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Seit 14:10 Uhr Deutschland heute
StartseiteAndruck - Das Magazin für Politische LiteraturOtto Neuraths Wunsch nach Vollsozialisierung24.03.2014

BiografieOtto Neuraths Wunsch nach Vollsozialisierung

Otto Neurath, Jahrgang 1882, Fachmann für Kriegswirtschaft, vertrat eine radikale Umstrukturierung der Volkswirtschaften zum "Vollsozialismus". Der Politikwissenschaftler Günther Sandner referiert Facetten seines Lebens und Wirkens – eine Analyse oder historische Einbindung bleibt dabei jedoch aus.

Niels Beintker

Blick aus dem Garten auf das Untere Belvedere und die Innere Stadt von Wien, aufgenommen am 17.06.2012. (dpa / Frank Baumgart)
Wien, die Geburtsstadt Otto Neuraths. (dpa / Frank Baumgart)

Die Idee klingt noch immer kühn: eine staatlich gelenkte Planwirtschaft, ohne Geld- und Kreditordnung, dafür mit einem Naturaltausch-System. Ein demokratischer Sozialismus – und das nicht in einer kleinen Kommune irgendwo auf dem Land, sondern in einer großen Volkswirtschaft. Otto Neurath, Ökonom, Gesellschaftsanalyst und unorthodoxer Sozialist aus Österreich, dachte in ganz großen Bahnen. Ausgerechnet bei der Beobachtung der Balkankriege und später dann als Soldat im Ersten Weltkrieg entwickelte er, ausgehend von seinen Erfahrungen, eine eigene Vision staatlicher Ökonomie. Die sogenannte "Vollsozialisierung", also die planmäßige Verwaltung der Gesamtwirtschaft "durch die Gesellschaft für die Gesellschaft", bildete dabei das zentrale Fundament, zeigt Neuraths Biograf, der Wiener Politologe Günther Sandner.

Geldlose Wirtschaft als Ziel

"Durch die auf einer Naturalrechnung basierende gesamtwirtschaftliche Planung wurden grundlegende Elemente der Verkehrswirtschaft - nämlich der Markt, aber auch das Geld - vollständig beseitigt. Marktwirtschaft und Sozialisierung schlossen also einander aus. Sozialisierung hieß bei Neurath immer Vollsozialisierung und nicht Verstaatlichung oder Vergesellschaftung einzelner Industrien oder wirtschaftlicher Sektoren."

Ob Otto Neuraths "ungemein radikaler", aber auch "eminent praktischer" Entwurf einer Nationalökonomie überhaupt eine theoretische Chance besaß, verwirklicht zu werden, thematisiert sein Biograf leider kaum – eine von mehreren Leerstellen in einer eigentlich lesenswerten Lebenserzählung.

Natürlich: Über eine andere, alternative Wirtschaftsverfassung wurde in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg auch unter Nationalökonomen in Deutschland breit diskutiert - man denke an den durchaus schmähenden Begriff von den "Kathedersozialisten". Dennoch verlangt eine Analyse eines so weitreichenden Theorie-Gebäudes auch eine grundlegende kritische Reflexion. Stattdessen referiert Günther Sandner recht affirmativ Neuraths Lebenslauf, die politische Biografie eines Denkers, der mit allen großen Wirtschafts- und Gesellschaftstheoretikern seiner Zeit in Kontakt stand: mit Max Weber, Edgar Jaffé und - vor allem - Ferdinand Tönnies.

Als einer der wenigen Analysten der Kriegswirtschaft hatte sich Otto Neurath einen Namen gemacht. Er wurde in Wien in ein wissenschaftliches Komitee für Kriegswirtschaft berufen und leitete ein entsprechendes Museum in Leipzig. Nach dem Ende des Krieges berief ihn Josef Simon, USPD-Politiker und Handelsminister der bayerischen Revolutionsregierung, nach München. Neurath sollte die "Vollsozialisierung" in Bayern einführen.

Versuchslabor Bayern

"Neurath erklärte, dass eine Vollsozialisierung Bayerns in fünf bis zehn Jahren zu schaffen sei. Eine entschlossene Sozialisierungspolitik sei nicht nur Ausdruck ökonomischer Vernunft und Notwendigkeit, sondern auch eine wirksame Waffe gegen die 'bolschewistische Gefahr'. Denn wenn die Bolschewisten erst einmal vor Wien stünden, erklärte er mit Blick auf die erst vor wenigen Tagen ausgerufene Räterepublik in Ungarn, dann könnte es zu spät sein."

Auch in diesem Fall wird die generelle Realisierbarkeit einer neuen Wirtschafts- und Gesellschaftsstruktur nicht hinterfragt. Die Pläne bleiben reichlich abstrakt, stattdessen wird Otto Neuraths "geschichtlich begründeter, kritisch gebändigter Utopismus" gewürdigt, seine Überzeugung, das Glück der Gesellschaft sei das Ziel der Geschichte, zu einer eigenen Glückslehre erklärt.

Die Zeit in Bayern endete für Neurath selbst übrigens alles andere als glücklich. Das Zentralwirtschaftsamt leitete er gerade anderthalb Monate lang, genau in der Zeit der zweiten Räte-Republik. Nach der Niederschlagung dieser Revolutionsbewegung wurde der finanziell gut dotierte Wirtschaftsplaner wegen Beihilfe zum Hochverrat angeklagt und zu einer Haftstrafe verurteilt. Die sozialdemokratische Regierung in Österreich erwirkte seine Überführung nach Wien - Auftakt zu einer neuen und vielseitigen Periode in Otto Neuraths Biografie.

Das Gemeinwohl weiter im Blick

"Neuraths politisches Denken hatte sich nach den Münchener Turbulenzen nicht grundsätzlich verändert. Er blieb davon überzeugt, dass der Sozialismus kommen werde und es letztlich der Kapitalismus selbst sei, der diese Entwicklung beschleunige. Dies sei allerdings nicht wegen der zunehmenden Verelendung und der daraus resultierenden Revolutionierung des Proletariats der Fall (...), sondern wegen des fortschreitenden Aufbaus von Kartellen, Syndikaten oder Trusts."

Otto Neurath wurde zu einem der prägnanten Köpfe des "Wiener Kreises", eines Zirkels von verschiedenen gesellschaftsreformerisch engagierten Gelehrten. Er unterrichtete Betriebsräte, beschäftigte sich mit Fragen der Gemeinwohl-Ökonomie, leitete den Hauptverband für Siedlungs- und Kleingartenwesen und schließlich das Wiener Gesellschafts- und Wirtschaftsmuseum. Man könnte sagen: ein Hans-Dampf in allen Gassen, ein Lehrer, Theoretiker, Architekturvermittler und Ausstellungsmacher, unermüdlich Ideen zur Reformpolitik generierend.

Grafiken und Piktogramme zur Verdeutlichung der Wirklichkeit

Im sogenannten "Roten Wien" war Otto Neurath eine zentrale Figur, als unorthodoxer Sozialist zugleich eine Ausnahme-Erscheinung, ein beständig Fragender. Günther Sandner hebt unter anderem Neuraths Bemühungen um die Erfassung der Wirklichkeit mit einer neuen sogenannten Bildstatistik hervor: mit einer ganzen Sammlung von grafisch modern gestalteten Schautafeln zur Wirtschafts- und Gesellschaftsstruktur in verschiedenen europäischen Ländern.

"Bilder ermöglichten aber auch Kommunikation und folglich Kooperation zwischen verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen, zwischen unterschiedlichen Völkern, die durch Sprachbarrieren getrennt waren, zwischen Laien und Experten, die mithilfe der Bildsprache auf einer Ebene miteinander verkehren konnten. 'Worte trennen – Bilder verbinden', so das Credo von Neurath."

Mit den Piktogrammen wurde etwa die Säuglingssterblichkeit in diversen Wiener Bezirken veranschaulicht: eine Gruppe von schematischen Figuren in einem Raum, dazu kleine schwarze Särge, auf ihnen ein Kreuz. Die neue Bildersprache diente zum Teil als Vorlage für heutige Symbole. Und sie bescherte, als moderne Form zur Darstellung sozialer Wirklichkeit, Otto Neurath sogar einen Auftrag aus der Sowjetunion. Im Auftrag der Parteiführung - also letztlich im Auftrag Stalins - sollte er beim Aufbau eines Institutes für Bildstatistik in Moskau mitwirken. Das Projekt begann 1931 und wurde nach drei Jahren eingestellt.

Die große und etwa von Gerd Koenen ausführlich diskutierte Kardinalfrage in diesem Kontext - der Blick der Linken auf die Sowjetunion - wird von Günther Sandner leider überhaupt nicht eingehend thematisiert. Der Biograf schreibt zwar von einer Distanz zur Sowjetunion, begründet diese aber nicht weiter. Kein Wort etwa darüber, wie der Gesellschaftsutopist Otto Neurath den millionenfachen Hungertod in der Ukraine kommentierte, die Folge der stalinistischen Kollektivierung. Und so geht es oft zu in dieser Biografie: Dort, wo man gerne Genaueres wüsste, wird man enttäuscht - weil schon wieder, nach einer kurzen Schilderung, die nächste Facette behandelt wird. Einer der großen österreichischen Gesellschaftskritiker hätte eine kritischere Lebensbeschreibung verdient.

Günther Sandner: Otto Neurath. Eine politische Biografie. Paul Zsolnay Verlag, 352 Seiten, 24,90 Euro. ISBN: 978-3-552-05676-3.

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