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StartseiteAndruck - Das Magazin für Politische LiteraturDer wahre Fürst von Metternich07.03.2016

Biografie eines europäischen StaatsmannesDer wahre Fürst von Metternich

Wer war Clemens von Metternich? Vielen gilt er als Inbegriff des reaktionären Politikers. Ein Kämpfer gegen den Liberalismus. Der Münchener Historiker Wolfram Siemann zeigt ihn in einem anderen Licht. In seiner Biografie stellt er von Metternich als Strategen und Visionär dar, der die Gefahren des Nationalismus früh erkannte und dem Europa Jahrzehnte des Friedens zu verdanken hat.

Joachim Riecker

Der Wiener Kongreß (18. September 1814 bis 9. Juni 1815) unter Vorsitz von Klemens Wenzel Fürst von Metternich (stehend 6.v.l.) Der österreichische Staatsmann versuchte durch Kongreßdiplomatie, die vorrevolutionäre politische und soziale Ordnung in Europa wiederherzustellen. (picture alliance / dpa )
Der Wiener Kongress vom 18. September 1814 bis 9. Juni 1815 unter Vorsitz von Clemens Wenzel Fürst von Metternich (stehend 6. v. links) (picture alliance / dpa )
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21. Juli 1789 in Straßburg. Inspiriert vom Sturm auf die Bastille in Paris wächst auch in Straßburg die Unruhe. Als sich in der Stadt das falsche Gerücht verbreitet, der Magistrat wolle die Steuern auf Brot und Fleisch doch nicht senken, kommt es zum Gewaltausbruch. Das Rathaus wird geplündert, Möbel und Akten fliegen auf den Vorplatz. Zu den Augenzeugen des Rathaus-Sturms gehörte auch der 16-jährige Student Clemens von Metternich. Aus seiner Heimatstadt Koblenz war er im Jahr zuvor nach Straßburg gezogen, um dort Staatswissenschaften zu studieren. Noch Jahrzehnte später berichtete er in seinen Memoiren voller Abscheu von diesem Ereignis.

"Umgeben von einer Masse stumpfer Zuschauer, die sich das Volk betitelten, hatte ich eben der Plünderung des Stadthauses von Straßburg beigewohnt, die von einem trunkenen Pöbel, welcher ebenfalls sich als Volk betrachtete, verübt worden war."

In seiner jetzt erschienenen Metternich-Biographie beschreibt der Münchner Historiker Wolfram Siemann den Straßburger Rathaussturm als Schlüsselerlebnis für den späteren Staatsmann. Gewalt und Rechtlosigkeit hätten von Beginn an seine Wahrnehmung der Französischen Revolution geprägt. Als fünf Jahre später französische Revolutionstruppen ins Rheinland vorstießen, musste die Familie nach Wien fliehen und verlor dabei ihren gesamten Besitz im Westen Deutschlands.

Hellsichtiger und pragmatischer Politiker

Clemens von Metternich gilt vielen bis heute als Inbegriff eines reaktionären Politikers. Das "metternichsche System", das er nach Napoleons Niederlage 1815 etabliert hat, ist in dieser Wahrnehmung eine Zeit des Rückschritts und der Unterdrückung. Siemann bemüht sich um eine Korrektur dieses Bildes. Er stellt Metternich als ebenso hellsichtigen wie pragmatischen Politiker dar, der Europa nach den Wirren der Französischen Revolution und der Napoleonischen Kriege Jahrzehnte des Friedens brachte. 

"Kriege erwuchsen für Metternich nicht allein aus internationalen Interessengegensätzen. Die Erfahrungen aus der Französischen Revolution hatten ihn gelehrt, auch in Befreiungsideologien mächtige Motive zu entdecken, um zu den Waffen zu greifen."

Die Flucht nach Wien im Herbst 1794 brachte für die Metternichs zwar herbe finanzielle Verluste mit sich. Dem jungen und hoch begabten Clemens eröffneten sich aber schon bald glänzende Karrieremöglichkeiten. Gefördert von seinem Vater, einem Spitzendiplomaten im Dienste des Kaisers, kam er im Alter von nur 28 Jahren als Gesandter an den sächsischen Hof nach Dresden. Es folgten Stationen in Berlin und schließlich als Botschafter bei Napoleon in Paris.

"Schön, eitel, gebildet und klug"

Ein ganzes Kapitel widmet Siemann Metternichs Frauenbeziehungen. Obwohl seit 1795 zum ersten Mal verheiratet, pflegte er immer wieder intensive Liebschaften. Als "schön, eitel, gebildet und klug" hat ihn Golo Mann einmal beschrieben.

Franz I., der mittlerweile als Oberhaupt des Heiligen Römischen Reiches abgedankt hatte und zum Kaiser von Österreich geworden war, rief Metternich 1809 zurück nach Wien. Als Außenminister sollte er alles dafür tun, um eine Zerschlagung der Habsburgermonarchie durch Napoleon zu verhindern. Metternich erfüllte die Erwartungen, denn er gab Napoleon etwas, das er nur von einer großen, alten Monarchie bekommen konnte: eine Kaisertochter als Gattin und damit die Legitimation seines eigenen, französischen Kaiserreichs. In Anwesenheit Metternichs heiratete Napoleon am 1. April 1810 im Louvre mit großem Pomp die gerade erst 18-jährige Marie-Louise von Österreich.

Wie Siemann in seiner Biographie überzeugend herausarbeitet, war Metternich im Gegensatz zu seinem großen Gegenspieler Napoleon ein Mann, der den Krieg verachtete.

Entschlossener Kriegsgegner

"Ich hasse den Krieg und alles, was er mit sich bringt: das Morden, die Schmerzen, die Schweinereien, die Plünderungen, die Leichen, die Amputierten, die Toten – und ebenso die Vergewaltigungen", schrieb er Ende 1813 nach der Völkerschlacht von Leipzig an seine damalige Geliebte Wilhelmine von Sagan. Und einige Wochen später, nachdem er durch ein zerstörtes Dorf im Norden Frankreichs gekommen war: 

"Was für eine böse Sache ist der Krieg! Er besudelt alles, sogar das Denken, und ich ringe sehr darum, dass das nicht mir passiert. Deshalb arbeite ich ungeachtet allen Geschreis der Dummen und der Narren für den Frieden – und ich will ihn schnell und gut."

Als Napoleon 1815 endgültig besiegt war, konnte Metternich diesen Plan in die Tat umsetzen. Der Wiener Kongress, der die Landkarte Europas neu ordnete, war im Wesentlichen sein Werk. Anders als nach dem Ersten Weltkrieg saßen die Besiegten mit am Verhandlungstisch. Als Dank für sein diplomatisches Geschick schenkte ihm der Kaiser das Weingut Johannisberg im Rheingau, woher bis heute der bekannte Sekt "Fürst von Metternich" stammt.

Politische Karriere endete mit der Revolution von 1848.

Der Traum der Deutschen von einem eigenen Nationalstaat blieb beim Wiener Kongress unerfüllt. Nach Siemanns Einschätzung hätte es hierfür keine realistische Alternative gegeben. Metternich habe klar erkannt, welche Gefahr die Bildung neuer Nationalstaaten mit sich gebracht hätte. Auch sei es nicht möglich gewesen, die Habsburger Monarchie als Teil Deutschlands zu erhalten und zugleich einen deutschen Nationalstaat zu gründen. Die Schattenseiten der metternichschen Ordnung sind bekannt und wurden oft beklagt: die Verfolgung der Liberalen als "Demagogen", die Gängelung der Universitäten, die Zensur der Presse. Siemanns Urteil fällt hier milde aus:

"Man versteht Metternich, sein ganzes politisches Streben seit 1815 nicht, wenn man nicht die Grunderfahrung eines mehr als zwanzigjährigen europäischen Krieges als die eigentlich prägende Macht in seinem Leben erkennt. Es ist leicht, Metternich der Repression zu bezichtigen, aber es ist schwer, seine Erfahrung zu ignorieren, wie eine Zivilisation zusammenbrechen kann."

Mehr als drei Jahrzehnte lang hielt das System Metternich. Doch die Revolution von 1848 fegte auch ihn aus dem Amt. Überstürzt floh er nach England und kehrte drei Jahre später nach Wien zurück, blieb nun aber politisch ohne Einfluss. 1859 starb Metternich und fand seine letzte Ruhestätte an der Seite seiner drei Ehefrauen in einer Kloster-Gruft im Westen Böhmens. Wolfram Siemanns Biographie eröffnet einen interessanten Blick auf diesen großen europäischen Staatsmann, der den Frieden und die Frauen liebte.

Wolfram Siemann: "Metternich - Stratege und Visionär. Eine Biografie"
C.H. Beck Verlag, München 2016,
752 Seiten 29,95 Euro

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