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StartseiteInterview"Wir alle müssen mehr tun"12.11.2014

Bill Gates"Wir alle müssen mehr tun"

Die Ebola-Epidemie solle der Weltgemeinschaft eine Lehre sein, sagte der Microsoft-Gründer Bill Gates im DLF. Die finanziellen Mittel und die Forschungsbemühungen müssten erhöht werden. "Es geht vor allem darum, dass die reicheren Länder sich mehr einbringen und sich besser miteinander abstimmen."

Bill Gates im Gespräch mit Klaus Remme

Bill Gates spricht auf einer Pressekonferenz in Berlin. (picture alliance / dpa / Bernd von Jutrczenka)
Gates: Edward Snowden verdient kein Respekt für seine Taten. (picture alliance / dpa / Bernd von Jutrczenka)
Weiterführende Information

"Forbes"-Liste - Gates wieder reichster Mensch der Welt
(Deutschlandfunk, Aktuell, 03.03.2014)

Millionen für den Kampf gegen Hunger
(Deutschlandfunk, Umwelt und Verbraucher, 04.02.2013)

Die ärmsten Kinder bekämen noch nicht die Impfungen der Kinder in den reicheren Ländern. "Irgendwann könnte uns eine schlimmere Epidemie treffen, und wir wären dann völlig unvorbereitet." Gates betonte, es seien schon ansehnliche Fortschritte im Bereich Gesundheit erzielt worden. "In den nächsten drei bis vier Jahren können wir die Kinderlähmung vollständig ausrotten." Er sei Optimist, aber die Daten bestätigten ihn.

Mit einer von ihm gegründeten Stiftung fördert der frühere Computer-Unternehmer wohltätige Projekte weltweit. Er fordert: "Wir müssen die Energieversorgung reicherer Länder auf CO2-freie Quellen umstellen." Vor allem ärmere Länder würden leiden, wenn es diesen Wandel nicht gebe. Gates ist ein Befürworter von Atomenergie. "Ich hoffe, dass die Menschen aufgeschlossen genug sind, um zu erkennen, dass in der Zukunft die sogenannten vierte Generation Atomanlagen - die es jetzt noch nicht gibt - eine bessere Sicherheitsbilanz aufweisen."

Bill Gates ist laut "Forbes"-Liste der derzeit reichste Mensch der Welt. Im DLF betonte er, sein Geld wolle er nicht nutzen, um politischen Einfluss zu bekommen. "Ich setzte meinen Reichtum dafür ein, Leben zu retten und Impfstoffe bereit zu stellen."


Das Interview in voller Länge:

Klaus Remme: Herr Gates, vielen Dank für Ihre Zeit. - Wie sehen Sie sich selbst? Das würde mich am Anfang interessieren. Sie sind natürlich Milliardär. Sind Sie Unternehmer, Politiker, sind Sie Gutmensch? Was würden Sie sagen?

Bill Gates: Ich habe zwei Karrieren hinter mir. In der ersten habe ich am Aufbau der PC-Branche und des Internets mit den wunderbaren Dingen geholfen. Jetzt widme ich mich dem humanitären Einsatz, damit die Ärmsten, die noch viele Krankheiten haben, in den Genuss der Innovationen kommen. Dem widme ich mich rund um die Uhr.

Remme: Sie, Herr Gates, kümmern sich durch ihre Stiftung, Sie haben das angedeutet, um Entwicklungsarbeit, Gesundheitsvorsorge, Impfprogramme weltweit. Muss Deutschland da mehr tun?

Gates: Wir alle müssen mehr tun. Zum Beispiel in der Ebola-Krise müssen die Mittel, die Freiwilligen und die Forschung verbessert werden. Irgendwann könnte uns ja eine schlimmere Epidemie treffen und wir wären dann völlig unvorbereitet. Die ärmsten Kinder bekommen noch nicht die Impfungen wie die Kinder in den reicheren Ländern, aber nächsten Januar findet ja hier in Deutschland eine Geberkonferenz der Gavi-Gruppe statt; die Kanzlerin hat ihr Erscheinen zugesagt. Dann können wir daran arbeiten, dass in den nächsten fünf Jahren jedes Kind diese neuen Impfstoffe bekommt, sodass jedes Leben als gleichwertig betrachtet wird.

"Ebola hat auch zum Zusammenbruch des Gesundheitswesens und der Wirtschaft geführt"

Remme: Sie haben Ebola angesprochen, eine Krankheit, die an sich schon tödlich ist. Aber haben wir die Folgen wirklich schon ganz begriffen?

Gates: Ebola hat ja in den drei betroffenen Ländern nicht nur verheerende gesundheitliche Auswirkungen gehabt; es hat auch zum Zusammenbruch des Gesundheitswesens und der Wirtschaft geführt. Wir mussten also alles tun, um diese Epidemie zu stoppen. Es könnte nämlich sonst sich auf andere, auch viele andere arme Länder ausbreiten. Es sieht so aus, als hätten wir da durch mehr Freiwillige, durch bessere Mittel bereits Erfolg erzielt. Wir hätten es aber auch besser machen können, und das sollte uns als Lehre dienen, dass wir unsere Bereitschaft, unsere Kapazitäten ausbauen. Es geht nicht nur darum, dass die UNO-Organisationen mehr tun, sondern dass vor allem die reicheren Länder mehr sich einbringen und sich besser miteinander abstimmen.

Remme: Wie priorisieren Sie Ihren Einsatz? Wie zum Beispiel wägt man ab zwischen Gesundheitsvorsorge und Klimaschutz?

Gates: Wir haben ja schon ansehnliche Fortschritte im Bereich Gesundheit erzielt. Als 1990 die Jahrtausend-Entwicklungsziele verkündet wurden, starben jedes Jahr zwölf Millionen Kinder von unter fünf Jahren. Jetzt sind wir bei sechs Millionen Kindern angelangt. Wir könnten diesen Fortschritt noch beschleunigen und in 15 Jahren diese Zahl erneut halbieren. Zugleich müssen wir die Energieversorgung der reicheren Länder auf CO2-freie Quellen umstellen. Schlimmerweise würden ja besonders die ärmeren Länder leiden, wenn wir es nicht schafften, diesen Wandel herbeizuführen.

Gates befürwortet Atomkraft

Remme: Nach der Katastrophe von Fukushima haben wir uns hier in Deutschland gegen die Atomkraft entschieden. Sind wir da auf dem Holzweg, denn Sie unterstützen nukleare Technologie?

Gates: Leider hat dieses mangelnde Vertrauen in die Atomsicherheit dazu geführt, dass genau die Energiequellen, die kein CO2 emittieren, geschlossen worden sind. Ich hoffe, dass die Menschen aufgeschlossen genug sind, um zu erkennen, dass in der Zukunft die sogenannten vierte Generation Atomanlagen, die es jetzt noch nicht gibt, eine bessere Sicherheitsbilanz aufweisen. Denn um das Problem des Klimawandels zu lösen, müssen wir ganz unterschiedliche technische Lösungen anschauen. Diese Entscheidung ist nun einmal gefallen. In der Zukunft wird es vor allem darum gehen, sehr viel mehr Geld in Grundlagenforschung zu stecken, um die bahnbrechenden neuen Lösungen so schnell wie möglich auf den Weg zu bringen.

Kein Respekt für Edward Snowden

Remme: Sie kommen aus dem Kanzleramt. Ich bin sicher, Sie haben den Streit über das Abhören des Handys der Kanzlerin verfolgt.

Gates: Das ist ein sehr ernstes Thema. Es besteht in der Tat die Gefahr, dass in den Händen von Terroristen diese neuen Waffen - Biowaffen, Nuklearwaffen - wirklich zu Millionen, wo nicht Milliarden von Todesopfern führen könnten. Wir müssen schon fragen, müssen hier die Regierungen nicht ein wachsames Auge haben und versuchen, diese Entwicklungen einzudämmen. Sicher: In einigen Fällen haben die Regierungen hier ihre Überwachungskompetenzen überschritten. Zum Beispiel das Belauschen von Verbündeten, das klingt ja nicht so gut. Aber wir müssen schon genau hinschauen, ob nicht die Regierungen in unserem Interesse alles tun müssen, um solche potenziell schrecklichen Ereignisse zu verhindern.

Remme: Verdient Edward Snowden Respekt für das, was er getan hat?

Gates: Nein!

Remme: Warum nicht?

Gates: In Demokratien muss es eine Debatte darüber geben, welche Regeln einzuhalten sind, damit die Überwachung im Dienste unserer Sicherheit durchgeführt werden kann. Geheimnisse dürfen dabei aber nicht verraten werden. Es darf nicht unmöglich gemacht werden, dass Aufklärung geschieht. Die Debatte ist wichtig, aber Rechtsbruch darf nicht ermuntert werden.

"Ich setze meinen Reichtum dafür ein, Leben zu retten und Impfstoffe bereitzustellen"

Remme: Lassen Sie uns zum Schluss des Gespräches vielleicht noch kurz auf die politische Lage in Ihrer Heimat, in den Vereinigten Staaten eingehen. Wir haben in der vergangenen Woche wieder durch die Wahlen gesehen, wie gespalten das Land ist. Würden Sie in Ihrer Stiftung direkte politische Kandidaten noch mehr unterstützen, um ihre Ergebnisse zu fördern?

Gates: Nein. Ich setze meinen Reichtum dafür ein, Leben zu retten und Impfstoffe bereitzustellen. Ich glaube, es wäre kein guter Gebrauch all des Geldes, wenn ich da politischen Einfluss kaufen wollte, obwohl ich mir mehr Bereitschaft zum Kompromiss wünschen würde.

Remme: Sie sind sehr optimistisch. In Ihrem Jahresbrief sagen Sie, bis 2035 wird es fast keine armen Länder mehr geben. Wo kommt dieser Optimismus her?

Gates: Die Fortschritte sind unübersehbar. Nehmen Sie etwa Deutschland: Vor 25 Jahren hatten Sie nicht annähernd das Maß der Freiheit im Leben der Menschen im Osten wie heute. Deutschland hat hier Hervorragendes geleistet, mit Opfer, mit Einsatz. Ja, es gibt noch Streit, aber wir haben heute mehr Demokratien, mehr Mitsprache. Der Fortschritt beschleunigt sich. Im Bereich Gesundheit dürfen wir uns ehrgeizige Ziele setzen. In den nächsten drei bis vier Jahren können wir die Kinderlähmung vollständig ausmerzen. Ja, ich bin Optimist, aber die Daten bestätigen mich, und Innovation wird den Fortschritt sogar noch beschleunigen.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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