entweder das Gymnasium oder die Oberschule. Die Oberschule vereint Haupt- und Realschule unter einem Dach.

Alternative Schulformen

Ähnlich kombiniert die Sekundarschule in NRW zwei Systeme. Auch sie ohne eigene Oberstufe, aber mit der Möglichkeit zum Abitur an anderen Schulen. Dem Trend, Schulformen zu bündeln, folgte 2011 auch Gabriele Waminski-Leithäuser, damals Bildungsministerin in Baden-Württemberg:

"Die Gemeinschaftsschule ist eine weiterführende Schule, die auf jeden Fall die Sekundarstufe eins umfasst. Die Schüler bleiben auf der Gemeinschaftsschule von der Klasse 5 bis zur Klasse 10 zusammen. Das heißt, bis zur Klasse 10 bleibt offen, welcher Schulabschluss von den Schülerinnen und Schülern erreicht werden kann."

Ob die neue - zusätzliche - Stadtteilschule in Hamburg, die Realschule plus in Rheinland-Pfalz oder die in Bayern beliebte "Mittelstufe plus" - rund 80 Schultypen der Sekundarstufe I werden heute gezählt. Darunter viele neue Namen - aber vergleichbare didaktische Ideen: Gemeinsamer Unterricht fordere anderes Arbeiten für unterschiedliche Lerntypen und Talente, sagen diese Lehrkräfte  an einer integrierten Gesamtschule in Hessen:

"Der Vorteil dieser Arbeitsweise ist, dass es wirklich eine ganz andere Einstellung ist zur Arbeit. Dass Arbeit nicht nur, wie teilweise an Gymnasien, fachvermitteln heißt, sondern wirklich erziehen, begleiten, Hilfe, Unterstützung. Erdkunde, Geschichte, Politik. Da wird viel mehr projektorientiert gearbeitet. Viel mehr über lange Fristen. Referatkultur. Informationen sammeln, Informationen verdichten. Das ist eine Form der Aufgabenstellung, die ist sehr reizvoll. Das machen die sehr gern."

Hauptschulen fehlt es an Zulauf

Reformfreude pro Gemeinschaftsschule ist ein Motiv bei vielen Strukturreformen. Föderalismus - jedem Bundesland sein eigener Bildungsgang - ein weiteres. Und schließlich bereicherten Anfang der neunziger Jahre die DDR-Bundesländer einmal mehr die Vielfalt bei den Schulformen. Klaus-Jürgen Tillmann:

"Die haben alle gesagt: Wir wollen keine Hauptschule mehr und haben neben dem Gymnasium noch nur noch eine Schulform, die heißt dann Mittelschule oder Sekundarschule."

Mit einiger Verzögerung kommt dieser Trend nun auch in den westlichen Bundesländern an. Weil es den Hauptschulen dort vielfach an Zulauf oder auch an politischer Unterstützung fehlte, werden immer mehr die Weichen in Richtung zweigliedriges System gestellt: Berlin ist ein Beispiel dafür, ebenso Niedersachsen und Schleswig-Holstein, wo Eltern nach der Grundschule nur mehr die Wahl zwischen Gymnasium und Gemeinschaftsschule treffen müssen. Versprochener Vorteil: Das Kaffeesatzlesen noch vor Ende der Grundschulzeit soll ein Ende haben.

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