Themen der Woche / Archiv /

 

Biotop für eine Bürgerkrieg

Je blutiger der Aufstand in Syrien wird, desto mehr wird er religiös befeuert

Von Tomas Avenarius, Süddeutsche Zeitung

Die Unruhen in Syrien dauern an.
Die Unruhen in Syrien dauern an. (dpa / picture alliance)

Beim Namen Assad zucken die Staatsmänner angewidert zusammen: Syriens Präsident lässt sein Volk niedermetzeln. Die Weltgemeinschaft sieht dem monatelangen Massaker machtlos zu: Homs, Hama, Daraa sind die Namen der Schreckensorte, an denen Syrer inzwischen täglich zu Dutzenden, oft zu Hunderten sterben.

Seit fast einem Jahr geht Baschar al-Assads Armee gegen eine Opposition vor, deren größerer Teil bis heute friedlich auf den Straßen protestiert. Nicht nur, dass die Soldaten des Präsidenten scharf schießen. Die Armee setzt Panzer ein, lässt Granaten auf Homs regnen, belegt Wohnviertel und Feldlazarette mit Raketen.

Aufstandsbekämpfung mit militärischen Mitteln also. Alle Versuche, das Geschlachte zu beenden, bleiben erfolglos. Die Beobachtermission der Arabischen Liga - von Assads Leuten an der Nase herumgeführt. Der westlich-arabische Anlauf im Weltsicherheitsrat - am russisch-chinesischen Doppelveto gescheitert. Appelle von Menschenrechtlern, Kirchen, Islam-Gelehrten - vergeblich.

Verständlich, dass die Wut sich am Namen festmacht. Vom Vater, dem Diktator Hafis al-Assad, hat Syriens Staatschef die Macht geerbt und die Methoden. Der alte Assad ließ 1982 mit Kanonen die halbe Stadt Hama in Trümmer legen, um einen Aufstand niederzuschlagen. Sein Sohn, erweist sich in Homs als ebenso brutaler Menschenschlächter.

Der Name sollte aber den Blick nicht verstellen. Das Assad-Regime ist mehr als der Mann oder die Familie. Die Damaszener Despotie ist ein über Jahrzehnte gewachsenes System. Zusammengehalten wird es durch einen brutalen Repressionsapparat, durch Korruption und das Ausspielen der Religionsgruppen und Minderheiten gegeneinander.

Bei alledem bleibt Syrien aber ein säkularer Staat. Dieser Staat stützt sich wegen seiner sunnitischen Bevölkerungsmehrheit auf bestimmte Gruppen: Alawiten, Christen, Säkulare, Offiziere.

Wenige Syrer lieben das Assad-Regime, stützen den Diktator aus tiefster Überzeugung. Aber sie fürchten die Opposition. Und sie haben viel zu verlieren. Unter den Regimegegnern mögen sich alle Gruppen finden: Jugendliche, Demokraten, Islamisten, Christen. Getragen aber wird die Rebellion von der sunnitischen Mehrheit. Und je blutiger der Aufstand wird, desto mehr wird er religiös befeuert - und damit zwangsläufig auch islamistisch.

Angesichts des fortgesetzten Blutbads rufen US-Abgeordnete nach Waffenlieferungen. Sie wollen den Aufständischen Gewehre und Bazookas liefern. So wie vor 30 Jahren - wer erinnert sich daran? - die Gotteskrieger in Afghanistan bewaffnet wurden: Sie kämpften zehn Jahre gegen die Rote Armee der Sowjets, bis sie sie besiegten. Und danach am Hindukusch ein Bürgerkrieg begann, der bis heute dauert. Er hat inzwischen die wichtigsten westlichen Militärmächte - Deutschland zählt dazu - in einen Sumpf gezogen, aus dem sie sich kaum befreien können.

Ja, der Ruf nach militärischer Einmischung, ob mit Kampfjets oder Waffenlieferungen, erscheint angesichts von 6000 - 7000 Toten in Syrien als moralische Verpflichtung. Das sogenannte Gute aber könnte auch in Syrien der Auslöser sein für einen Bruderkrieg, an dessen Ende noch weit mehr Tote stehen statt des demokratischeren Staats, auf den so viele hoffen.

Im Nahen Osten und weiten Teile der islamischen Welt - das haben der Irak und der Libanon und jüngst auch Libyen gezeigt - organisieren sich Loyalitäten noch immer entlang religiöser oder ethnischer Zugehörigkeit. Diese Eigenheit bleibt ideales Biotop für einen Bürgerkrieg. Auch in Syrien. Wer dem Land und seinen Menschen wirklich helfen will, sollte bis zum letzten Moment auf internationale Geschlossenheit, Diplomatie und Sanktionen setzen, statt unbedacht nach Waffenlieferungen oder Luftschlägen zu schreien.

Beitrag hören

 
 
Dradio Audio
Kein Audio aktiv
 
 
 
 
 

Für dieses Element wird eine aktuelle Version des Flash Players benötigt.

Themen der Woche

Ukraine-KonfliktDie Renaissance der Feindbilder

Russischer Hilfskonvoi auf einem Feld nahe Lugansk

Amerikaner und Russen wissen beide, wie man ein Festival der Propaganda feiert, kommentiert Gabor Steingart vom Handelsblatt für den DLF. Beide hätten ständig den Finger am Abzug. Und die Deutschen würden dieses Spiel in der Ukraine-Krise mitspielen.

Mauerbau 1961Fern von heutiger Lebenswirklichkeit

TürkeiErdogan nicht unterschätzen