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StartseiteBüchermarktBiographie des deutschen Theaters16.07.2007

Biographie des deutschen Theaters

Günther Rühle beschreibt das Schauspiel in Deutschland von 1887 bis 1945

Die Geburtsstunde des modernen Theaters sieht Günther Rühle in jener Matineevorstellung am 9. Januar 1887, als man es in Berlin zum ersten Mal wagte, Henrik Ibsens "Gespenster" auf die Bühne zu bringen. Die Gespenster der Vergangenheit ruinieren darin eine Familie. Ein junger Mann wird an der Syphilis sterben, weil sein Vater unverantwortlich gelebt hat. Mit dem norwegischen Dramatiker brach das Theater in Deutschland in eine neue Zeit auf. Es wandte sich ab von den erstarrten Konventionen und Idealen des Kaiserreichs und nahm die Realität in den Blick.

Von Eva Pfister

Roter Vorhang in einem Theater (Stock.XCHNG)
Roter Vorhang in einem Theater (Stock.XCHNG)

Berlin wurde zur Hauptstadt des Naturalismus als politischer Bewegung, die zentral vom Theater getragen wurde. Dass Käthe Kollwitz nach einer Aufführung von Hauptmanns "Die Weber" ihr Lebensthema gefunden hatte, ist für Günther Rühle ein Beweis dafür, welch eine treibende Kraft das Theater damals hatte.

"Das Theater bis 1885 hat eigentlich gelebt aus dem klassischen Bestand und aus den Stücken der Nachklassik. Das waren zum großen Teil Historienstücke oder es war der Schwank, also eine gefällige Theaterkultur und plötzlich hat sich das Theater den inzwischen bekannt gewordenen Entdeckungen, auch Hauptmanns Stück "Vor Sonnenuntergang" kam vier Wochen nach Ibsen, also dieser Schock: Was passiert mit Bauern, die in Schlesien reich geworden sind, weil es Kohlen unter ihren Feldern gab, wie werden die aus ihrem Stand gekippt, wie verrotten die, wie geht da eine Familie kaputt? Und da hat das Theater eine neue Funktion bekommen, nämlich Inhalte zu zeigen, die es bisher im Bewusstsein nicht gab. "

Als "Biographie des deutschen Theaters" versteht Günther Rühle sein Mammutwerk von fast 1300 Seiten. Der langjährige Theaterkritiker der FAZ, der von 1985 bis 90 auch Intendant vom Schauspiel Frankfurt war, meint damit ein ganz bestimmtes Theater, nämlich jenes von der Öffentlichkeit getragene Schauspiel, das die Gesellschaft spiegelt und im besten Fall auch vorantreibt. Dabei sieht er die Entwicklung des Theaters zwar vor dem Hintergrund der sozialen und politischen Umständen, aber im Grunde geprägt von einzelnen Personen, die Kräfte bündeln und sich mit ihren Visionen durchsetzen konnten. Seine Reihe großer Theatermänner beginnt mit Otto Brahm, der sich für die zeitgenössische Dramatik des Naturalismus engagierte, gefolgt von Max Reinhardt, dem ersten Künstler-Regisseur, der für das Gesamtkunstwerk Theater mit allen neuen Möglichkeiten des Lichts und der Bühne gearbeitet hat.

Aber das Regietheater auch im heutigen Sinn, das begann für Günther Rühle mit einer Wilhelm-Tell-Inszenierung von Leopold Jeßner im Jahr 1919. (1')

"Um 1918, mit dem Ende des Kaiserreichs geht eine große Tradition zu Ende, nämlich die Verehrung von Literatur. Es sind die Erkenntnisse da von 1918/19: dieser Krieg muss uns eine Lehre sein, dass so etwas nie mehr passiert. Es war ein ganz anderer moralischer Impuls da. Und das kommt zusammen im Expressionismus, dass eine neue Generation neu denken will. Und fragt: Was machen wir mit der Tradition? Was bringen wir denn von unserem aktuellen Bewusstsein in die Tradition ein und was können wir aus der Tradition für unsere aktuelle Situation gewinnen? Es wird der alte Stoff jetzt nicht nachgespielt, sondern er wird interpretiert! Und da ist der Wilhelm Tell ein großes Beispiel. Der Kaiser ist gestürzt, ... und plötzlich wird der Tell neu gesehen, wie Jeßner, als ein Freiheitsschrei. Plötzlich taucht der Tell in Hodlerschen Gesten auf der Bühne auf. Die Bühne ist ganz abstrakt gehalten, die Berge sind Zick-Zack-Pappe, aber alles ist in die Stoßkraft der Schauspieler gebaut. Und von da ab heißt es: was machen wir mit einem Stück? Ich will die Konzentration haben, die Idee von einem Stück. Das ist Regietheater. "

Wenn Rühle über die epochemachenden Theateraufführungen berichtet, sei es von 1887, 1919 oder von 1927, als Piscator mit "Hoppla wir leben" von Ernst Toller seine revolutionäre Bühne am Nollendorfplatz eröffnete, dann wirkt das so lebendig, als hätte er die Inszenierungen selbst gesehen. Auch große Schauspieler wie Fritz Kortner, Heinrich George und Gustaf Gründgens kann er plastisch vorstellen. Aber Günther Rühle ist 1924 geboren, seine ersten prägenden Theatererlebnisse fallen in die Nachkriegszeit. Wie macht er es also, dass Theatergeschichte bei ihm so lebendig wird?

"Na ja ich bin ja 50 Jahre mit dem Theater beschäftigt, nicht nur als Kritiker, sondern auch als Theaterintendant, ich kann mir also vorstellen, wie eine Aufführung zustande kommt, dann kann ich durch meine journalistische Ausbildung alte journalistische Texte lesen. Ich hol mir meinen Stoff aus den zeitgenössischen Quellen, also aus den Zeitungsberichten, denn Theater ist was Unmittelbares, jede Premiere ist eine Veröffentlichung und jede Kritik ist die Resonanz, das ist der Zeitwert festgehalten kann man rekonstruieren in seiner Phantasie und dann wird es wieder lebendig. "

Kritiken sind also - neben Briefen, Memoiren und kulturpolitischen Schriften - die wichtigsten Quellen, aus denen Günther Rühle schöpft. Dass er dabei besonders häufig Rezensionen von Alfred Kerr zitiert, ist kein Zufall, denn er hat im Fischer Verlag auch die Schriften des berühmten Kritikers herausgegeben. Außerdem konnte sich Rühle auf sein Buch "Theater für die Republik" abstützen, in dem er die Jahre 1917 bis 1933 im Spiegel der Kritik darstellt. Aber trotz dieser Vorarbeiten ist seine Theatergeschichte ein außergewöhnliches Werk. Niemand hat bisher in so großem Bogen und zugleich so detailliert die Geschichte des deutschen Schauspiels geschildert. Dass Berlin dabei im Zentrum steht, ist durch seine führende Position im Kulturleben bis 1945 legitimiert. Nur punktuell berichtet Rühle von der Arbeit in der so genannten Provinz, von Otto Falckenbergs Münchner Kammerspielen, von Frankfurt, Hamburg oder von Düsseldorf, wo Louise Dumont und Gustav Lindemann im Jahr 1905 ihre Reformbühne gründeten, die bis 1932 existierte.

1933 verlor der Jude Alfred Kerr seine Position beim "Berliner Tageblatt" und emigrierte nach London. Von dort beobachtete er erst neidvoll, dann hämisch, wie sein großer Konkurrent Herbert Ihering seinen Posten einnahm, dann aber - wie die Kritik ja generell - von den Nationalsozialisten als untragbar empfunden wurde. Günther Rühles Beschreibung, wie der NS-Staat die Kultur umbaute, ist hochinteressant. Ohne moralische Pauschalverurteilung erzählt er vom Theater in der Diktatur, von Anpassung und Widerstand, von der Vereinnahmung des Theaters durch die Politik, aber auch von Theaterleuten wie Gustaf Gründgens oder Jürgen Fehling, die glaubten, dass sie der schrecklichen Zeit ihre Kunst entgegensetzen konnten.

"Im Staatstheater in Berlin, aber auch an den Kammerspielen in München hat man versucht, ein Theater zu erhalten, das die Linie von den 20er Jahren her nicht aufgibt. In den 20er Jahren waren so viele tolle Theaterentdeckungen gemacht worden, so viele neue Darstellungsmittel entwickelt worden, und die Leute, die im Dritten Reich Theater gemacht haben, kamen ja aus den 20er Jahren. Gründgens, Fehling, Heinrich George, die kamen alle aus dem Theater der Republik. Da gab es eine große Bestrebung, diese Dinge zu erhalten. Obwohl von der Reichsdramaturgie und vom Goebbelschen Ministerium her immer wieder gesagt wurde, das und das muss gemacht werden. Das hat man zähneknirschend gemacht, aber es gab auch den Widerstand. Und eine Inszenierung von Gründgens, "Faust", das waren Dinge, die total unabhängig waren von der Ideologie der Nazis. Man muss sich mal vorstellen, dass im Dritten Reich durch Gründgens die Figur formuliert worden ist, ins Bewusstsein gehoben worden ist, die eigentlich das ganze Jahrhundert definiert, nämlich: Mephisto. Das ist aus diesem Erlebnis der Zeit herausgewachsen, dass plötzlich der Faust keine Rolle mehr spielt. Obwohl die Nazis den Faust sehr hervorgehoben haben, aber der Faust, wurde von Gründgens an die an die Wand gespielt. "

Dennoch, und auch das arbeitet Günther Rühle anschaulich heraus, wurden viele inhaltlichen und formalen Theatererrungenschaften der 20er Jahre nur durch die Arbeit des Exiltheaters gerettet, vor allem am Schauspielhaus in Zürich. Wobei nur wenige Theaterleute das Glück hatten, überhaupt eine Wirkungsstätte zu finden. Andere, die Deutschland verlassen mussten, scheiterten mit dem Versuch, ihre Theaterarbeit weiterzuführen. Diese Exilschicksale erzählt Günther Rühle sehr einfühlsam, einige Passagen in diesem Kapitel erreichen die Qualität einer belletristischen Darstellung.

Günther Rühle: Theater in Deutschland. 1887 - 1945. Seine Ereignisse - seine Menschen.
S. Fischer, Frankfurt am Main 2007, 1284 Seiten, 39,90

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