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StartseiteCampus & KarriereVerstärkte soziale Ungerechtigkeit durch Bologna05.03.2014

BildungsforschungVerstärkte soziale Ungerechtigkeit durch Bologna

An der Goethe-Universität in Frankfurt haben sich über 1000 Bildungsforscher zu einer Fachtagung getroffen. Neben 200 Fachvorträgen präsentierten sie ihre Arbeit im "offenen Forum" allen Bildungsinteressierten - Lehrern, Dozenten, Schülern, Studenten oder Eltern.

Von Afanasia Zwick

Das von vier Säulen getragene Eingansportal zur Johann-Wolfgang-Goethe Universität in Frankfurt am Main. (AP)
Die Goethe-Universität Frankfurt und das Institut für internationale pädagogische Forschung richteten die Bildungstagung aus. (AP)
Weiterführende Information

Mit mehr Autonomie in den „Bologna-Himmel“ (Deutschlandfunk, Campus & Karriere, 28.11.2013)

Marita Jacob ist Soziologin. Ihr Forschungsgebiet: Der Zugang zur Hochschulbildung. Wer geht nach dem Abitur auf eine Universität, wer auf eine Fachhochschule, wer beginnt eine Ausbildung? Das Ergebnis ist bekannt: Je höher der Bildungsabschluss beider Elternteile, desto wahrscheinlicher strebt auch das Kind einen akademischen Abschluss an. Ein neues, eher unbekanntes Ergebnis hingegen, ist, dass sich durch den Bologna-Prozess die soziale Ungerechtigkeit in der Hochschulbildung verstärkt hat:

"Auf der einen Seite ist es möglicherweise Studieren attraktiver geworden, weil die Zeit sich verringert hat und damit die Kosten nicht mehr so schwer ins Gewicht fallen. Auf der anderen Seite ist aber eine zweite Hürde hinzugetreten, nämlich das Masterstudium. Und empirisch, das heißt, in unseren Datensätzen, hat sich gezeigt, dass es hier tatsächlich einen Unterschied nach sozialer Herkunft gibt: Bachelorstudenten aus Elternhäusern mit hoher Bildung machen deutlich öfter den Master als die mit weniger gebildeten Eltern."

Ziel: Vernetzung

Als Soziologin beschäftigt sich Marita Jacob vor allem mit den Institutionen im Bildungssystem. Mithilfe ihres strukturellen Blicks können zum Beispiel Psychologen das individuelle Verhalten von Abiturienten besser untersuchen. Ziel der Fachtagung ist es, dass sich Bildungsforscher aus möglichst vielen unterschiedlichen Bereichen vernetzen und ihre Ergebnisse verbinden. Die Gesellschaft für empirische Bildungsforschung, kurz GEBF, stecke zwar noch in den Kinderschuhen, sei aber seit ihrer Gründung vor zwei Jahren schon sehr erfolgreich, sagt Mareike Kunter, Organisatorin der Fachtagung:

"Dass Kollegen aus der Didaktik Deutsch, die traditionsgemäß nicht unbedingt so einen empirischen Zugang haben, dass die dann auch mit so Begriffen wie Kompetenzmodellierung oder Längsschnittanalyse hantieren können, das ist wirklich so eine Entwicklung, die sich in Deutschland sehr stark verändert hat."

Über 200 Vorträge organisierten die Goethe-Universität Frankfurt und das Institut für internationale pädagogische Forschung als Ausrichter der Tagung. Dabei diskutierte man sowohl klassische Themen, beispielsweise wie Unterricht verbessert werden könne oder welche Förderprogramme tatsächlich effektiv sind, als auch neue Fragestellungen zur vorschulischen Bildung, zur Hochschulbildung oder zu digitalen Medien.

Großer Bedarf an Längsschnittstudien

Wo aber noch Forschungsbedarf besteht? Mereike Kunter:

"Was man noch viel stärker brauchen würde, wären gute Längsschnittstudien. Wo man Schüler über längere Zeiten, vielleicht sogar lange Schulkarrieren untersuchen würde, um dann zu sagen: was für einen Ertrag hat denn Bildung zu einem bestimmten Zeitpunkt? Wie wichtig ist es denn wirklich für den späteren Lebensweg? Das wäre so eine Frage, die sehr wichtig ist, aber empirisch sehr schwer umzusetzen ist."

Eine besondere Herausforderung für die Bildungsforscher ist es auch, ihre Methoden einander anzugleichen, um besser interdisziplinär arbeiten zu können, sagt die Soziologin Marita Jacob:

"Ich führe zum Teil eigene Erhebungen durch, greife aber auch vielfach auf große, vorhandene Studien zurück. Und da ist das Problem, dass die oftmals nicht genau nach dem fragen, was ich eigentlich wissen will und ich muss dann versuchen aus dem Material, was vorhanden ist, das so rauszufinden, dass ich das tatsächlich finde, was mich interessiert."

"Offenes Forum" zur Präsentation von Forschungsergebnissen

Das Wichtigste bei der Forschungsarbeit ist natürlich, dass die Ergebnisse an die Lehrtätigen gelangen. Dafür gab es ein sog. "Offenes Forum" während der Tagung. Dort konnten sich Lehrer, Dozenten, Schüler, Studenten oder Eltern, eben alle Bildungsinteressierten, über neue Forschungsergebnisse informieren. Dass die meisten Besucher selbst in der Forschung tätig sind, zeigt, dass der Austausch zwischen Theorie und Praxis noch verbessert werden kann. Dennoch empfanden vor allem junge Wissenschaftler die Tagung als sehr befruchtend:

"Gerade als Doktorandin in Kontakt zu kommen mit Forschern, die schon weiter sind, das ist, was mir wichtig ist, um einen breiteren Blick zu bekommen auf das, was ich so mache."

Mein Eindruck ist der, dass die Bildungsforscher teilweise nur testen, und Aussagen treffen, die für die Unterrichtswirklichkeit noch wenig von Bedeutung sind, also da dürfte man vielleicht praktischer forschen."

"Was es einem auf jeden Fall bringt, ist seine eigenen Forschungsergebnisse zu präsentieren, dass man sehr viel Feedback bekommt, sehr viel positive Würdigung, und auch Unterstützung bei Problemen, die man vielleicht hat."

Die nächste Fachtagung wird bereits geplant. Und dort sollen noch mehr unterschiedliche Forschungsperspektiven zusammen kommen, um Bildungsprobleme zu lösen und Chancen aufzuzeigen.

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