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StartseiteTag für TagErdogan rief an 13.04.2016

BildungspolitikErdogan rief an

Der islamische Religionsunterricht in Hessen soll demnächst auf die Sekundarstufe ausgedehnt werden. Das hessische Kultusministerium arbeitet indirekt mit der türkischen Religionsbehörde zusammen. Nimmt der türkische Präsident Erdogan Einfluss auf die Unterrichtsinhalte? Beweise gibt es nicht, Ängste schon.

Von Ludger Fittkau

Ein Islamlehrer mit Schülern der ersten Klasse beim islamischen Religionsunterricht. (dpa / picture alliance / Roland Holschneider)
Der Islamlehrer Timur Kumlu unterrichtet an der Henri-Dunant-Schule in Frankfurt am Main (Archivbild) (dpa / picture alliance / Roland Holschneider)
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Recep Tayyip Erdogan beeinflusste bereits in der Etablierungsphase den bekenntnisorientierten islamischen Religionsunterricht in Hessen - damals allerdings noch mäßigend. Daran erinnert sich der FDP-Politiker Jörg-Uwe Hahn. Hahn war 2009 in der damaligen schwarz-gelben Landesregierung unter Roland Koch stellvertretender hessischer Ministerpräsident und für Integrationsfragen zuständig:

"Es war schon zu Beginn das Problem. Als ich das erste Mal im Jahre 2009 als zuständiger Minister in Ankara mit dem dortigen Minister für Auslandstürken und Religion - finde ich auch eine sehr prickelnde Zusammenfassung eines Ressorts - sprach, erklärte er mir, dass natürlich der Unterricht auf Türkisch stattfinden müsse. Und ich hatte ihm dann sehr höflich geantwortet, dass der natürlich auf Deutsch stattfinden würde, nach den deutschen Regeln. Und war da offensichtlich so beständig gewesen, dass einen Tag später der damalige Ministerpräsident Erdogan den damaligen hessischen Ministerpräsidenten Roland Koch gesagt hat: Er entschuldigt sich für die Aussage seines Ministers."

Nach Erdogans Entschuldigung bei Koch war dann auch klar: der islamische Religionsunterricht an staatlichen Schulen in Hessen findet in deutscher Sprache statt. Auch dann, wenn Lehrerinnen und Lehrer ihn erteilen, die von der mit dem türkischen Staat verbundenen Religionsgemeinschaft DITIP geprüft wurden. Doch reicht Erdogans Einfluss über DITIB auch bis heute, bis in den laufenden Unterricht in Hessen hinein? Denkbar, sagt im ZDF Prof. Susanne Schröter. Sie leitet das Frankfurter Forschungszentrum Globaler Islam an der Goethe-Universität Frankfurt am Main:

"DITIB hängt am türkischen Religionsministerium. Das türkische Religionsministerium wandert immer weiter in eine islamistische Ecke. In eine konservative, autoritäre Ecke. Das kommt bei DITIB auch an. Von daher müssen wir schon Zweifel haben, ob das in Zukunft der richtige Partner sein wird."

Das CDU-geführte hessische Kultusministerium hat bislang keine Anhaltspunkte dafür, dass die türkische Religionsbehörde Diyanet oder der türkische Präsident Erdogan persönlich Einfluss auf den nun seit drei Jahren laufenden Islam-Unterricht an staatlichen hessischen Schulen genommen haben. Philipp Bender, stellvertretender Pressesprecher des Ministeriums:

"Nach unseren Erkenntnissen und nach all unseren Rückmeldungen gibt es keinen direkten oder indirekten Einfluss der türkischen Religionsbehörde auf den bekenntnisorientierten islamischen Religionsunterricht in Hessen. Einzige Aufgabe der Kooperationsgemeinschaften - in diesem Fall auch DITIB - ist, darauf zu achten, dass die Lehrpläne mit den bekenntnismäßigen Grundsätzen der Gemeinschaft übereinstimmen. Das ist ihre Aufgabe."

Doch Bekenntnisse von Religionsgemeinschaften können sich ändern - das Vordringen des Islamismus in der türkischen Gesellschaft zeigt das tagtäglich. Der ehemalige hessische Vize-Ministerpräsident Jörg-Uwe Hahn macht sich überdies Sorgen über personelle Veränderungen bei DITIB Hessen, dem örtlichen Vertragspartner für den Islam-Unterricht:

"Und da habe ich bei Letzterem schon ein bisschen Bedenken gehabt, weil im vergangen Jahr der Landesvorsitzende Fuat Kurt nicht mehr gewählt wurde und ganz offensichtlich da auch im Hintergrund Streitigkeiten eine Rolle spielten, die - ich sage es jetzt mal - mit der religiös-politischen Ausrichtung der DITIB zu tun hat. Ich hoffe, dass die Kultusbürokratie das macht, was eine der zentralen Begründungen auch gewesen ist, nämlich, dass sie sowohl die Schulaufsicht einsetzt und auch die Religionsaufsicht einsetzt. Beides ist im Kultusministerium ressortiert, da liegt die Verantwortung."

Diese Doppel- Verantwortung werde auch gewissenhaft wahrgenommen, versichert Ministeriums-Sprecher Philipp Bender. Alle vierzehn Tage treffe sich der Kultusminister mit den am Religionsunterricht beteiligten islamischen Religionsgemeinschaften zum Gespräch:

"Besonderes Anliegen ist es, darauf hinzuweisen, dass alle Inhalte, die wir auch für den Unterricht nutzen, beispielsweise das zugelassene Unterrichtsbuch oder Schulbuch 'Mein Islambuch', durch das Ministerium ausführlich geprüft wurden und für gut befunden wurden."

Jede von den Religionsgemeinschaften gewünschte Neuauflage des zentralen Schulbuchs werde ebenfalls wieder genauestens geprüft, verspricht das hessische Kultusministerium. Der für die Kooperation mit DITIB damals in Hessen maßgeblich verantwortliche Jörg-Uwe Hahn hält es in diesem Zusammenhang jedoch durchaus für ein Problem, dass Erdogan in der Türkei mehr und mehr islamistische Positionen durchsetzt. Doch Hahn setzt auf andere Religionslehrer hierzulande, trotz der andauernden Kooperation von DITIB mit der Türkei:

"Und hier heißt, in den hessischen Schulen darf es bei dem bekenntnisorientierten Islamunterricht keine Verletzung von Chancengleichheit, von Gerechtigkeit und von Gleichstellung von Mann und Frau geben."

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