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StartseiteUmwelt und VerbraucherBiosprit kann umweltschädlich sein16.09.2011

Biosprit kann umweltschädlich sein

Vorsitzender des Umweltausschusses im EU-Parlament über Nachteile von Biokraftstoffen

Um Anbauflächen für Biokraftstoffe zu gewinnen, werde Wald abgeholzt oder Grünland umgebrochen, kritisiert der EU-Parlamentarier Jo Leinen. Dies habe negative Auswirkungen auf den Klimaschutz. Leinen fordert, vermehrt Abfälle aus Forst und Landwirtschaft in Energie umzuwandeln.

Jo Leinen im Gespräch mit Jule Reimer

Ein Auto fährt bei Landau in der Pfalz an einem blühenden Rapsfeld vorbei (picture alliance / dpa / Marius Becke)
Ein Auto fährt bei Landau in der Pfalz an einem blühenden Rapsfeld vorbei (picture alliance / dpa / Marius Becke)

Jule Reimer: Gut sieben Prozent des in der Europäischen Union von Autos und LKW verbrauchten Sprits muss derzeit aus nachwachsenden Rohstoffen und nicht aus Erdöl stammen, und dieser Anteil soll nach dem Willen der Regierungen noch deutlich zunehmen. Doch was Umweltschützer schon lange sagen, dringt mittlerweile in die EU-Kommission vor: Biodiesel ist umweltschädlich, besagt jetzt ein internes Papier der Kommission. Nach diesen Berechnungen wird beim Einsatz von Rapsöl und Soja im Tank sogar mehr des klimaschädlichen CO2 ausgestoßen als bei herkömmlichem. – Am Telefon bin ich jetzt verbunden mit Jo Leinen, Vorsitzender des Umweltausschusses im Europaparlament. Wie kommt die Kommission zu diesen neuen Erkenntnissen?

Jo Leinen: Das Parlament hat schon länger die Vermutung, dass Bio nicht gleich gut ist, sondern man kritische Fragen stellen muss, wie denn dieser Kraftstoff hergestellt wird und ob es da Verdrängungsmechanismen gibt, wo unter dem Strich mehr CO2 in die Atmosphäre geblasen wird als ohne diese Biokraftstoffe, und jetzt liegt eine Studie vor, die diese Vermutung bestätigt.

Reimer: Was heißt Verdrängungsmechanismen?

Leinen: Wenn bei uns viel Mais angebaut wird, Raps angebaut wird, dann nimmt das ja Flächen weg von der Nahrungsmittelproduktion oder von der Futtermittelproduktion, und wir haben hier den klassischen Fall auch Tank oder Teller, also die Ernährung, die aus der Landschaft kommt, und die Energieproduktion, die aus der Landschaft kommt. Wenn die in Konkurrenz stehen, dann werden ja für die Ernährung anderswo neue Flächen bearbeitet, und wenn da Wald abgeholzt wird oder Grünland umgebrochen wird, dann ist das für den Klimaschutz nicht gut, sondern schlecht.

Reimer: Aber bei uns werden ja im Großen und Ganzen die Ackerflächen vielleicht nicht in der Form dramatisch ausgeweitet, wie das unter Umständen in Lateinamerika passiert. Ist das dann eher ein Problem von Übersee, oder ein europäisches?

Leinen: Wir haben ja einen Welthandel mit Futtermitteln und natürlich auch mit Nahrungsmitteln, und das haben wir seinerzeit schon gesehen. Bei der Verabschiedung der Biokraftstoff-Richtlinie wurde gesagt, dass dieser indirekte Effekt der Verschlechterung der Landnutzung oder der Veränderung der Landnutzung einbezogen werden muss in die Klimabilanz. Und hier scheut sich die Kommission etwas, mit den Daten an die Öffentlichkeit zu gehen. Jetzt auch ist das Ganze noch mal verschoben worden. Im Parlament drängen wir darauf, dass wir das auf den Tisch bekommen und eine saubere Bewertung des Biodiesels und der Biokraftstoffe bekommen können.

Reimer: Gilt denn die Problematik auch für Ethanol?

Leinen: Ja es sind diese Primärstoffe, die ja in der Landschaft gewonnen werden, die Verdrängungseffekte haben können. Wir wollen ja zu den Sekundär-Biomasse-Stoffen, also die Abfälle aus Forst- und Landwirtschaft, aus Haushalten, da kann man natürlich nicht sagen, dass das etwas verdrängt. Im Gegenteil: Das wird dann wieder genutzt und dieser Mechanismus wäre eher gut. Primärgewinnung von Biostoffen aus der Landschaft muss hinterfragt werden.

Reimer: Die Bundesregierung hat ja eine strategische Partnerschaft in Sachen Biokraftstoffe mit Brasilien, die unter anderem auch von der Großen Koalition, also mit der SPD, Ihrer Partei, abgesegnet worden ist. Müsste dann insgesamt umgesteuert werden?

Leinen: Wir haben alle dazugelernt. Es gab vor Jahren eine Euphorie für Biomasse. Ich würde auch sagen, dass Biomasse immer noch zu dem Konzept der erneuerbaren Energien gehört, gar keine Frage. Aber wie gesagt, man muss eine Qualifizierung, eine Bewertung machen, und wenn unter dem Strich das schlechter ist für die Klimabilanz, dann muss das zurückgefahren werden und kann nicht noch ausgebaut werden. Und da war ein Lerneffekt in den letzten Jahren, der muss jetzt in der Politik praktisch auch umgesetzt werden in Entscheidungen.

Reimer: Jetzt will die Kommission sozusagen die Anforderungen auch verschärfen an den CO2-Ausstoß, an die CO2-Bilanz von Biokraftstoffen. Ist das der richtige Weg, oder muss man letztendlich die Verkehrsstrategie oder die Energiestrategie im Verkehrsbereich ändern?

Leinen: Ja die Erhöhung dieses Koeffizienten, dass statt 35 Prozent dann Biodiesel 45 bis 50 Prozent weniger CO2-Ausstoß haben soll, ist ja eine Placebo-Maßnahme. Solange ich diesen ILUC-Faktor – so nennt man das -, diesen indirekten Landnutzungsfaktor nicht einberechne, habe ich ja keine Datengrundlage, um letztendlich sicher zu sein, dass es wirklich weniger CO2 mit dem Biodiesel gibt oder nicht. Also die Kommission kommt nicht darum herum, dieses Datenmaterial zu sammeln und dann auch eine Schlussbewertung zu machen, welche Raps- und Maisfelder sind quasi gut, weil sie keinen Verdrängungseffekt bringen, und welche verdrängen die Futter- und Nahrungsmittelproduktion und sind insofern sehr kritisch zu bewerten.

Reimer: Schönen Dank für dieses Gespräch an Jo Leinen, Vorsitzender des Umweltausschusses im Europaparlament.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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