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StartseiteBüchermarktAufklärung und Unglück02.05.2017

Bill Clegg: "Fast eine Familie"Aufklärung und Unglück

Ein Brand versetzt ein amerikanisches Städtchen in Aufruhr. Klatsch und Tratsch und böse Gerüchte machen die Runde. Bill Cleggs Romandebüt "Fast eine Familie" setzt sich wie ein Mosaik zusammen. Am Ende steht da die Erkenntnis des Autors: Nur wer in einer gesunden Familienstruktur aufwächst, ist lebensfähig.

Von Christoph Schröder

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Buchcover Bill Clegg: Fast eine Familie (S. Fischer Verlag, Unsplash/Tasi Zoltán)
Bill Cleggs "Fast eine Familie'": Ein Roman, der streckenweise kalkuliert verkitscht daherkommt. (S. Fischer Verlag, Unsplash/Tasi Zoltán)

Die Katastrophe ereignet sich gleich zu Beginn: June Reids Haus in dem kleinen Städtchen Wells in Connecticut brennt vollständig nieder. In den Flammen sterben Junes Tochter Lolly, ihr Bräutigam Will, Junes Ex-Mann Adam und ihr Lebensgefährte Luke. Nur June selbst überlebt den Brand. Am nächsten Tag hätte Lollys und Wills Hochzeit stattfinden sollen. Und sofort nach dem Unglück beginnt der Klatsch und der Tratsch in der Stadt: War es Brandstiftung? Und wenn ja: Welche Rolle spielt Luke, Junes Lebensgefährte, der nicht nur rund 25 Jahre jünger war als June, sondern noch dazu bereits wegen Drogenhandels im Gefängnis gesessen hat. Was also ist passiert?

"Die Leute sagen, dass Luke schuld war an dem, was passiert ist, das June ihn abserviert hat und er sich rächen wollte oder dass er an dem Abend high war und aus Versehen das Gas angelassen hat. Eine Weile machte auch ein ganz böses Gerücht die Runde, nämlich dass einer von der freiwilligen Feuerwehr in der Küche eine Crackpfeife gefunden hat, direkt neben Lukes Leiche. Aber für die Fakten hat sich noch nie einer interessiert, wenn es um Luke ging."

Eine Geschichte, zusammengesetzt wie ein Mosaik

Bill Clegg verfolgt zwei erzählerische Wege: Zum einen geht es um Aufklärung und darum, wie das soziale Gefüge einer Kleinstadt durch ein Unglück erschüttert werden kann. Zum anderen spürt er den Biografien seiner Figuren nach; letztendlich mit dem Ziel, die Vergangenheit wieder mit der Gegenwart zu versöhnen. "Fast eine Familie" ist in einem mosaikartigen Verfahren zusammen gesetzt; aus einer Vielzahl von Stimmen und Gedankenströmen, die das Geschehen aus einer jeweils subjektiven Perspektive beleuchten. Ihre Wege kreuzen sich in entscheidenden Augenblicken, und all diese Momente kulminieren letztendlich in der gewaltigen Explosion, die sämtliche Menschen auslöscht, die June liebt oder einmal geliebt hat.

Da ist June selbst, die erfolgreiche Kunsthändlerin, die sich nach der Trennung von ihrem Mann aufs Land zurückgezogen hat. Da ist Lydia, Lukes Mutter, die ihre kurze Affäre mit einem anderen Mann dazu genutzt hat, von ihrem gewalttätigen Ehemann loszukommen und das wiederum mit dem Preis der sozialen Ächtung bezahlt. Und da sind auch Rebecca und Kelly, ein lesbisches Paar, das an der Westküste ein Motel führt; jenes Motel, in das June sich auf ihrer Flucht vor der Wirklichkeit über Monate hinweg zurückzieht. Zuvor hat sie die Trümmer ihres Hauses abreißen und das Grundstück roden lassen. Dann ist sie verschwunden.

"Sie hat keine Ahnung, wo sie ist, sie ist allein, und das spielt keine Rolle. Nichts spielt eine Rolle, denkt sie. Ihre Augen sehen, was vor ihr ist – die Straße, ein umgestürzter Baum – aber ihre Gedanken durchsuchen die Vergangenheit, überprüfen jede Entscheidung, vollziehen jedes Scheitern noch einmal nach, spüren auf, was sie übersehen haben könnte. Die Gegenwart dringt kaum bis zu ihr vor."

Ein Buch mit einer unfreiwilligen strengen Kälte 

Bill Cleggs Debüt ist ein höchst amerikanischer Roman, in mehrfacher Hinsicht. Zum einen, weil die Konstruktion in jeder Hinsicht wie am Reißbrett entworfen zu sein scheint. Das verleiht dem Buch bei aller behaupteten inhaltlichen Emotionalität eine unfreiwillig strenge Kälte. Zum anderen, weil Clegg die meisten seiner Figuren mit psychologischen Motiven, Zuschreibungen und Erklärungen belädt. Die gelungeneren Charaktere in diesem Roman, und auch die gibt es, sind diejenigen, über die wir als Leser wenig wissen und die sich darum auch einen Rest von Unaufgeklärtheit über sich selbst bewahren dürfen. Vor allem aber entwirft Clegg ein schematisches Szenario, in dem er dem gescheiterten, dysfunktionalen Familien, die es hier zuhauf gibt, ein Idealmodell entgegen setzt:

"Will meinte oft lachend, dass Lolly sich nur für ihn entschieden hat, um an uns ranzukommen. Ich habe bemerkt, wie sie Will mit Mimi oder mit Pru und Mike beobachtet. Als würde sie die Nase an die Glaswand eines Aquariums pressen. Als wir uns das erste Mal begegnet sind, sagte sie zu uns, dass ihre Eltern nicht wüssten, wie man das macht, und als wir sie fragten, wie man was macht, antwortete sie: Alles."

Die Erkenntnis, die sich aus dem von Clegg entworfenen Tableau aus Konflikten und Sehnsüchten ableiten lässt, ist so heikel wie streitbar: Nur wer in einer gesunden Familienstruktur aufwächst oder sich zumindest um eine solche bemüht, kann auch für sich selbst lebensfähig, lebensbereit und psychisch stabil sein. Dass Clegg seinen nicht gänzlich misslungenen, aber streckenweise kalkuliert verkitschten Roman in einer arg rührseligen Schlussszene aufgehen lässt, ist da nicht weiter verwunderlich.

Bill Clegg: "Fast eine Familie" 
aus dem amerikanischen Englisch von Adelheid Zöfel
S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2017, 316 Seiten, 22 Euro

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