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StartseiteCampus & Karriere"Wir haben zu wenige individualisierte Angebote"03.01.2018

Bildung"Wir haben zu wenige individualisierte Angebote"

Internationale Forscher haben über Jahre hinweg untersucht, wie Kinder und Jugendliche aufwachsen und lernen. Dies hänge stark von der soziale Lage, dem eigenen Engagement und dem sozialen Wandel ab, sagte der Psychologe Rainer Silbereisen im Dlf. Es brauche mehr Individualisierung der Lernorganisation.

Rainer Silbereisen im Gespräch mit Michael Böddeker

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Schüler der Geschwister-Scholl- Schule in Tübingen melden sich 2012 während des Unterrichts.  (dpa / Franziska Kraufmann)
Das deutsche Bildungssystem stelle sich als sehr viel positiver dar, als man dachte, sagte der Psychologe und Herausgeber der Studie "Pathways to adulthood" Rainer Silbereisen im Dlf (dpa / Franziska Kraufmann)
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Michael Böddeker: Kinder und Jugendliche wachsen heute deutlich anders auf als vor ein paar Jahrzehnten, die Digitalisierung ist dabei nur ein Stichwort. Das beeinflusst natürlich auch die Art, wie Kinder und Jugendliche lernen. Mit diesen Veränderungen hat sich eine internationale Forschergruppe befasst, darunter Psychologen, Soziologen und Erziehungswissenschaftler. Über Jahre hinweg haben sie unter anderem die Schulbildung in mehreren Ländern untersucht. Und so ist ein neues Buch entstanden, "Pathways to adulthood" heißt es, also "Pfade des Erwachsenwerdens".

Einer der Herausgeber ist Rainer Silbereisen, Professor für Psychologie an der Universität Jena. Mit ihm habe ich gesprochen und ihn gefragt: In Ihrem Buch ist die Rede von einem "Pfad-Modell" für den Bildungs- und Berufsweg, und von ganz bestimmten Punkten auf dem Weg, die dabei besonders wichtig sind. Was ist damit gemeint?

Rainer Silbereisen: Ja, also Pfade zum Erwachsenwerden, wie ich das sagen würde, der Plural ist dabei bedeutsam. Es gibt nicht einen Weg, sondern viele. Und diese vielen Wege hängen von bestimmten Bedingungen ab, und dazu gehören drei ganz besonders: Das eine ist die soziale Ungleichheit und die soziale Lage, in der die Menschen leben, das Zweite ist ihre Motivation, ihr Engagement, sich mit Lernen zu beschäftigen, und das Dritte sind die Unsicherheiten, die aus dem sozialen Wandel kommen. Und dieses Wechselspiel produziert verschiedenste Wege, und wenn man das studieren will, muss man in verschiedenen Ländern forschen, und man muss verschiedene Altersgruppen forschen, und man muss im Längsschnitt forschen, also über viele Jahre die gleichen Leute immer wieder untersuchen.

"Deutschland stellt sich viel positiver dar, als man dachte"

Böddeker: Das haben Sie gemacht, über Jahre hinweg. Was sind für Sie so die Kernergebnisse, die dabei herausgekommen sind?

Silbereisen: Ja, also ich will es am besten nach den drei Punkten wiederum sagen: Viele Urteile und Vorurteile über die Folgen unterschiedlicher Schulsysteme können so einfach nicht gelten. Es ist nicht so, dass das deutsche Schulsystem mit seinen verschiedenen Schularten und der frühen Aufteilung in verschiedene Stränge wenig flexibel ist, große soziale Ungleichheit perpetuiert und so weiter, denn Ähnliches finden Sie auch in angelsächsischen Ländern, wiewohl die ein ganz anderes System haben. Es hängt immer davon ab, was man betrachtet.

So ist Kanada beispielsweise ein positiver Fall, die USA aber nicht, und Deutschland in der Zeit des sozialen Wandels, der Globalisierung, der großen Rezession vor einigen Jahren stellt sich als sehr viel positiver dar, als man dachte. Und das zeigen wir und das zeigen unsere Forscher dadurch, dass sie große internationale Studien wie PISA und TIMSS reanalysieren, vergleichen, jeweils über Jahre, und den Bildungs- und Berufserfolg betrachten. Es hängt also ab von den Umständen und von der Person.

"Viele Jugendliche haben kein Schulengagement"

Böddeker: Auch wenn es jetzt in Deutschland vielleicht nicht so schlimm ist, wie man das oft annimmt, man kann ja trotzdem von den Ländern lernen, die es noch besser machen. Kanada haben Sie gerade genannt - was könnte man sich von denen abschauen?

Silbereisen: Ich glaube, es ist ein größeres Ausmaß an Individualisierung oder Zurechtpassen der Lernumstände, der Lernorganisation, der Schule, der Universitäten, der Berufsausbildung auf die Lebenslage der Menschen. Ich muss mich bemühen, auf die Lebenslage einzugehen. Wer in üblen Umständen lebt, wird große Schwierigkeiten haben, ohne besondere Maßnahmen ein freudiger und erfolgreicher Lerner zu sein. Und dafür gibt es Programme, und die produzieren die Unterschiede.

Böddeker: Und wie sehen die Programme aus, also solche Förderprogramme, die in Kanada zum Beispiel greifen?

Silbereisen: Ja, also ich glaube, das wichtigste Stichwort ist Erfolg, also Erfolgserlebnisse, des eigenen Engagements. Und das Engagement ist das, was die Motivation, also den Anreiz treibt. Viele Jugendliche haben schlicht und einfach kein Schulengagement. Das kann man dann auch differenzieren in verschiedene Aspekte, aber der Grundtatbestand ist der, das kann man lernen, das kann man fördern. Und wenn man das tut, dann werden sich die Leute mit dem Stoff mehr auseinandersetzen, mit dem Umständen mehr auseinandersetzen. Sie werden an Unsicherheiten nicht verzweifeln, und sie werden vor allen Dingen kein Schul-Burn-out, wie man das heute nennt, zeigen.

Böddeker: Bedeutet das auch, dass man auf so was wie Schulnoten verzichten müsste, weil die demotivieren?

Silbereisen: Darüber haben wir nicht geforscht, das wäre jetzt eine private Meinung. Ich glaube, dass solange das Leben organisiert ist nach Noten oder Ähnlichem, ist es nicht falsch, das in der Schule auch zu machen, aber man muss sich fragen, was benotet wird.

"Darauf achten, dass die Menschen Zielvorstellungen entwickeln können"

Böddeker: Aus all diesen Analysen, die in der Forschungsarbeit stecken, was ergeben sich daraus für Handlungsempfehlungen für die Politik?

Silbereisen: Ja, wir haben also jedes Kapitel mit solchen Überlegungen abgeschlossen. Der wesentliche Punkt ist, was soziale Ungleichheit angeht: Ich muss verhindern, dass das perpetuiert wird, dass das weitergetragen wird, und das kann ich durch eine gescheite Organisation der Ausbildung machen.

Was das Engagement anbelangt, da muss ich darauf achten, dass die Menschen Zielvorstellungen entwickeln können, Werte entwickeln können, was ihnen wichtig ist. Also ob es ihnen zum Beispiel wichtig ist, Freude zu haben an dem, was sie lernen, ob es ihnen wichtig ist, etwas damit anstellen zu können, ob es ihnen wichtig ist, geringe Kosten zu haben, also auch in übertragenem Sinne - Aufwand et cetera. Und je nachdem kann ich im Prinzip zum gleichen Engagement kommen durch unterschiedliche Maßnahmen. Jetzt darf man nicht meinen, nun müsse jeder individuell behandelt werden, sondern unsere These ist, dass wir eben zu wenige individualisierte Angebote haben.

Böddeker: Das heißt auch für Deutschland runtergebrochen, es bräuchte mehr Angebote für Menschen, die im Moment benachteiligt werden im Schulsystem?

Silbereisen: Also was wir machen, ist, wir teilen ja unsere Schulpopulation auf nach Leistung, früherer Leistung, nach Elternhintergründen, nach Lehrerurteil - wenn Sie so wollen, sind das dann drei Wege oder dreieinhalb oder sonst was -, aber innerhalb jedes dieser Schulzweige kann ich weiter differenzieren, nämlich innerhalb des Unterrichts. Das ist das, was die Angelsachsen machen, die machen aber nur das und nichts anderes. Und dann hängt es sehr stark davon ab, wie in den USA beispielsweise, wie viel Geld eine Schule überhaupt hat. Wenn ich also in einer Gegend lebe, die eh schlecht gestellt ist, dann ist auch die Schule schlecht, weil die Lehrergehälter schlechter sind, denn die kommen aus dem Gemeindesteueraufkommen. Das ist bei uns zum Glück nicht der Fall.

Böddeker: Rainer Silbereisen ist Herausgeber des neuen Buchs "Pathways to Adulthood", also zu Deutsch "Pfade des Erwachsenwerdens". Mit ihm hab ich darüber gesprochen, wie sich Aufwachsen und Lernen international verändert. Vielen Dank für das Gespräch!

Silbereisen: Bitte sehr!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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