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Seit 18:00 Uhr Nachrichten
StartseiteTag für TagDer Einfluss der Gülen-Bewegung in Deutschland 16.01.2014

BildungseinrichtungenDer Einfluss der Gülen-Bewegung in Deutschland

Millionen Menschen weltweit berufen sich auf den muslimischen Prediger Fethullah Gülen. Er stammt ursprünglich aus der Türkei und lebt heute im Exil in den USA. Auch in Deutschland wächst die Zahl seiner Anhänger. Die Gülen-Bewegung engagiert sich hierzulande in Dialogvereinen und betreibt Bildungseinrichtungen.

Von Jan Kuhlmann

Leeres Klassenzimmer (picture alliance / dpa / Stefan Sauer)
Anhänger von Fethullah Gülen betreiben in Deutschland Schulen (picture alliance / dpa / Stefan Sauer)
Weiterführende Information

Regierungskrise - Erdogan und die Verschwörungstheorie (Deutschlandfunk, Themen der Woche, 11.01.2014)

Türkei - Gülen-Bewegung "ist eine Sekte" (Deutschlandfunk, Interview, 30.12.2013)

Das Berliner Haus der Kulturen der Welt vor einigen Monaten. Auf der Bühne singt ein Chor das jüdische Volkslied "Hava Nagila". Die Frauen und Männer gehören zum "Chor der Zivilisationen", einem ganz besonderen Ensemble aus der türkischen Stadt Antakya: Hier singen Muslime, Aleviten, Christen und Juden zusammen. Am Ende erhebt sich das Publikum begeistert.

In der vordersten Reihe klatscht Tovia Ben Chorin, liberaler Rabbiner der Jüdischen Gemeinde zu Berlin. Er ist von dem Konzert so begeistert, dass er spontan auf die Bühne läuft und den Chorleiter umarmt.

"Wenn ich mir vorstelle, ein jiddisches Lied auf Türkisch zu hören, und ich sitze hier in Berlin und höre dieses Lied, natürlich wärmt das mein Herz. Oder das Hava Nagila sogar auf Hebräisch. Wir sehen, wie viel Kraft in der Musik da ist. Religion und Musik müssen zusammengehen. Und die können oft auch das Leiden versüßen wieder und die Hoffnung nicht aufzugeben."

Auf die Beine gestellt hat das Konzert Ercan Karakoyun, ein Mann mit kurz geschnittenen Haaren und dunklem Anzug. Karakoyun ist Vorsitzender des "Forums für Interkulturellen Dialog", kurz FID – ein Berliner Verein von türkischstämmigen Muslimen.

"Die Botschaft, die wir vermitteln wollen, ist Multireligiosität, die ist, dass die drei monotheistischen Religionen sehr gut miteinander können, dass sie eine Zukunft gemeinsam in Frieden wollen."

Gülen-Bewegung hat weltweit Anhänger

Ehrenvorsitzender des Vereins ist Fethullah Gülen, ein türkischer Prediger, der nicht nur in seiner Heimat große Popularität besitzt. Millionen von Anhängern zählen weltweit zur Gülen-Bewegung. Auch Ercan Karakoyun und das FID:

"Fethullah Gülen ist ein muslimischer Prediger, der in der Türkei vielleicht als Erster auf die religiösen Minderheiten zugegangen ist, der sich dort für die Rechte der ethnischen und religiösen Minderheiten stark gemacht hat. Und genau dieser Ansatz, auf den Andersgläubigen zuzugehen, das ist ein Ansatz, der uns auch hier in Deutschland, in Berlin dazu motiviert hat, eine Institution zu gründen, die genau diesen Ansatz wählt, um einen Beitrag zum gesellschaftlichen Zusammenhalt zu leisten."

Ercan Karakoyun, Sohn türkischer Einwanderer, ist in Dortmund aufgewachsen. Als junger Muslim in Deutschland habe er sich viele Fragen gestellt, erzählt er: Wie sollen Muslime mit Andersgläubigen umgehen? Sind Islam und Demokratie miteinander vereinbar?

"Als ich dann auf ein Buch von Gülen gestoßen bin, habe ich bei ihm sehr plausible Antworten auf diese Fragen gefunden. Dass der Islam sehr wohl mit der Demokratie vereinbar ist. Dass man in einen Dialog mit den Menschen treten muss, mit denen man zusammenlebt, egal, welche Religion sie haben. Und ich habe es als jemand, der in diesem Land groß geworden ist, als sehr wertvoll betrachtet, wie er vor allem zu Andersgläubigen steht."

Fethulla Gülen und Bestrebungen seiner Bewegung

Fethullah Gülen will Islam und Moderne miteinander versöhnen, sagen seine Anhänger. Sie sind über lose Netzwerke miteinander verbunden. Zur Gülen-Bewegung zählen auch Fernsehsender, Zeitungen und andere Medien. Etliche Unternehmer berufen sich auf den Prediger. Viele Gülen-Anhänger treffen sich regelmäßig in privaten Gesprächskreisen, sogenannten Sohbets. Für Außenstehende sind die Netzwerke schwer zu greifen. Diese Verbindungen machen die Bewegung für viele verdächtig. Toleranz und Dialogbereitschaft seien nur eine Fassade, sagen Kritiker wie Ralph Ghadban, Islamwissenschaftler aus Berlin. Ghadban wirft Gülen vor, er wolle die Gesellschaft islamisieren.

"Das politische Ziel ist es, den Islam als Religion als bestimmend und in den Vordergrund zu stellen, dass die Organisation der Gesellschaft und des Staats nach islamischen Prinzipien stattfinden soll. Sie gehen von dem traditionellen Islam aus, der angeblich zwischen Staat und Religion nicht unterscheidet, und betrachten diese Dimension als Teil ihres Glaubens und erwarten, dass man im Namen der Religionsfreiheit diese Komponente respektiert."

Die meisten Anhänger des Predigers leben in der Türkei. Dort habe die Bewegung den Staat unterwandert, lautet einer der massivsten Vorwürfe – er wird auch in der aktuellen Auseinandersetzung immer wieder erhoben. In der Türkei ist der Einfluss des 73 Jahre alten Fethullah Gülen immens. Gülen selbst lebt seit einigen Jahren in Pennsylvania in den USA.

Was aber ist das Gülen-Netzwerk wirklich? Eine religiöse und dennoch liberale Bewegung der Moderne? Oder ein islamistischer Wolf im freundlichen Schafspelz? Der Osnabrücker Professor Bülent Ucar hält die meisten Vorwürfe gegen die Gülen-Bewegung für übertrieben. Ucar lehrt in Niedersachsen Islamische Theologie und ist Teilnehmer der Islamkonferenz.

"Fethullah Gülen ist kein liberaler Modernist oder jemand, der sich als Reformisten in der Moderne bezeichnen würde, sondern sein Verständnis von Religion ist sehr wohl durch die Tradition geprägt. Wenn man sich die konkreten Handlungen wiederum anschaut, die Praktiken der letzten 40 Jahre, dann ist es eindeutig so, dass er und seine Bewegung für den Dialog eintreten, dass sie eine Versöhnung mit der Demokratie, den Menschenrechten einfordern."

Hizmet-Bewegung und der Dienst an der Gemeinschaft

Für Gülen-Anhänger steht noch etwas anderes im Mittelpunkt: der Dienst an der Gemeinschaft, auf Türkisch "Hizmet". Gülen-Anhänger sollen sich im Namen Gottes für andere einsetzen. Sie bezeichnen sich selbst deshalb auch als Hizmet-Bewegung. Sie sind etwa angehalten, einen Teil ihres Einkommens zu spenden – selbst wenn sie wenig besitzen. Der Religion zu dienen, sei ein Gebot des Islam, sagt der muslimische Theologe Bülent Ucar.

"Diese Aufopferungsbereitschaft ist keine Besonderheit allein der Hizmet-Bewegung, aber die Hizmet-Bewegung hat hier eben halt eine besonders exponierte Stellung, weshalb sie auch große Aufmerksamkeit auf sich zieht."

Bildungseinrichtungen der Gülen-Bewegung in Deutschland

Eine zentrale Botschaft des Predigers Fethullah Gülen lautet: Baut keine Moscheen, sondern Schulen. Weltweit betreiben Anhänger des Predigers deshalb Bildungseinrichtungen, auch in Deutschland. Hier wächst der Nachwuchs der Bewegung heran.

Kleine Pause in einem Spandauer Gymnasium. Auf dem Flur tollen die Schüler herum. Es geht vergleichsweise ruhig und gesittet zu. Manche der Mädchen haben ein Kopftuch umgebunden, andere tragen das Haar offen. Deutsch und Türkisch ist zu hören. Die Privatschule ist in einer ehemaligen britischen Kaserne untergebracht. Träger ist der Verein Tüdesb – auch er geht auf Fethullah Gülen zurück. Rund 400 Kinder und Jugendliche besuchen das Gymnasium oder die Sekundarschule im selben Gebäude. Der Verein betreibt in Berlin zudem eine Grundschule, vier Kitas und mehrere Nachhilfezentren. In anderen deutschen Städten entstehen ähnliche Einrichtungen. Das Schulgeld richtet sich nach dem Einkommen der Eltern: Manche müssen im Jahr bis zu 4000 Euro pro Kind bezahlen. Dafür haben sie hohe Erwartungen, sagt der Tüdesb-Vorsitzende Irfan Kumru.

"Leistung ist natürlich das oberste Ziel"

"Leistung ist natürlich das oberste Ziel. Wir versuchen, sehr viel mit Motivation zu arbeiten. Das primäre Ziel ist natürlich, aus diesen Schülern das Meistmögliche für den Schüler selber rauszuholen. Nicht jeder macht ein Abitur, der zu uns kommt. Aber jeder, der ein Abiturpotenzial hat, wird so weit gefördert, dass er auch das Abitur machen kann."

Die meisten Schüler kommen aus türkischstämmigen Familien und sind Muslime. Von Religion ist aber in der Schule nichts zu spüren. Nicht einmal Religionsunterricht gibt es in Spandau, sondern – wie an den staatlichen Schulen in Berlin – Ethik-Unterricht. Hier zeigen sich die zwei Gesichter der Gülen-Bewegung: Die Anhänger sehen sich vom Islam und dem Prediger inspiriert – nach außen hin aber geben sie das kaum zu erkennen. Der Ethnologe Wolfgang Kaschuba von der Berliner Humboldt-Universität vergleicht die Gülen-Bewegung mit den Calvinisten. Beide Strömungen brächten zusammen, was vorher getrennt gewesen sei: eine religiöse Grundüberzeugung mit bürgerlichem Streben nach Aufstieg. Hier wächst unter Zuwanderern eine neue mittelständische Bildungselite – mit einem extrem hohen Leistungsethos, wie auch Kaschuba findet:

"Man ist viel eher erinnert fast an Elite-Gymnasien, bei denen eben ganz stark Leistungsdenken, Leistungsbereitschaft gefördert und gefordert wird. Religiöse Debatten spielen eigentlich gar keine Rolle."

Disziplin und Vorbilder

Von Schülern und Mitarbeitern verlangt die Schule ein hohes Maß an Disziplin. Es sollen Vorbilder geschaffen werden, sagt Irfan Kumru.

"Wenn man sieht, dass Menschen aus der gleichen Position heraus bestimmte Sachen geschafft haben, heißt das eigentlich, dass das jedem gelingen kann. Deshalb spielen bei uns Vorbilder seitens der Lehrkräfte, sei es die Schulleitung, seien es die Mitarbeiter eine sehr große Rolle. Wir legen auch darauf Wert, dass diese Personen zum Beispiel nicht rauchen in Gegenwart der Kinder, keinen Alkohol trinken in Gegenwart der Kinder. Das sehen wir immer im Bereich der Motivation zur besseren Leistung."

Das Gymnasium in Spandau soll erst der Anfang sein. Tüdesb hat das gesamte ehemalige Kasernengelände erworben – eine Fläche so groß wie zehn Fußballfelder. Hier soll für Millionen ein Bildungscampus entstehen, inklusive Kita, Grundschule und Fachoberschule. Für Irfan Kumru ist sogar der Bau einer Universität keine Utopie.

"Träume muss man immer haben. Aber zu erwarten, dass wir nächstes Jahr, übernächstes Jahr eine Universität eröffnen, wäre schon sehr überspitzt."

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