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StartseiteCampus & KarriereBildungsforscher: Die "Bildungsrepublik Deutschland" ist eine Worthülse02.01.2013

Bildungsforscher: Die "Bildungsrepublik Deutschland" ist eine Worthülse

Ziele des Bildungsgipfels von 2008 wurden weitgehend nicht erreicht

Die vor vier Jahren von Kanzlerin Merkel beschworene "Bildungsrepublik" ist in weiter Ferne, sagt der Bildungsforscher Klaus Klemm. So fehle noch immer ein Politikansatz für mehr Bildungsgerechtigkeit. Wer aus einer falschen Familie komme, habe weiterhin schlechte Bildungschancen.

Klaus Klemm im Gespräch mit Kate Maleike

"Drei Kilometer des Marathons erreicht":  Klaus Klemm hat die der Bildungsgipfel-Ziele im Auftrag des DGB untersucht. (privat)
"Drei Kilometer des Marathons erreicht": Klaus Klemm hat die der Bildungsgipfel-Ziele im Auftrag des DGB untersucht. (privat)

Angela Merkel: "Wir sind einen wichtigen Schritt auf dem Weg zur Bildungsrepublik Deutschland gegangen. Das ist zum ersten Mal, glaube ich, in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland, dass es ein solches gemeinsames Bekenntnis gibt, unbeschadet der Tatsache, dass natürlich auch in den politischen Parteien unterschiedliche Überzeugungen sind, wie der Weg zu einem solchen Ziel erreicht werden kann."

Kate Maleike: Bundeskanzlerin Merkel war das im Oktober 2008 in Dresden, gerade war der erste Bildungsgipfel von Bund und Ländern zu Ende gegangen, und seitdem leben wir ja bekanntlicherweise offiziell in der ausgerufenen Bildungsrepublik Deutschland. Rufen wir uns einige Ziele noch mal kurz in Erinnerung, die diese Bildungsrepublik ausmachen sollen: Erstens, Bildungsgerechtigkeit soll gesteigert werden und auch die Ausgaben für Bildung und Forschung sollen gesteigert werden. Zweitens, die Zahl der Jugendlichen ohne Schulabschluss soll bis 2015 halbiert werden. Drittens, für Kinder unter drei Jahren sollen bis 2013 ausreichend Krippenplätze zur Verfügung stehen. Und viertens, mehr Menschen sollen sich weiterbilden oder studieren können. Was davon hat sich inzwischen erfüllt, wo steckt die Bildungsrepublik heute, am 2. Januar 2013, sprich, etwas mehr als vier Jahre nach dieser Ausrufung in Dresden? Das fragen wir nun den Bildungsforscher Klaus Klemm, der die Umsetzung genau verfolgt hat, unter anderem auch für den Deutschen Gewerkschaftsbund. Guten Tag, Herr Klemm!

Klaus Klemm: Guten Tag!

Maleike: Wie ist denn der aktuelle Wasserstand zu den genannten Zielen?

Klemm: Wenn ich das Ganze mit einem Marathonlauf vergleichen würde, also über 40 Kilometer, dann würde ich sagen, wir sind bei den ersten drei, vier Kilometern zurzeit. Das heißt, wir müssen bis 2015 noch viel zurücklegen.

Maleike: Und wer bewegt sich da nicht?

Klemm: Also, ich fange mal in der Tat mit dem an, was sich nicht bewegt oder viel zu langsam bewegt: Wir sind beim Ausbau der Krippenplätze, also für die unter dreijährigen Kinder, sind wir weit zurück. Damals wurde gesagt, ausreichend seien 35 Prozent, für 35 Prozent dieser Altersjahrgänge bräuchte man Plätze, inzwischen geht auch die Bundesregierung von 39 Prozent aus. Wir waren im vergangenen Jahr, im gerade abgelaufenen Jahr bei 27,6 Prozent. Es ist nicht erwartbar, überhaupt nicht erwartbar, dass wir auch nur auf 35 Prozent kommen, zumal das Personal dafür auch nicht da ist.

Maleike: Dann haben wir ja auch die Jugendlichen ohne Schulabschluss als großes Sorgenkind sehr lange in dieser Bildungsrepublik. Was hat sich da getan oder auch nicht?

Klemm: Als der Bildungsgipfel angekündigt wurde, waren wir bei 7,4 Prozent. Jetzt sind wir bei 6,2 Prozent angelangt, also in vier Jahren 1,2 Prozent Fortschritt. Eine Halbierung ist überhaupt nicht in Sicht.

Maleike: Die Bildungsgerechtigkeit sollte gesteigert werden und auch die Ausgaben. Was hat sich da getan?

Klemm: Also, Bildungsgerechtigkeit, da hatten wir ja vor ein paar Wochen wieder die jüngsten Studien, diese TIMSS-Studie und die Studie zur Prüfung der Bildungsstandards. Da zeigt sich, dass der Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und Bildungserfolg, dass der sich praktisch nicht verändert hat, der ist in Deutschland auch im internationalen Vergleich sehr eng. Wer aus der, ich sag mal in Anführung, falschen Familie kommt, hat einfach schlechtere Bildungschancen. Das ist überhaupt unstrittig und ich sehe auch keinen Politikansatz, der ernsthaft darauf zielte, das abzubauen.

Maleike: Jetzt haben wir ganz viel Negatives gesagt, ein bisschen Was hat sich ja getan. Wo sehen Sie positive Aspekte?

Klemm: Also, es gibt einen positiven Bereich, das ist der Bereich der Studienanfänger. Die damalige Runde in Dresden beim Bildungsgipfel hat ja gesagt, 40 Prozent eines Altersjahrgangs sollten ein Studium aufnehmen, an Fachhochschulen oder Universitäten. Damals waren wir – das wussten die noch nicht – schon bei 40 Prozent angelangt, die hatten damals ältere Zahlen, inzwischen sind wir, wenn man die Effekte der doppelten Abiturjahrgänge herausrechnet, sind wir bei 51 Prozent angelangt, haben das Ziel also weit, weit überschritten. Allerdings mit dem riesigen Problem verbunden: Die Hochschulausbauplanung ist nicht auf 50 Prozent oder mehr ausgelegt.

Maleike: Genau, und deswegen platzen die Hochschulen aus allen Nähten. Ist also die Bildungsrepublik eine Worthülse?

Klemm: Weitgehend ist sie eine Worthülse. Einen positiven Aspekt muss man allerdings noch erwähnen: Damals war gesagt, wir wollten öffentlich wie privat zusammen zehn Prozent alles dessen, was in Deutschland in einem Jahr produziert wird, also des Bruttoinlandsproduktes für Bildung ausgeben. Wir sind da bei neuneinhalb Prozent, das ist erstaunlich schnell hoch gegangen. Wir müssen abwarten, ob da Sondereffekte drin sind, die auch wieder auslaufen, also die Förderungsaspekte, die es nach der Lehman-Brothers-Krise gab. Aber im Augenblick, das muss man sagen, sind wir mit neuneinhalb Prozent dicht an dem Zehn-Prozent-Ziel. Nur, wenn man die Defizite sieht, die wir immer noch haben, heißt das zugleich: Zehn Prozent war zu niedrig gegriffen.

Maleike: In "Campus und Karriere" war das der Bildungsforscher Klaus Klemm. Vielen Dank für das Gespräch!

Klemm: Gerne!


Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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