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StartseiteBüchermarktBiographierter wider Willen24.07.2005

Biographierter wider Willen

Elias Canetti wollte für die Nachwelt rätselhaft bleiben

Tagein, tagaus hat Elias Canetti an seinen Aufzeichnungen geschrieben und nur einen Bruchteil davon veröffentlicht. Weil er Vorbehalte gegenüber Biographien hatte, verfügte er, dass in den ersten zehn Jahren nach seinem Tod keine über ihn erscheinen dürfe. Zudem ließ er den größten Teil seines Nachlasses bis dahin sperren - ein Rest bleibt es weiterhin bis 2024, seinem dreißigsten Todestag. Die zehnjährige Sperrfrist ist abgelaufen und Sven Hanuschek hat die erste umfassende Canetti-Biographie vorgelegt.

Von Astrid Nettling

Hört man Freunde oder Bekannte über Elias Canetti sprechen, wird man schnell zum Ohrenzeugen völlig unterschiedlicher Leseerfahrungen: Der eine zeigt sich wie zerschmettert von der sprachlichen Wucht des Romans "Die Blendung" mit seiner monströs-grotesken Personage. Der andere weiß sich nachhaltig irritiert von Canettis opus magnum "Masse und Macht" und bleibt ratlos, in welches Genre - da weder Wissenschaft noch Dichtung - es zu sortieren. Ein dritter hat die "Aufzeichnungen" des Dichters mit dem Eindruck beiseite gelegt, es mit einem Gerechten von nahezu alttestamentarischer Sprachgewalt und Strenge zu tun zu haben. Ein vierter schließlich ist bezaubert vom Charme einer kosmopolitischen Kindheit, deren Reiz er in dessen Autobiographie "Die gerettete Zunge" genossen. Zusammen ergibt dies einen mehrstimmigen Chor, jedoch kein einheitliches Klangbild. Canetti selbst wäre es hochzufrieden, war ihm doch nichts verhasster als Einstimmigkeit. Darin dem dichterischen Konzept seiner "akustischen Masken" verpflichtet - in Anlehnung nicht zuletzt an jene Gesichtsmasken, personae genannt, wie sie unterschiedlich nach Rolle in der Antike von den Schauspielern auf der Bühne getragen wurden. Denn nicht auf personale Einheitlichkeit kam es ihm an - Canetti war sein Leben lang auf Maskenvielfalt aus, um dem breiten Spektrum des sprechenden Lebewesens, genannt 'Mensch', als Dichter gerecht zu werden. Wen will es da Wunder nehmen, dass die Privatperson 'Canetti' hinter all diesen Masken eher unkenntlich bleibt und es wohl auch bleiben sollte. Gewiss, die äußere Erscheinung des späteren Nobelpreisträgers ist den meisten vertraut - ein rundlicher Herr von kleiner Statur mit imposant vollem Haar:

"Unter den zahlreichen Charakterisierungen Elias Canettis durch Zeitgenossen wiederholen sich zwei Bilder am häufigsten. Das eine zeigt einen verbindlichen älteren Herrn mit einem auffälligen Löwenhaupt, unverhofften Untiefen und starken Emotionen, der seine Besucher in Zürich in immer gleicher Weise empfing; mit hastigen Schritten öffnete er die Wohnungstür, geleitete den Gast in sein Arbeitszimmer, kredenzte Cognac und Orangensaft und eröffnete nach Überwindung dieser Rituale ein unendliches, schrankenloses Gespräch, allenfalls unterbrochen von einer Mahlzeit mit der Familie. Das zweite Bild zeigt den 'Menschenfresser' Canetti in früheren Zeiten, ganz unritualisiert. Er muss die unverschämte und atemberaubende Fähigkeit gehabt haben, seinem Gegenüber "die Hirnschale abzunehmen", auch bei völlig Fremden, die ihm innerhalb von zehn Minuten alles von sich erzählten, was sie niemandem hatten erzählen wollen. Elias Canetti ist schnell auf einige wenige Rollen festgelegt worden, obwohl sein Repertoire ungleich vielfältiger war. Dessen ganze Breite hat er nach außen hin nur selten gezeigt, noch nicht einmal in den publizierten Aufzeichnungen hat er sie zugelassen. Während der Arbeit am dritten Band seiner Autobiographie "Das Augenspiel", notierte er als Vorsatz: "Darzustellen: dein Leben als Schauspieler" - ein Schauspieler freilich, der seine Rollen selber schrieb, und manchmal die seiner unmittelbaren Umgebung dazu."

Doch nichts wäre verfehlter, als in diesem Vorsatz das Eingeständnis leichtfertigen Schauspielertums zu vermuten, dem das Leben ein unernstes Spiel mit Masken, ein kokettes Rollenverwirrspiel bedeutet. Ganz im Gegenteil - Canetti ist durchaus jener 'heilige' Ernst zu konzedieren, wie ihn Schamanen bei ihren magischen Maskentänzen zeigen, oder japanische Nô-Schauspieler, die sich, bevor sie ihre Maske aufsetzen, tief vor ihr verbeugen, und sich dann vor einem Spiegel in den Anblick der aufgesetzten Maske versenken, um mit ihr und ihrer Rolle eins zu werden. Ein magisches Ritual der Verwandlung - genau das ist es, worum es auch Canetti ging. Denn für ihn ist der Mensch das "Verwandlungstier par excellence", was nolens volens auch für ihn die strenge Verpflichtung zur Verwandlung beinhaltete. Dass dies bei allem Ernst nicht ohne schauspielerisches Genie, ohne Begabung zu Rollenspiel und Maskentausch zu denken ist, versteht sich. Aber möglicherweise war es gerade jener 'heilige' Ernst, der auch die strenge Kontrolle über die eigenen Masken bedingte. Elias Canetti, der "Hüter der Verwandlungen", war nicht zuletzt der Hüter seiner eigenen. Selbst für die Zeit nach seinem Tod hatte er genaue Vorkehrungen getroffen und verfügt, dass in den ersten zehn Jahren danach keine Biographie über ihn erscheinen dürfe. Zudem ließ er den größten Teil seines Nachlasses bis dahin sperren - ein Rest bleibt es weiterhin bis 2024, seinem dreißigsten Todestag. Doch die zehnjährige Sperrfrist ist abgelaufen, und wir halten mit Sven Hanuscheks umfangreichem Buch die erste umfassende Canetti-Biographie in Händen, die den nun zugänglichen Teil des Nachlasses verwerten konnte. 130 Schachteln im A3-Format von der Dicke eines Universalwörterbuchs. Darunter das ungeheure Massiv von Aufzeichnungen aus sechzig Jahren tagtäglicher Notizen, das ahnen lässt, wie sehr in vielem bisher nur die Spitzen zu sehen waren. Gleichwohl wird auch daraus kein 'eins zu eins' Porträt des Dichters Canetti zu meißeln sein. Sein Biograph macht sich diesbezüglich keine Illusionen:

"Die Hinterlassenschaften stammen von einem kosmopolitischen Emigranten, dem in seinem beinah neunzigjährigen Leben (fast) nichts verlorengegangen ist, außer den Teilen seiner Unterlagen - das ist zu bedenken -, die er selbst zerstört hat. Canetti wird sich nicht fassen lassen. Zur Veranschaulichung zitiere ich eine Aufzeichnung aus seinem Todesjahr: "Seit er ein wichtiges, vielleicht das wichtigste Stück von sich selbst zerstört hat, ist er wahrhaftig ein anderer. Die einzige Möglichkeit, sich zu entfliegen." Was heißt das? Was war das 'wichtigste' Stück? Möglicherweise hat er tatsächlich das Manuskript eines Werkes vernichtet; oder ein biographisches Detail, das niemand erfahren sollte. Wie klug wir uns manchmal beim Interpretieren seiner schriftlichen Zeugnisse fühlen mögen, unvermittelt stehen wir immer wieder vor einer Wand. "Seine Rätsel sind redlich", heißt es auf demselben Blatt, ein schwacher Trost. "Aber sollen Rätsel redlich sein?" Canetti hatte Vorbehalte gegen Biographien, vor allem solche, die ihn zum Gegenstand haben sollten. Er hat den Versuch einer Publizistin Ende der achtziger Jahre verhindert. Gegen Biographien im engeren Sinne hatte Canetti einzuwenden, dass sie oft von ungeheurer psychologischer Simplizität sind. Erträglich schien ihm Psychologie nur, "wenn sie die Rätsel, die sie zu lösen vorgibt, vergrößert." Canettis größte Angst vor Biographen löste wohl die Vorstellung aus, als geheimnislos dazustehen, als perfekt durchschaubar und erklärbar. Von seiner eigenen Lebensgeschichte hat er in einem vielzitierten Dictum verlangt, es solle da "viel zu rätseln und zu erraten geben und die vermeintlichen Lösungen sollen auch fehlgehen können", einiges solle "für immer verborgen" bleiben."

Keine große Ermutigung für einen Biographen, doch Hanuschek nimmt es gelassen. Er kann gut damit leben, dass er es mit einem Biographierten wider Willen zu tun hat, mit jemandem, der sich partout nicht seiner vielen, zum Teil widersprüchlichen Masken entkleidet sehen will. Er hat deshalb gut daran getan, Canetti bei seinen Masken selbst zu nehmen und sich des Versuchs zu enthalten, einen vermeintlich unmaskierten Canetti zu präsentieren. Ihn also nicht seiner vitalen Ausdrucksmittel zu berauben und 'zu Tode' zu erklären, sondern seine proteushaften Verwandlungen als das zu nehmen, was sie für Canetti selbst waren - eine List des "Verwandlungstiers", um mit ihrer Hilfe mehr Leben zu erlangen. Auf diese Strategie lässt Hanuschek sich ein, indem auch er die Masken Canettis vermehrt, um mehr Canetti zu gewinnen, wofür ihm der Nachlass einen unerschöpflichen Fundus bietet. Denn eins wird während der Lektüre seiner Biographie schnell deutlich, wie streng der Dichter tatsächlich seine Autobiographie kontrolliert hat, wie stark seine publizierten Aufzeichnungen 'handverlesen' wurden.
Hanuscheks Biographie kommt das große Verdienst zu, dass es ihr gelingt, souverän an der Klippe fragwürdiger Enthüllungsbiographie vorbei anhand ihres reichen dokumentarischen Materials sowie der unpublizierten Aufzeichnungen Canettis den Dichter und seine Vita in bislang unbekannten, überraschenden wie irritierenden Facetten zur Ansicht zu bringen. So den erfolg- und mittellosen Canetti während seines englischen Exils mit enormen Schreibblockaden, der seine Zeit in Kaffeehäusern verplempert mit "stundenlangen, glühenden, glänzenden Plädoyers an irgendwen gerichtet, der zufällig da ist". Oder den in seine viele Frauengeschichten zeitraubend verstrickten, doch zugleich krankhaft eifersüchtigen Canetti, der seine erste Ehe mit Veza Taubner zeitweise als Albtraum gegenseitiger Abhängigkeit erlebt, woraus er sich schließlich durch eine langjährige ménage à quattre zu befreien sucht, zu der neben seiner Ehefrau Veza die Schriftstellerin Friedl Benedikt sowie die Malerin Marie-Louise von Motesiczky gehören. "Eine klagt, die Andre torkelt und die Dritte atmet durch Kiemen. Der glückliche Besitzer von drei ganz verschiedenen Frauen." Ferner den monströsen Canetti, der "böse Welten um sich schafft, weil er keine bösen Bücher mehr schreibt," der systematisch "Hassgötzen" aufbaut, auf die er einschlägt - "solche Menschen brauche ich, um anders wie sie zu bleiben" - und der damit kokettiert, dass er sich mit Menschen umgebe, deren Leben so aussehe, als hätte er es zerstört. Oder den manischen Lügner Canetti - auch dies eine seiner vielen Facetten, über die er in seinen Aufzeichnungen versucht, Klarheit zu gewinnen. "Ich muß mir darüber klar werden, was mir die Lüge bedeutet und warum ich sie brauche." Vielleicht lüge er, um seine geistige Unabhängigkeit zu bewahren oder um einer vielfältigen Existenz willen, "die ich als ruhiger und nachdenklicher Mensch nicht haben kann, in die ich aber durch Lügen immer tiefer hineingerate". Jedenfalls lebe er auf diese Weise in vielen Romanen zugleich, anstatt sie zu schreiben. All dies zeigt weniger den bombastischen Apodiktiker und wuchtigen Moralisten, als den man ihn manchmal aus seinen publizierten Aufzeichnungen kennt, sondern einen Canetti, der sich und seine Lebensumstände durch die Lupe argwöhnischer Selbstbeobachtung in Augenschein nimmt.

"Sehr viel später hat Canetti überlegt, ob all diese negativen Seiten an ihm einem Übermaß an Moral geschuldet sein können, dem er als junger Mensch ausgesetzt war. "Mich ekelt die Moral an, ich war ihr zu lange verfallen (meine Mutter, Karl Kraus), mein Leben ist verflossen, in 'Anständigkeit' - dies kann ich nicht tun, jenes darf ich nicht tun, so hab ich nichts getan, nun bin ich vergangen." In jedem Fall waren seine 'monströsen' Eigenschaften Akte der Selbstbehauptung, die jemand nötig hat, der nur alle paar Jahrzehnte etwas publizieren kann; die privaten Machthaber-Allüren und seine Eitelkeiten konnten ihm über seine völlige Ohnmacht im politischen oder auch nur alltäglich bürokratischen Zusammenhang hinweghelfen. Seine Frau hat ihn immer als zu weich, zu dichterisch angesehen, als eine Art weltfremder Molluske. "Was machst du mit einem Menschen, der sich fürchtet, wahnsinnig fürchtet, auf ein Konsulat zu gegen, von Polizeiangst nicht zu reden", beklagt sie sich bei Georg Canetti, (seinem Bruder). Dabei handle er aus "lauter Güte, nichts als Güte", die sie zeitweise selbst nicht mehr ertrug. Hoffentlich bleibe er noch länger in Frankreich - "die Leute hier glauben ich hab einen Liebhaber, weil ich so verjüngt, erquickt und heiter bin, seit er weg ist. Schrecklich es zu sagen, über den besten und reizendsten Menschen der je gelebt hat."

Wer also war Canetti? Hanuscheks glänzend erzählte Biographie, worin er die ungeheure Fülle seiner Recherchen eindrucksvoll, manchmal ein wenig zu detailbesessen entfaltet, aber insgesamt seinem biographischen Ideal, "Ereignisse für sich selbst sprechen oder sich gegenseitig kommentieren zu lassen", überzeugend gerecht wird, folgt zunächst dem lebensgeschichtlichen Ablauf, wie er durch Canettis Autobiographie bekannt ist. Das spaniolische Milieu seiner Kindheit im bulgarischen Rustschuk, die Zeit in Manchester, der frühe Tod des Vaters, die Schulzeit in Wien, Zürich, Frankfurt, dann die Anfänge als Schriftsteller: die Wiener Zeit im Banne von Karl Kraus, seine Liebe zu Veza Taubner, die Vollendung der "Blendung", die Ablösung von der Mutter, neue Freundschaften in Wien. Was danach folgt, lag bisher mehr oder weniger im biographischen Dunkel - der erst posthum erschienene vierte Teil der Autobiographie "Party im Blitz" beleuchtet in bekannter Manier, also sehr kontrolliert und selektiert, die Jahre in England.

Hanuscheks Biographie profitiert vor allem für diese fast dreißig Jahre in England von seinem reichen Material, den Aufzeichnungen Canettis sowie den Briefen seiner Frau Veza an den Bruder Georg. Dokumente, die erhellende Einblicke in lebensgeschichtliche Dunkelheiten geben. Zum einen erleidet Canetti das typische Emigrantenschicksal europäischer Juden des 20. Jahrhunderts, die lebensgeschichtliche Tragik eines durch Faschismus und Emigration abgewürgten schriftstellerischen Erfolgs, dem materiell, existentiell schwierigste Jahre im Exil folgen. Anerkennung und Erfolg kommen spät. Erst im Alter von 65 kann er zum ersten Mal vom Ertrag seiner schriftstellerischen Arbeit leben. Zum anderen werfen sie Licht auf seine persönlichen Verhältnisse und privaten Beziehungen, auf seine 'Frauen', seine Freunde, auf die enge Bindung an seinen Bruder Georg, den erfolgreichen Lungenspezialisten in Paris, das "wichtigste männliche Wesen" in seinem Leben, der Canetti jahrelang finanziell unterstützt hat - und natürlich auf Veza Canetti, die selbst Schriftstellerin war.

Von ihr hat er nur ein stark kontrolliertes Bild in seiner Autobiographie zugelassen. Sie stand Canetti bis zu ihrem Tod viel zu nah, als dass er sie der Öffentlichkeit hätte preisgeben wollen, darin seinem Diktum folgend, dass eine Lebensgeschichte geheim sei, wie das Leben, vom dem sie spricht. Deshalb hat er ebenso Veza Canettis größtes Lebensgeheimnis - ihre körperliche Behinderung, den fehlenden linken Arm - über ihren Tod hinaus zu wahren gewusst. Ferner lernen wir den Dichter als jemanden kennen, der zwischen solidem Narzissmus und hysterisch-paranoiden Auflösungserscheinungen hin und her schwankt, sich im Spiegelkabinett seiner Selbstbetrachtungen ebenso gnadenlos niedermacht wie hochtönend aufbaut, einen Canetti, der sich nicht nur immer wieder im Labyrinth seiner Beziehungen verliert, sondern ebenso in den ausufernden Anlagen seiner schriftstellerischen Projekte, und der bis zuletzt lange Phasen künstlerischer Unfruchtbarkeit erlebt. Von seiner auf acht Romane projektierten "comédie humaine der Irren" hat er nur einen einzigen Roman vollendet - "Die Blendung". Der wiederholt angekündigte zweite Band von "Masse und Macht" ist nie geschrieben worden, ebensowenig die geplanten Theaterstücke oder das umfangreiche Projekt des "Totenbuchs". Durch Hanuscheks Einblick in seinen Nachlass wissen wir jetzt ebenso, dass Canetti auch kein weiteres abgeschlossenes Werk hinterlassen hat. Aber es existiert das imposante "Zentralmassiv" seiner Aufzeichnungen, von dem wir in der Biographie nun erste unerwartete wie beeindruckende Anblicke gewinnen können und in das Canetti vielleicht sein Eigenstes, nämlich die ganze vitale Vielfalt seiner Masken und Verwandlungen, hineingegeben hat. Für Hanuschek das eigentliche Hauptwerk des Dichters.

"Das Hauptwerk Elias Canettis heißt weder "Die Blendung" noch "Masse und Macht". Das Werk, das ihn als einziges ganz enthält, sind die Aufzeichnungen. Ihr Verfasser hat nur einen Bruchteil veröffentlicht, und er hat, tagaus tagein, daran geschrieben, weil er daran schreiben musste, ohne auf eine Veröffentlichung oder auch nur Erhaltung dieser Stapel und Blöcke zu schielen. Bis wenige Monate vor seinem Tod, als er seine Hinterlassenschaften geregelt hat, wusste er nicht, was aus seinen Aufzeichnungen werden würde. Jahre vor der Geburt seiner Tochter hatte er die Möglichkeit ins Auge gefasst, dass dieses Zentralmassiv bis auf die kleinen publizierten Teile einfach versinken könnte. "Es besteht die Hoffnung, dass alle diese hunderttausend verstreuten Sätze untergehen und verschwinden. Vielleicht ist es eine Hoffnung, wohl aber eine Möglichkeit, denn kann er nicht plötzlich tot umfallen und irgendein lässiger Erbe die unzähligen Hefte wegwerfen? Diese Möglichkeit, die Unsicherheit über ihr Schicksal gibt seinen Sätzen ihre Würde, und nur die unter ihnen haben die Würde verloren, die er rettet, indem er sie veröffentlicht.""

Souverän führt Hanuschek seine Biographie zu ihrem Ende - und ebenso sicher gelingt es ihm bis zum Schluss, dem "antibiographischen Affekt" des Dichters zum Trotz Elias Canetti, den "Hüter der Verwandlungen", als eine Persönlichkeit von faszinierender Lebendigkeit sichtbar zu machen, als einen Menschen mit ausgeprägtem Sensorium für die "Dichte und Wärme des Lebens", deren flüchtige Substanz er in sein dichterisches Werk aufzunehmen und zu bewahren suchte. Noch ein anderes aber wird deutlich: wie stark Canettis Beharren auf Verwandlung nicht zuletzt einem ganz vitalen Fluchtreflex entsprungen war. Von seinem Naturell her ein Einzelgänger konnte Canetti sich gegenüber anderen - Geliebten, Freunden, aber auch völlig Unbekannten - in derart schrankenloser Intensität verschwenden, dass um reiner Selbsterhaltung willen für ihn die Verwandlung, die neue Maske, die einzige Möglichkeit darstellte, sich dem anderen zu entziehen und vor völliger Selbstpreisgabe zu bewahren. "Man muss sich schützen, man muss sich preisgeben. Wer findet die richtige Balance?" In seinen späteren Jahren in Zürich, die sein Biograph als endlich gelungene Sozialisation beschreibt - die zweite, glückliche Ehe mit Hera Buschor, die späte Vaterschaft -, scheint Elias Canetti eine solche Balance zumindest in seinem privaten Leben gefunden zu haben.

Sven Hanuschek: Elias Canetti
Hanser Verlag
29,90 Euro

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