• Deutschlandfunk bei Facebook
  • Deutschlandfunk bei Twitter
  • Deutschlandfunk bei Instagram

 
 
Seit 20:05 Uhr Hörspiel
StartseiteKommentare und Themen der WocheHuxley und Orwell lassen grüßen01.08.2017

Biometrische Gesichtserkennung Huxley und Orwell lassen grüßen

Die Empörung angesichts des Gesichtserkennungs-Tests in Berlin sei berechtigt, kommentiert Daniela Siebert im Dlf. Die biometrisch arbeitenden Kameras würden auf dem Weltbild fußen, dass erstmal ausnahmslos alle verdächtig sind. Das Fehler- und Missbrauchspotenzial bei dieser Überwachungstechnik sei immens.

Von Daniela Siebert

Die hochauflösenden Panomera-Kameras sind an der Brüstung des Berliner Europa-Centers befestigt und überwachen den Breitscheidplatz während des evangelischen Kirchentages und des DFB-Pokalfinales im Mai 2017. (imago/Olaf Selchow)
Bei der Überwachung mit biometrischen Kameras überwiegen die Nachteile die Vorzüge, meint Daniela Siebert. (imago/Olaf Selchow)
Mehr zum Thema

Das Digitale Logbuch Gesichtserkennung

Projekte gegen Gesichtserkennung Das System mit Daten fluten

Gesichtserkennung Was leisten heutige Kamerasysteme wirklich?

Gesichtserkennung Hilft nur noch ein Balken vor dem Gesicht?

Überwachungssoftware austricksen "Ein schiefer Pony kann helfen"

Ein Bulgare sitzt in Haft, weil eine Überwachungs-Videokamera gefilmt hat, wie er in Berlin eine Frau hinterrücks die U-Bahntreppe hinunter trat. Er konnte per Öffentlichkeitsfahndung mit Hilfe der Kamera-Bilder ermittelt werden.

Also ja: Videoüberwachung hat ihre Vorteile und macht vieles möglich. Der Impuls sie gut zu finden ist stark. Erst Recht in einer Stadt, die den todbringenden Terroranschlag auf den Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz noch nicht verwunden hat und deren Bürger sich insgeheim vor dem nächsten Vorkommnis dieser Art fürchten. Ja: Videoüberwachung könnte helfen, zu wissen, wann sich tatsächliche oder vermeintliche "Gefährder" an sensiblen Orten aufhalten.

Nachteile überwiegen Vorteile

Aber der Preis dafür ist zu hoch. Mit der biometrischen Gesichtserkennung nimmt die Überwachung sozusagen die Sonnenbrille ab und grinst die bürgerlichen Freiheitsrechte siegesgewiss an. All die Weichenstellungen, die mit der Einführung des biometrischen Fotos auf dem Personalausweis schon vorgenommen wurden, sie kommen jetzt in die Realisierungsphase. All die Schreckgespenster, die Huxley, Orwell und Datenschützer aller couleur seit Jahrzehnten beschworen, kommen langsam aber sicher aus ihren Verstecken.

Was wir heute anlässlich des Testlaufes von Gesichtserkennungssystemen am Berliner Bahnhof Südkreuz diskutieren, das war schon im letzten Jahrtausend Thema. Als es um die Rasterfahndung ging. Der Grund: es ist die Abkehr von dem Menschenbild, das unserer Gesellschaft zugrunde liegt. Vom freien, mündigen Bürger. Dem das Grundgesetz Bewegungs-, Versammlungs- und Meinungsfreiheit garantiert. Dessen Persönlichkeitsrechte hohen Schutz genießen.

Aufschrei berechtigt

Die Rasterfahndung wie auch die biometrisch arbeitenden Kameras fußen auf dem Weltbild, dass erstmal ausnahmslos alle verdächtig sind, bis am Ende des Prozesses - wenn er gut läuft - die eigentlichen Bösen gefunden sind. Die Kollateralschäden eines solchen Weltbildes sind immens. Das kann von Flugverboten reichen bis hin zu Inhaftierungen Unschuldiger. Das Fehler- und Missbrauchspotenzial dieser Technik ist so immens, dass man die Finger davon lassen sollte.

Deshalb ist der heutige empörte und vielstimmige Aufschrei angesichts eines tatsächlich eher harmlosen kleinen Testlaufes am Bahnhof Südkreuz berechtigt. Das Thema Überwachung geht uns alle an. Es muss in der ganzen Gesellschaft diskutiert werden, nicht nur von Bahnfahrern in Berlin. In sechs Monaten, wenn der Versuch endet, werden wir eine neue Regierung haben. Wäre gut wenn dann im Koalitionsvertrag etwas stünde, was nicht geschichtsvergessen ist und den heutigen Techniken Rechnung trägt.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk