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StartseiteUmwelt und VerbraucherBillig-Brot und Hygienemängel09.02.2012

Billig-Brot und Hygienemängel

Nach dem Hygieneskandal bei Müller-Brot aus Bayern

Seit fast zwei Wochen wird bei der bayerischen Großbäckerei Müller-Brot wegen mangelnder Hygiene nicht mehr gebacken. Der Hygiene-Skandal um "Mäusekot im Müller-Brot" hat aber auch eine Diskussion über den Preis von Backwaren ausgelöst. Wie billig darf ein Brötchen eigentlich sein?

Von Michael Watzke

Reichen 25 Cent, um saubere Brötchen zu produzieren? (AP Archiv)
Reichen 25 Cent, um saubere Brötchen zu produzieren? (AP Archiv)
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Unappetitlicher Fund

"Mäusekot im Müller-Brot" – in München ist dieser Reim innerhalb einer Woche zum geflügelten Wort geworden, das sich Semmelkäufer morgens vor den Bäckereifilialen zurufen. Dabei ist der Billigbäcker Müller-Brot kein Einzelfall. Der bayerische Lebensmittel-Hygieniker Dr.Gero Beckmann erklärt:

"… dass von den mittleren bis großen Bäckereien im Rahmen amtlicher Überwachungen ein erklecklicher Anteil schwere bis schwerwiegende Mängel aufgewiesen hat. Von 2006 bis 2010 waren bei ungefähr 1000 Kontrollen 130 schwerwiegende Fälle dabei und fast 100 mal staatsanwaltliche Ermittlungen."

Beckmann ist Vorsitzender des Verbandes unabhängiger Prüflaboratorien in Deutschland. Er kennt die besonderen Hygiene-Probleme der Backbranche, vor allem der Großbäckereien mit hunderten von Filialen und langen Vertriebsketten:

"Mäuse, Ratten, Kakerlaken und Mehlmotten. Und vielleicht noch Kornkäfer im Lager: Das sind die Hauptprobleme. Von Mäusen, Ratten und Kakerlaken weiß man, dass die ca. 100 verschiedene Krankheits-Erreger übertragen, die für den Menschen gefährlich werden können. Das sind ganz gewiss keine kosmetischen Betrachtungen, da geht es auch nicht nur um das Erzeugen von Ekel durch Anblick, sondern das sind ganz konkrete gesundheitliche Gefährdungen."

Deshalb kann Beckmann nicht verstehen, warum die Behörden in Bayern die Öffentlichkeit erst jetzt über die gravierenden Hygiene-Mängel bei Müller-Brot informierten, obwohl sie schon seit 2009 davon wussten. Der Gesundheitsexperte der bayerischen Grünen Christian Magerl fordert:

"Das muss so schnell wie irgend möglich nach oben gemeldet werden, wenn solche Hinweise da sind. Und offensichtlich waren die ja auch schon länger da. Aber es geht auch um die Firmen: die sollen wissen, dass Schlampereien nicht geduldet werden. Nur wenn die glauben, das würde geduldet, schlampen sie weiter."

Das Problem der Lebensmittel-Kontrolleure: Wenn sie ein Unternehmen in der Öffentlichkeit an den Pranger stellen, balancieren sie auf einem schmalen Grat. Viele Unternehmen haben schon erfolgreich dagegen geklagt. Bundesverbraucherministerin Aigner plant seit langem eine Gesetzesänderung, die es Behörden erlaubt, Unternehmen offen zu benennen, die, Zitat, "wiederholt oder schwerwiegend gegen die Lebensmittelhygiene verstoßen". Nur umgesetzt ist Aigners Plan bisher nicht. Und deshalb erklärt Andreas Zapf, der Präsident des bayerischen Landesamtes für Lebensmittelsicherheit, dass die Behörden im Fall Müller-Brot gar nicht anders handeln konnten:

"Es gab Beanstandungen in gewissen Bereichen. Es ist ein großer Betrieb. Es fand die Anordnung statt, es wurde saniert, es wurde gereinigt, das wurde abgenommen, und der Bereich war sauber. Dann konnte die Produktion wieder aufgenommen werden. Ein paar Monate später fanden sich ähnliche Vorfälle in anderen Bereichen. Dort wurden wieder Vorkehrungen getroffen, wieder sauber gemacht, wieder saniert, der Bereich konnte freigegeben werden. Dies hat sich so fortgesetzt."

Bis die Behörden Anfang Januar entschieden, so kann es nicht mehr weitergehen. Nun steht die Produktion bei Müller-Brot in Neufahrn bei München. Und wann dort wieder gebacken wird, ist nicht abzusehen. Der Imageverlust für die Großbäckerei ist gewaltig. Dabei findet der Lebensmittel-Forscher Gero Beckmann, dass nicht nur Billig-Bäckereien, sondern auch Billig-Kunden umdenken müssen:

"Ich verstehe dieses Schielen der Deutschen auf billige Lebensmittel sowieso nicht. Es ist ein eigener Lustgewinn, den Hersteller eines Lebensmittels, also den handwerklichen Bäcker vor Ort, noch persönlich zu kennen. Ihm möglicherweise auch mal über die Schulter gucken zu können. Und ihm vor allen Dingen dann, wenn es mal nicht schmeckt oder man den Eindruck hat, dass da was mit der Qualität nicht stimmt, auch persönlich an der Nase ziehen zu können."

Brötchen für 25 Cent pro Stück? Vielleicht müsste schon hier die erste Lebensmittelkontrolle einsetzen – im Kopf jedes Kunden. Und nicht erst dann, wenn er von "Mäusekot im Müllerbrot" hört.

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