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StartseiteAndruck - Das Magazin für Politische LiteraturMacho, Machtmensch, Alpha-Tier21.09.2015

Biografie des Gerhard SchröderMacho, Machtmensch, Alpha-Tier

Ein bemerkenswerter Termin, heute in Berlin: Zehn Jahre ist es her, dass Angela Merkel Gerhard Schröder aus dem Kanzleramt verdrängt hat. Nun stellte ausgerechnet Merkel die Schröder-Biografie von Gregor Schöllgen vor. Unser Rezensent Frank Cappelan hat das Buch bereits gelesen und kommt zu dem Urteil: Ein bisweilen distanzloses, aber dafür um so detailreicheres Werk.

Von Frank Capellan

Bundeskanzlerin Angela Merkel im Gespräch mit ihrem Vorgänger Gerhard Schröder. (dpa / Kay Nietfeld)
Bundeskanzlerin Angela Merkel und ihr Vorgänger Gerhard Schröder bei der Vorstellung der Biografie des Altkanzlers von Gregor Schöllgen. (dpa / Kay Nietfeld)

Angela Merkel zeigt Größe. Persönlich will sie heute der Hauptstadtpresse die Schröder-Biographie von Gregor Schöllgen präsentieren – im Beisein ihres Vorgängers. Durchaus bemerkenswert, war sie doch bei dessen testosterongesteuertem Macho-Auftritt in der Elefantenrunde am Wahlabend des 18. September 2005 scheinbar vorgeführt worden. Gerhard Schröder: "Wir müssen die Kirche doch mal im Dorf lassen! Sie wird keine Koalition unter ihrer Führung mit meiner sozialdemokratischen Partei hinkriegen. Das ist eindeutig!"

Andererseits: Auch für Gregor Schöllgen ist klar – diese denkwürdige Attacke hat die Kanzlerschaft Angela Merkels überhaupt erst möglich gemacht. Ihr Wahlergebnis war desaströs, sie stand unter Beschuss innerparteilicher Konkurrenten, eine Große Koalition nach israelischem Modell mit wechselseitiger Führung von Union und SPD schien im Bereich des Denkbaren, hätte Gerhard Schröder ihr nicht in dieser Wahlnacht vor einem Millionenpublikum den Kopf gerettet. Gregor Schöllgen: "Offensichtlich spürte Schröder mit der 'Witterung eines Tieres', dass er vielleicht doch noch etwa herausholen konnte, demontierte sich dabei selbst und gab Merkel eine unverhoffte Chance: Weil sie gar nicht mehr zu Wort kam, sondern der tobende Kanzler sich mit den übrigen Männern in der Runde duellierte, musste sie sich nicht mehr äußern, konnte mithin in der extrem schwierigen Lage auch keinen Fehler machen und dachte sich: Lass ihn einfach nur weiterreden."

Seine joviale, kumpelhafte Art, seine saloppe, schnörkellose Sprache

Es ist eine Schlüsselszene, die vieles über diesen Mann erzählt. Der Macho, der Machtmensch, das Alpha-Tier, der Kämpfer. Akribisch beschreibt der Historiker in seinem fast 1000 Seiten starken Opus einen Politiker, von dessen Typus es nur sehr wenige gibt. Dieser Gerhard Schröder hat zwar eine bourgeoise Attitüde, aber keinen klassischen bürgerlichen Kern, urteilt die heutige Kanzlerin im Gespräch mit dem Autor und bringt damit seiner Ansicht nach die Sozialisation dieses Mannes präzise auf den Punkt. Schöllgen wertet anerkennend, Schröder habe eine Zeit definiert, weil er der erste – Zitat - "unbürgerliche Bundeskanzler Deutschlands war und nichtbürgerlichen Kreisen der Gesellschaft eine Möglichkeit zur Identifikation gab."

Schröder, der volksnahe Politiker mit Charisma, derlei Charakterisierungen finden sich häufig in Schöllgens Biographie. Seine joviale, kumpelhafte Art, seine saloppe, schnörkellose Sprache - damit habe er seine Konkurrenten getäuscht, so dass sie nicht merkten, dass er stets auf der Überholspur war. Schöllgen: "Entscheidend sind ein unbändiger Vorwärtsdrang, ein voll entwickelter Machtwille, ein sicherer Instinkt und eine beachtliche taktische Finesse."

Von unten ganz nach oben kämpft

"Ich bin schon bereit, eine Entscheidung zu überprüfen, und wenn es Argumente gibt, die besser sind, sie auch zu revidieren", betonte Schröder einst. Schröder ändert seine Meinung, wenn es ihm nützt, es mangelt ihm an Überzeugungen, dieser Verdacht drängt sich dem Leser immer wieder auf. Etwa, als es Anfang der 90er Jahre um die Verschärfung des Asylrechtes geht und er zu einem der Wortführer der Gegner wird, später aber dennoch zustimmt: "Im Laufe dieser Auseinandersetzungen um eine Neuregelung des Asylrechtes", so Schöllgen, "ist der ganze, im Wesentlichen fertige Gerhard Schröder zu besichtigen. Vor allem sieht man einen zum Kompromiss fähigen Politiker, der weiß, wann der Zeitpunkt für einen Rückzieher oder ein Einlenken gekommen ist."

Der Mann aus ärmlichen Verhältnissen, der seinen im Krieg gefallenen Vater niemals kennenlernte, der gut in der Schule war, aber nicht aufs Gymnasium konnte, weil es der Familie am Geld fehlte. Der Mann, der sich von unten ganz nach oben kämpft, der als Kanzler zunächst abhebt und sich in Talkshows mit teuren Brioni-Anzügen brüstet. Detailversessen beschreibt Schöllgen den Weg des Sozialdemokraten: "Unter meiner Führung wird es keine Beteiligung Deutschlands an einer militärischen Intervention geben!" (Schröder)

Kampf für die Agenda 2010 brachte SPD an den Rand der Selbstverleugnung

Pazifist, Rüstungs-Lobbyist, Irak-Kriegsgegner – der Leser erfährt von manchen Wandlungen des Gerhard Schröder. Schöllgen lässt dabei mitunter ein bisschen viel Bewunderung durchblicken und spricht am Ende von zwei herausragenden Leistungen. Er habe, so Schöllgen, "außen- und sicherheitspolitisch die überfälligen Konsequenzen aus der Einheit gezogen und Deutschland auf den Platz geführt, auf den es gehört, und er hat das Land innenpolitisch so auf Vordermann gebracht, dass es diesen Platz selbstbewusst und überzeugend einnehmen kann."

Etwas zu kurz kommt bei dieser Sicht der Dinge, dass ein nach der ersten Amtszeit sichtlich angeschlagener und wenig erfolgreicher Kanzler Bushs Krieg gegen Saddam ebenso wie die Elbe-Flut für seinen eigenen Erfolg zu nutzen suchte. Und zu einfach macht es sich der Autor wohl auch mit dem Urteil, dass es in der zweiten Amtszeit die Medien waren, die Schröder am Ende einen erneuten Triumph verwehrten. Der Kampf für die Agenda 2010 brachte die einst stolze Arbeiterpartei immerhin an den Rand der Selbstverleugnung, sie trieb Mitglieder und Wähler davon. Auch die Tatsache, dass es Schröder nicht gelang, den Bruch mit den Gewerkschaften zu vermeiden, hätte in der Betrachtung Schöllgens mehr Raum haben dürfen. 

Es fehlt bisweilen an kritischer Distanz

Schröder: "Entweder wir modernisieren – und zwar als soziale Marktwirtschaft – oder wir werden modernisiert, und zwar von den ungebremsten Kräften des Marktes, die dann das Soziale beiseite drängen!" Bis heute hat sich die SPD von dieser Modernisierung nicht erholt. Schröder ist dennoch mit sich selbst im Reinen, resümiert der Historiker, auch mit Blick auf das unkritische Verhältnis des Alt-Kanzlers zu seinem russischen Freund Wladmir Putin. Der gerade auch aus den Reihen seiner Partei erhobene Vorwurf, seiner lukrativen Beratertätigkeit für Gazprom habe er einmal mehr und allzu schnell politische Überzeugungen geopfert, findet in dieser Biographie kaum Beachtung. Es fehlt bisweilen an kritischer Distanz, mag sein, dass dies der Preis dafür war, dass Gregor Schöllgen – wie er selbst schreibt - von Schröder ungehinderten Zugang zu allen persönlichen Papieren und Zugang zu allen Zeitzeugen erhielt, mit denen er sprechen wollte. Herausgekommen ist angesichts dieser Quellenfülle allerdings ein Werk, das in seiner Detailfülle wohl unübertroffen bleiben dürfte.

Gregor Schöllgen: "Gerhard Schröder. Die Biographie"
Deutschen Verlags-Anstalt, 1039 Seiten, 34,99 Euro.

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