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StartseiteHintergrundBillig hat seinen Preis16.12.2010

Billig hat seinen Preis

Supermärkte und Discounter kämpfen um Marktanteile

Kurz vor Weihnachten ist im Lebensmitteleinzelhandel Hochkonjunktur: Gerade jetzt wollen viele Supermärkte und Discounter durch Niedrigstpreise punkten. Das geht auf Kosten der Lieferanten und Arbeitnehmer.

Von Andreas Kolbe

Schilder weisen Niederlassungen der Lebensmitteldiscounter Aldi und Lidl hin. (AP)
Schilder weisen Niederlassungen der Lebensmitteldiscounter Aldi und Lidl hin. (AP)

Marktansage: "Sehr geehrte Kunden, was gibt es Schöneres, als für die Festtage einzukaufen und dabei kräftig zu sparen? Erleben Sie bei uns: Frische und Auswahl zum unschlagbar günstigen Preis."

Stefan Sell: "Was wir leider sehen müssen in der Branche Einzelhandel ist ein Preisdruck, der Formen der ruinösen Konkurrenz angenommen hat."

Ein Supermarkt, wenige Tage vor Weihnachten. In den Einkaufswagen türmen sich Gänsekeulen und Glühwein, Christbaumschmuck und Schokolade. Wie immer vor den Feiertagen ist der Ansturm groß. Die Menschen decken sich mit Lebensmitteln ein, als wären die Geschäfte geschlossen bis Neujahr.

Für den Einzelhandel ist das die wichtigste Zeit des Jahres. In den Kassen der Supermärkte und Discounter landet an diesen Tagen zum Teil mehr als doppelt so viel Geld wie sonst. Kein Wunder also, dass gerade jetzt der Konkurrenzkampf um die Kunden besonders hart tobt und sich die Händler mit Sonderangeboten und Schnäppchenpreisen gegenseitig überbieten.

Nicole Heinzmann: "Wir sehen's natürlich verstärkt, dass vor Weihnachten andere Produkte im Schwerpunkt liegen – also, aktuell beispielsweise der Champagner, der beworben wird bei ALDI diese Woche. Diese etwas exklusiveren Produkte, die dann eben speziell für Weihnachten auch produziert werden – ob das jetzt ein Kaviar ist oder verschiedene Lachssorten oder bestimmte Pasteten. Vor Weihnachten wird da einfach verstärkt ein Fokus draufgelegt."

Nicole Heinzmann arbeitet beim Brancheninformationsdienst Preiszeiger. Seit Jahren beobachtet sie, wie sich die großen Handelsketten in Deutschland eine erbitterte Preisschlacht liefern. Die berüchtigten Preisrunden laufen dabei fast immer nach demselben Schema: Der selbsternannte Preisführer ALDI setzt den Rotstift an und bewirbt das in großflächigen Anzeigen. Kurze Zeit später ziehen die anderen nach. Neun Mal ging das so in diesem Jahr, hat Heinzmann gezählt, zuletzt Anfang Dezember als ALDI den Preis für Butter auf unter einen Euro gedrückt hat.

"Der deutsche Kunde ist so erzogen, dass jeder Preis, der teurer ist als der ALDI-Preis, zu teuer ist.", bringt es Matthias Queck vom Beratungsunternehmen Planet Retail auf den Punkt. Zwar gebe es durchaus auch Preiserhöhungen – aber auch hier traut sich keiner der Wettbewerber, an der Preisschraube zu drehen, ehe nicht ALDI den Anfang gemacht hat.

Matthias Queck: "Die Konkurrenten schauen sklavisch auf das, was ALDI macht. Da wird nicht lange rumdiskutiert; und zwar nicht nur die Discounter, sondern eigentlich jeder Lebensmittelhändler. Sie können also davon ausgehen, dass eine ALDI-Preisänderung – sei es eine Senkung oder eine Preiserhöhung – innerhalb von maximal einer Woche im gesamten Markt für ein vergleichbares Produkt durchgesetzt ist."

ALDI setzt seine Konkurrenten damit enorm unter Druck. Denn die sparsamen Konzernschwestern aus Nord und Süd haben ihre Kosten weit besser im Griff als alle anderen. ALDI kann sich Preissenkungen leisten, während die Konkurrenz von LIDL, REWE oder EDEKA meist daran zu knabbern hat.

Die Verbraucher freut's – führt der erbitterte Preiskampf doch dazu, dass Lebensmittel in Deutschland so günstig sind, wie in kaum einem anderen Land Europas.

Doch es gibt eine Kehrseite der Medaille – und die bekommen vor allem die Beschäftigten und die Lieferanten zu spüren. Denn die großen Handelsketten wälzen den immanenten Preisdruck, das allgegenwärtige Bestreben, die Kosten weiter zu senken, immer häufiger auf sie ab.

Marktansage: "Verehrte Kunden. Schon wieder haben wir für Sie viele Produkte dauerhaft im Preis gesenkt!"

Stefan Sell: "Die Preisspannen sind ja heute durch den harten Wettbewerb so niedrig, dass Sie eigentlich nur noch bei dem Kostenblock Personal einen Vorteil gegenüber dem Mitbewerber erzielen können. Deswegen fokussieren alle Aktivitäten darauf, das Personal billiger zu machen."

Besonders auffällig geschieht dies gerade bei der Handelskette Netto Marken-Discount. Bis vor wenigen Jahren fristete der zu EDEKA gehörende Billiganbieter eher ein Schattendasein. Doch seitdem EDEKA im vergangenen Jahr mehrere Tausend Plus-Läden übernommen und Stück für Stück auf Netto umgestellt hat, ist der gelb-rote Discounter schlagartig zur neuen Nummer Drei der Branche aufgestiegen.

Noch aber tun sich viele Kunden schwer mit dem neuen Anbieter. Auf gleicher Fläche macht Netto Marken-Discount deutlich weniger Umsatz als die großen Wettbewerber. Zudem müssen Millionen für die Übernahme und die Neugestaltung der alten Plus-Läden geschultert werden.

In den Filialen bekommen das die Mitarbeiter zu spüren: Immer rauer werde das Betriebsklima, immer restriktiver die Sparvorgaben von oben.

Marion S.: "Einerseits wollen die, dass der Markt aussieht wie geleckt; aufgeräumt wie eine Puppenstube. Andererseits werden die Stunden immer weiter gekürzt. Immer weniger Leute sollen immer mehr Arbeit machen. Öffnungszeiten jeden Tag bis 22.00 Uhr. Und danach noch Kasse machen, Inventur, Bestellungen und die Werbung aufbauen für den nächsten Tag. Das ist überhaupt nicht zu schaffen", sagt Marion S., eine langjährige Mitarbeiterin.

Aus Angst, ihren Job zu verlieren, will sie ihren Namen und ihre Stimme nicht im Radio hören. Deshalb sind ihre Aussagen nachgesprochen.

Als stellvertretende Marktleiterin hat Marion S. eigentlich einen Arbeitsvertrag mit einer Wochenarbeitszeit von 30 Stunden. Nicht selten, sagt sie, sei sie 60 Stunden und mehr im Geschäft, damit der Laden überhaupt läuft. Dienstbeginn morgens halb sieben, Schluss abends halb elf. 14 Stunden am Stück – ein klarer Verstoß gegen das Arbeitszeitgesetz, das höchstens zehn Stunden am Tag erlaubt.

Marion S.: "Ja, aber das interessiert hier keinen. Ich muss da sein. Wenn ich Verantwortung für den Markt trage, wird erwartet, dass hier alles läuft. Aber ich darf mir die Stunden nicht aufschreiben. Die sagen, mehr als zehn Stunden dürfen hier nicht geschrieben werden und ich könnte das ja auf die nächsten Tage verteilen. Aber wenn ich jeden Tag gleich da bin, kann ich's nicht verteilen. Also ist das sinnlos."

Unbezahlte Überstunden bei Netto Marken-Discount – kein Einzelfall sagt die Gewerkschaft Verdi. Bundesweit kämen immer häufiger Beschwerden über die katastrophalen Arbeitsbedingungen bei der Discounterkette, sagt Arno Peukes, Fachbereichsleiter Handel in Hamburg:

"Wir haben viele Geschichten von Kolleginnen und Kollegen mit befristeten Arbeitsverträgen, die halt teilzeitbeschäftigt sind von zehn Stunden, fünfzehn Stunden, die aber tatsächlich arbeiten wie Vollzeitbeschäftigte und die die Stunden nicht bezahlt kriegen. Also, die zum Teil über Freizeitausgleich ausgeglichen werden sollen, zum Teil über den einen oder anderen Urlaubstag – aber in der Regel nie eins zu eins, weil natürlich immer da die Möhre vor der Nase hängt: Der befristete Vertrag läuft irgendwann aus. Und die Kolleginnen haben natürlich ein hohes Interesse daran, dass aus der Befristung eine Entfristung wird oder ein neuer befristeter Vertrag im Anschluss kommt. Und die machen natürlich vieles mit."

Besonders prekär ist die Situation für geringfügig Beschäftigte – sogenannte Mini-Jobber. Mittlerweile arbeitet rund jeder dritte Netto-Mitarbeiter auf 400-Euro-Basis. Sie sitzen bis spätabends an der Kasse – ohne Anspruch auf Urlaub oder Lohnfortzahlung im Krankheitsfall, wie Mitarbeiter berichten, und mit einem Stundenlohn weit unter Tarif. Gewerkschafter Arno Peukes:

"Wir haben ja mit Netto einen Anerkennungstarifvertrag unterzeichnet. Das heißt, die Netto-Beschäftigten haben Anspruch auf tarifvertragliche Leistungen. Und danach hat's viele Rückmeldungen gegeben unter anderem von Geringfügigen, denen gesagt worden ist: Ja, für Euch gilt das nicht. Ihr kriegt trotzdem weiter 6,50 Euro, obwohl sie Ansprüche hätten von 9,00 Euro oder mehr."

Auf die Vorwürfe angesprochen ist das Unternehmen Netto Marken-Discount nicht zu einem Interview bereit. Schriftlich erklärt das Unternehmen gegenüber dem Deutschlandfunk:

"Bei Marktleitern und stellvertretenden Marktleitern erfolgt eine Entlohnung für Überstunden durch zusätzliche Pauschalbeträge. Somit werden Überstunden nicht in jedem Fall eingetragen. Es ist jedoch zentrale Vorgabe, die gesetzlichen Regelungen selbstverständlich auch das Arbeitszeitgesetz einzuhalten."

und:

"Die leistungsabhängigen Stundenlöhne für geringfügig Beschäftigte sind orts- und branchenüblich. Bei allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern wendet Netto Marken Discount die Tarifverträge im Einzelhandel flächendeckend an."

Der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftler Professor Stefan Sell von der Fachhochschule Koblenz-Remagen hält das allerdings für wenig überzeugend. Er beobachtet seit Jahren, wie bei vielen Einzelhandelsunternehmen immer mehr Vollzeitstellen abgebaut und durch 400-Euro-Kräfte ersetzt werden. Zum einen seien mehrere Mini-Jobber angesichts der verlängerten Öffnungszeiten flexibler einsetzbar als eine Vollzeitkraft. Zum anderen sei dies schlicht billiger.

Stefan Sell: "Viele dieser Unternehmen nutzen diese Minijobs, um Lohnsenkungen über die Hintertür durchzusetzen. Und das läuft über die Arbeitszeit. Das heißt: Auf dem Papier arbeiten die x Stunden und bekommen den Stundenlohn nach Tarifvertrag. Aber faktisch müssen sie länger arbeiten. Und diese längere Arbeitszeit wird ihnen nicht – was ihnen eigentlich zusteht – ausgezahlt, sodass Sie dann als Arbeitgeber über die Verlängerung der Arbeitszeit niedrigere Kosten haben."

Dieser Missbrauch von Arbeitszeitregelungen sei im Einzelhandel inzwischen flächendeckend zu beobachten, sagt Professor Stefan Sell.

Viele Aufgaben würden außerdem an Fremdfirmen übertragen – auch das sei ein Trend, um die Personalkosten immer weiter zu reduzieren: Das Auffüllen der Supermarkt-Regale oder das Kommissionieren der Ware in den Logistikzentren – immer häufiger erledigen dies Leiharbeitsfirmen oder Subunternehmer, die ihren Beschäftigten noch geringere Löhne zahlen – schließlich wollen die Personalfirmen auch noch etwas daran verdienen.

Stefan Sell: "Deswegen haben sie dort noch ein zusätzliches Elendsproblem, da man diese Gewinnspanne weitergibt an die Beschäftigten in diesem untersten Segment. Und das heißt, deren Bedingungen sind definitiv nicht nur katastrophal, sondern sie sind außerhalb des Zumutbaren. Sie sind oft im sittenwidrigen Bereich."

Was das konkret für die Beschäftigten bedeutet, berichtete vor Kurzem das ARD-Magazin Report Mainz: In einem besonders dreisten Fall wurden Lagerarbeiter über Werkverträge in den Logistikzentren großer Handelsketten beschäftigt. Von der zwischengeschalteten Personalfirma wurden die Mitarbeiter fast ausschließlich nach Akkord entlohnt; erhielten für ihre schwere körperliche Arbeit Tageslöhne von 37 Euro. Auftraggeber der Personalfirma waren die Handelsriesen REWE und EDEKA – und auch hier wieder Netto Marken-Discount.

Marktansage: "Liebe Kunden! Jetzt bei uns: Viele Produkte noch günstiger, günstiger, günstiger."

Stefan Sell: "Es geht nur noch darum, die Leute überhaupt in den Laden reinzuholen. Auch wenn das sogar Geld kostet. Das führt aber dazu, dass man gezwungen ist, den Zulieferern die Pistole auf die Brust zu setzen, immer billiger die Ware zu liefern."

Es sind nicht nur die Mitarbeiter, die den Preiskampf hautnah zu spüren bekommen – auch die Lieferanten können ein Lied davon singen, wie die großen Handelsketten ihre Marktmacht ausnutzen. Matthias Queck vom Beratungsunternehmen Planet Retail.

Matthias Queck: "Bei kleinen und mittelständischen Lieferanten ist sicher die Situation so, dass der Handel am längeren Hebel sitzt und im Endeffekt sagen kann: Zu diesen Konditionen will ich diesen Artikel haben. Sonst sucht der Jemand anderen. Und weil der Handel doch sehr konzentriert ist in Deutschland, der Lebensmittelhandel, hat so mancher Lieferant keine andere Chance als Ja und Amen zu sagen oder eben zu sagen: Dann versuch ich's anderswo – wobei es so viele andere eben nicht mehr gibt."

Das Größenverhältnis lässt sich in wenigen Zahlen eindrucksvoll illustrieren: Im Lebensmittelhandel stehen die fünf großen Ketten für rund 90 Prozent des Umsatzes. Ihnen gegenüber stehen etwa 5.500 Lebensmittelproduzenten, von denen gerade einmal die größten zehn – die internationalen Konzerne – auf Augenhöhe verhandeln können.

Viele kleinere Unternehmen seien jedoch so sehr von wenigen Supermarkt-Ketten abhängig, dass sie in ihrer Existenz unmittelbar bedroht seien, wenn sie auf die Preisforderungen nicht eingingen, sagt Jürgen Abraham, der Vorsitzende des Bundesverbands der Deutschen Ernährungsindustrie, BVE.

Dabei stören sich die Lieferanten weniger an den branchenüblichen Verhandlungen über Abnahmemengen, Einkaufspreise oder Werbekostenzuschüsse. Dass diese zum Teil sehr hart geführt würden, gehöre zum Kerngeschäft des Handels, so der BVE-Vorsitzende. Als mittelständischer Schinkenproduzent hat Jürgen Abraham selbst jedoch oft genug die berüchtigten Jahresgespräche mit den Supermarktketten geführt und ganz anderes erlebt.

Jürgen Abraham: "Da wird ein Jubiläum gefeiert – und sagt dann: Dafür möchte ich jetzt fünf Prozent meines gesamten Jahresumsatzes von Dir vergütet bekommen, sozusagen als Jubiläumsgabe. Und dann sag ich noch: Welche Leistung kriege ich dafür? Er sagt: Ne, gar keine Leistung, darfst dabei bleiben. Und Du hast ja immer mitverdient mit uns oder bist groß geworden dadurch. Dagegen kann man nicht verdienen. Es gibt vor allem einen Pferdefuß dabei. Der Händler A, der hat das Jubiläum. Das wissen alle, dass der jetzt Geld fordert. Da kommt nämlich der Unternehmer B: Ja, ich habe ja auch was, ich will auch das Geld haben von Dir. Also, das ist dann schon so eine Art Flächenbrand, der Unternehmen durchaus in finanzielle Probleme hineinbringt."

Geldforderungen ohne Gegenleistung – durchgesetzt mit der Nachfragemacht der großen Handelsketten – im Fachjargon heißt diese Praxis "unerlaubtes Anzapfen". Auch der Branchenexperte Matthias Queck von Planet Retail berichtet, dass es inzwischen gängige Praxis sei, dass die Händler für die verschiedensten Anlässe Geld von ihren Lieferanten einforderten.

Matthias Queck: "Es gibt Boni, die der Handel verlangt, allein dafür, dass man überhaupt gelistet wurde, dass das Produkt also überhaupt auf dem Regal steht. Seien es irgendwelche Hochzeitsboni, weil Unternehmen fusionieren; seien es Geburtstagsboni, weil der Sohn des Unternehmensinhabers gerade Geburtstag feiert oder sich einen Porsche kaufen will. Und da sind der Kreativität des Handels keine Grenzen gesetzt."

Wehren können sich die Lebensmittellieferanten dagegen nur selten. Zu groß ist die Gefahr, bei einem der Handelsriesen aus dem Sortiment zu fliegen. Auch öffentlich Kritik zu äußern an den erpresserischen Methoden der Handelsketten traut sich niemand. Denn es ist ein offenes Geheimnis, dass Lieferanten in Ungnade fallen, wenn sie gegen die Verschwiegenheit der Handelsbranche verstoßen. Und so ist es nicht verwunderlich, dass auch die Behörden nur selten Wind von den fragwürdigen Methoden bekommen – obwohl der Missbrauch von Nachfragemacht nach dem Wettbewerbsrecht ausdrücklich verboten ist.

Jürgen Abraham: "Wenn ein Hersteller sich beschwert beim Kartellamt zum Beispiel über so einen Prozess des unerlaubten Anzapfens, dann kann er zwar hingehen und sagen: Das ist doch nicht in Ordnung. Und dann wird die Forderung mit Sicherheit zurückgezogen. Aber was hat das denn zur Folge? Er ist ja langfristig nicht mehr der Freund dieses Händlers. Da kann es ja durchaus – so könnte ich es mir jedenfalls menschlicherweise vorstellen – eine Revanche geben. Und das ist die Gefahr."

Das Dilemma wird in der Branche als Ross-und-Reiter-Problematik diskutiert. Solang ein Lieferant massive Umsatzeinbrüche befürchten muss, wenn er sich den Behörden anvertraut, solang wird er tendenziell den unerlaubten Forderungen des Handels weiter nachgeben. Auch beim Bundeskartellamt ist man sich des Problems bewusst, jedoch ohne eine Lösung zu haben. Behörden-Chef Andreas Mundt:

"Wir können versuchen, diese Schwierigkeit teilweise in den Griff zu bekommen, in dem wir eben von Amtswegen Verfahren einleiten, in dem wir verstärkt von uns aus auch Zeugen vernehmen. Aber ganz in den Griff bekommen können Sie diese Ross-und-Reiter-Problematik wahrscheinlich nicht, weil Sie in einem Rechtsstaat nunmal keine Beschlüsse fassen können, ohne dass Sie den Sachverhalt klar darlegen in einer Art und Weise, dass das Gericht das letzten Endes auch überprüfen kann. Und das geht in der Regel kaum, ohne dass Sie das einzelne Unternehmen benennen."

Das Verfahren gegen den Handelsriesen EDEKA ist somit ein Ausnahmefall: Im Frühjahr 2009 hatten die Beamten des Kartellamts die Zentrale in Hamburg durchsucht, um Belege zu finden, dass EDEKA die Übernahme der Plus-Märkte zum Anlass genommen hat, um bei seinen Lieferanten überzogene Forderungen nach Preisnachlässen durchzusetzen. Noch ist das Verfahren nicht abgeschlossen.

Doch nicht nur die Handelsseite beschäftigt das Kartellamt. Auch manche Lieferanten – so die Vermutung – sahen einen bequemen Ausweg aus dem ruinösen Preiswettbewerb in gezielten Preisabsprachen. Gegen führende Kaffee-Röstereien hat das Kartellamt bereits Bußgelder in dreistelliger Millionenhöhe verhängt. Weitere Verfahren laufen gegen Hersteller von Süßwaren und Tiernahrung, gegen Wurstproduzenten und Getreidemühlen. Bei diesen Produkten dominieren oft nur wenige große Anbieter den Markt. Sie sollen durch geheime Absprachen Preiserhöhungen durchgedrückt haben.

Zum Teil habe aber auch der Handel kräftig mitgemischt beim Hochhalten der Preise, so der Verdacht des Bundeskartellamts. Im Januar ließ die Behörde deshalb die Zentralen von 15 Handelsketten und Markenartikelherstellern durchsuchen. Auch in diesem Fall dauern die Ermittlungen an. Kartellamts-Präsident Andreas Mundt:

"Wir haben Hinweise darauf, dass es hier zu Vereinbarungen gekommen ist zwischen Herstellern auf der einen Seite und Händlern auf der anderen Seite, in denen der Verkaufspreis letzten Endes zwischen diesen beiden Parteien abgestimmt worden ist und festgelegt worden ist. Das wäre nichts anderes als eine vertikale Preisbindung, die nach deutschem und nach europäischem Recht nicht erlaubt ist."

Ob sich die Vermutungen des Kartellamts bestätigen lassen, wird die Auswertung der beschlagnahmten Unterlagen ergeben. Dies wird bis weit ins kommende Jahr hinein andauern.

In der Handelsbranche haben die Ermittlungen des Kartellamts indes für Kopfschütteln gesorgt. Beim Branchenverband HDE hieß es, man habe einen funktionierenden Wettbewerb. Das niedrige Preisniveau in Deutschland sei ein Beleg dafür.

Marktansage: "Liebe Kunden. Schauen Sie doch nicht immer nur auf den Preis. Achten Sie doch auch mal auf die Qualität unserer Produkte."

Stefan Sell: "Wenn dieser Druck über die Preise, über den Wettbewerb, so weiter geführt wird, werden wir am Ende zwei, maximal drei große Discounterketten haben, die den Großteil des Marktes beherrschen."

Der harte Wettbewerb zwischen Discountern und Supermärkten – er beschert den deutschen Verbrauchern zwar günstige Lebensmittel. Doch der Preis, den viele Arbeitnehmer und Lieferanten dafür zu zahlen haben, ist hoch.

Der Preiskampf muss ein Ende haben, fordern sie. Und selbst im Handel reift die Einsicht, dass es so nicht weitergehen kann. Denn mit den immer neuen Preisrunden schwächen sich die Unternehmen langfristig gegenseitig, sagt Alain Caparros, der Chef des Handelsriesen REWE.

"Das ist eine Handelskrankheit, viel, viel schlimmer als die Wirtschaftskrise. Und wenn das weitergeht, dann müssen wir vielleicht die gleichen Methoden anwenden als ein ALDI und LIDL – und das wollen wir auf jeden Fall vermeiden."

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