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StartseiteForschung aktuellBienen mit Landkarte im Kopf03.06.2014

BiologieBienen mit Landkarte im Kopf

Menschen haben eine innere Landkarte im Kopf. Wenn eine Straße zur Wohnung gesperrt ist, nehmen sie eben einen anderen Weg. Auch Mäuse und Tauben haben diese Fähigkeit. Insekten wurde das bisher nicht zugetraut. Forscher aus Berlin haben nun entdeckt, dass auch Bienen eine innere Landkarte besitzen.

Von Volkart Wildermuth

Eine Biene saugt Nektar an einer Blume (AP)
Eine Biene saugt Nektar an einer Blume (AP)

Am Bienenstock herrscht reges Kommen und Gehen. Die Sammlerinnen wissen genau, wohin sie fliegen müssen. Im Schwänzeltanz haben ihnen ihre Kolleginnen ergiebige Futterquellen angezeigt, und zwar sowohl deren Entfernung, als auch die Richtung relativ zum Sonnenstand. Auch der Rückweg ist kein Problem.

"Bienen navigieren ja wunderbar, wie wir wissen. Sie finden immer wieder in ihren Stock zurück."

Sogar, wenn sie Forscher wie Randolf Menzel einfangen und anderswo aussetzen. Der Professor für Neurobiologie an der Freien Universität Berlin möchte verstehen, wie die Bienen das schaffen. Aktuell gibt es dafür zwei Theorien. Entweder die verirrten Bienen fliegen so lange herum, bis sie zufällig einen der wenigen ihnen bekannten Orte finden. Von dort können sie dann anhand der Sonne die Richtung zum Stock bestimmen. Oder aber, sie orientieren sich von Anfang an mithilfe einer detailreichen geistigen Karte der Umgebung. Die Sonne wäre für diese Art der Navigation unnötig. Um im Experiment zwischen den beiden Möglichkeiten zu unterscheiden, musste Randolf Menzel, die Sonnennavigation seiner Bienen stören. Dazu fing er die Insekten ein und betäubte sie.

"Man kann sie eben mit einem ganz normalen generellen Anästhetikum sozusagen zum Schlafen legen, dann bleibt ihre innere Uhr im Wesentlichen stehen."

Die Sonne am Himmel läuft derweil weiter, doch die schlafende Biene bekommt davon nichts mit.

"Wenn sie dann nach der Narkose aufwacht, dann fliegt sie so, als ob die Zeit stehen geblieben wäre. Und wenn sie am Vormittag in die Narkose gebracht worden ist, dann fliegt sie so, wie wenn es noch Vormittag wäre."

Nur diese Flugrichtung führt jetzt in die Irre. Was also macht die Biene? Das ist auf der großen Versuchswiese in Brandenburg gar nicht so leicht zu beobachten. Deshalb hat Randolf Menzel eine fahrbare Radarstation auf den Feldweg gestellt und den Bienen eine Antenne auf den Rücken geklebt.

"Sie ist ganz schön groß. Sie ist ungefähr 11 Millimeter groß, sie steht senkrecht auf ihrem Mittelkörper aber es ist ganz erstaunlich, sie kann wunderbar damit fliegen."

Per Radar lässt sich die Position der Biene alle drei Sekunden bestimmen. Im Experiment zeigte sich dabei etwas Erstaunliches. Nach einem kurzen Flug in die falsche Richtung flogen die wieder erwachten Bienen auf direktem Weg zum Stock.

Und das bedeutet, dass sie also sich dann nach einer Weile nicht mehr nach der Sonne orientiert haben, sondern entsprechend festgestellt haben, aufgrund von Landschaftsstrukturen, wo sie sind und dann einen direkten kürzesten Weg eingeschlagen haben, um zum Stock zurückzukommen.

Damit steht fest: Die Bienen verfügen über eine geistige Karte der Umgebung.

"Ich glaube schon, dass es eine rechte Überraschung sein muss, wenn gefunden wird, dass ein solches Gehirn mit Stecknadelkopf-Größe eine Fähigkeit besitzt, die wir als besondere Leistung der Säugetiergehirne, der Vogelgehirne und so weiter betrachten."

Randolf Menzel ist davon überzeugt, dass Bienen sogar noch mehr können. So gleichen sie die Informationen aus dem Schwänzeltanz ihrer Kolleginnen mit ihrer eigenen Landkarte ab.

"Wenn ich annehme dass die Biene eine solche geistige Karte hat, dann nehme ich an, dass sie feststellt, wo sie ist und wo sie hin will. Dieser Weg muss nicht ein schon zurückgelegter Weg sein, es kann auch ein Weg sein, der völlig neu ist."

Erste Experimente deuten sogar darauf hin, dass Bienen auf dem Weg zurück zum Stock verschiedene Flugrouten gegeneinander abwägen. Mal den direkten Heimweg bevorzugen und mal einen Zwischenstopp an einer ergiebigen Futterquelle einlegen - genau wie es zum Beispiel auch Brieftauben machen.

"Und das ist eine Denkweise, sozusagen eine kognitive Denkweise, die man den Bienen nun wirklich gerne absprechen möchte, nämlich entscheiden zwischen Optionen."

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