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StartseiteBücher für junge Leser"Man muss ausloten, wie weit man die Hosen runterlassen will"16.12.2017

Birgit Weyhe über autobiografische Comics"Man muss ausloten, wie weit man die Hosen runterlassen will"

Woraus speist sich Erinnerung? Diese Frage begleitet die 1969 in München geborene Comic-Künstlerin Birgit Weyhe bereits ihr ganzes Leben. Als Kind lebte sie lange in Ostafrika. Die Erinnerung an diese Zeit und die Frage, wohin sie selbst gehöre, präge auch ihre künstlerische Arbeit, sagte Weyhe im Dlf.

Birgit Weyhe im Gespräch mit Ute Wegmann

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Kinder und Jugendliche stöbern am Donnerstag (18.03.2010) auf der Leipziger Buchmesse in den Buchauslagen der Kinderbuchhandlung. Besonders viele Kinder und Jugendliche bevölkern die vier Messehallen an diesem Tag. Auf der Messe präsentieren sich mehr als 2000 Verlage aus fast 40 Ländern mit ihren Neuerscheinungen. Foto: Hendrik Schmidt dpa/lsn (zu dpa 0570 vom 18.03.2010) | Verwendung weltweit (dpa / picture alliance / Hendrik Schmidt)
Die Künstlerin Birgit Weyhe spricht mit ihren Graphic Novels auch Kinder ab 13 Jahren an und nimmt sie mit auf Reisen in die Welt der Erinnerung (dpa / picture alliance / Hendrik Schmidt)
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Ute Wegmann: Es geht heute um autobiografisches Erzählen im Comic.

Birgit Weyhes vierte Graphic Novel ist gerade im avant Verlag erschienen, der Titel "Ich weiß", ein knallgrünes Blätterwerk-Cover mit einem gleichgrünen Chamäleon und einem sehr gelben, langschnabeligen Vogel. Es geht in diesem Comic, der aus fünf Geschichten besteht, um Kindheitserinnerungen. Erinnerungen und alles, was damit verbunden ist, ist das Thema der Künstlerin, das sich durch ihr gesamtes Werk zieht.

Die Erinnerungen, die Verbundenheit mit den Vorfahren, der Familie in "Im Himmel ist Jahrmarkt". Die Verbundenheit mit anderen Kulturen oder auch der eigenen in "Madgermanes". Da heißt es gleich zu Beginn:

"Woraus speist sich Erinnerung? Was ist Heimat?"

Und in "Reigen" geht es um die zufällige Verbundenheit von Menschen über eine Taufkette, die einmal um die Welt reist, und an die sich immer wieder neue, andere Erinnerungen knüpfen.

Bevor wir über all diese großartigen Comics sprechen, die alle über die einzelne Geschichte hinaus, einen Blick auf Politik, Gesellschaft und Zeitgeschehen werfen, sprechen wir über Birgit Weyhe.

Geboren 1969 in München, verbrachten Sie Ihre Kindheit in Ostafrika. Wie kam es dazu?

Birgit Weyhe: Durch meine sehr unruhige Mutter, die mich mit drei Jahren mitgenommen hat von München nach Uganda, eigentlich nur ein Urlaub bei ihrem Bruder, und dann hat sie sich verliebt in das Land und ist dort geblieben. Und im Gegensatz zu meiner Mutter bin ich mit 19 Jahren nach München zurückgekommen zunächt und meine Mutter ist nie wieder nach Deutschland zurückgekehrt.

Wegmann: In einem Comic steht sogar im Nebensatz, dass Sie 16 mal umgezogen sind? Ist das autobiografisch?

Weyhe: Ja, das waren immer andere Orte, aber für mich als Kind war es jedes Mal die Aufgabe, mich von Spielsachen, von Orten, von Freunden zu trennen. Ich hab das gehasst. Immer wieder weiterziehen, neu anfangen, sich neu erfinden.

"Die Literatur war eher Verlegenheit"

Wegmann: Sie studierten Literatur und Geschichte und ab 2002 an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften in Hamburg, wo Sie auch seit 2012 als Gastdozentin arbeiten. Wie kam es zu dem Wechsel zur Illustration?

Weyhe: Die Literatur war eher Verlegenheit. Als ich mit 19 Jahren nach München kam, war ich extrem verunsichert. Ich wollte eigentlich freie Kunst studieren und war am Tag der offenen Tür an der Kunstakademie. Das war 1988, das war vor Internet, Globalisierung usw. Das heißt: Ich war sehr isoliert mit meinem Wissen. Was ich nun da gesehen habe, hat mich total verstört: Das waren Videoarbeiten, Installationen, das kannte ich alles nicht. Ich stand da mit meiner Mappe mit aquarellierten Vögelchen und Blümchen, die ich abgegeben wollte, und dachte: Das geht ja gar nicht. Das hat nichts miteinander zu tun.

Ich kam mir total blöd vor, provinziell, was ich ja auch war. Und bin dann mit einem geknickten Haupt wieder von dannen gezogen. Dann hab ich es noch mit dem Theater probiert, das hat mich auch verunsichert, und Literatur war einfach ein sicherer Hafen. Da konnte man erst mal lesen, etwas aufsagen und musste nicht gleich agieren.

Und weil das aber mein Traum war, hab ich nach der Geburt meiner zweiten Tochter gesagt: Ich will mich einmal beworben haben an der Kunstschule.

Wegmann: Ihr Diplom machten Sie in autobiografischem Erzählen im Comic. Was genau gibt es da zu beachten?

Weyhe: Ich hab zufällig bei Anke Feuchtenberger studiert, die die große Comicikone ist und kam darüber zu autobiografischem Erzählen, das wurde dann mein Abschlussthema, weil ich immer aus autobiografischen Quellen geschöpft habe.

Dann hab ich mich beim autobiografischen Comic umgeschaut. Was gibt es da: Zum Beispiel Strapani mit "Persepolis", David B , der über seine Träume geschrieben hat, Marie Marcks, die ihre Autobiografie geschrieben hat. Und dann war das mein Thema.

Wegmann: Kann man in wenigen Sätzen sagen, wo der Unterschied liegt zwischen dem Erzählen generell und dem autobiografischen Erzählen?

Weyhe: Man muss ausloten, wie weit man offen sein will, wie weit man die Hosen runterlassen will. Wie weit offenbar ich mich? Wie viel will ich über meine Familie erzählen?

Wegmann: Sie selber haben sich ja sehr offenbart, aber ihre Geschichte immer in den Zeitkontext gesetzt. Ist das dann eine Art Kompromiss?

Weyhe: Ja, und ich muss sagen, ich habe auch fiktionalisiert. Weil ich zu viele Lücken vorgefunden habe. Der Klassiker, zu spät gefragt, als schon alle tot waren. Und da musste ich bei der Familie väterlicherseits 70% erfinden, weil mein Vater in den 70er Jahren, linksradikal wie er war, alles verbrannt hat, was er von der Familie hatte, und da gibt es gar nichts. Für mich war das wie eine Gegenbewegung: Du hast alles verwischt, den Cut gemacht. Ich bau es jetzt wieder zusammen.

"Ich habe das Erzähltempo verändert"

Wegmann: "Im Himmel ist Jahrmarkt", darüber sprechen wir gleich noch. "Ich weiß", der gerade publizierte letzte Titel, erschien bereits im Jahr 2008, es war Ihre Diplomarbeit. Jetzt erneut aufgelegt, aber erweitert. Was haben Sie hinzugefügt?

Weyhe: Ich hab das Erzähltempo verändert, ich merke jetzt nach zehn Jahren, dass ich zu schnell erzählt habe oder das es geholpert hat. Ich hab das Format verändert. Eine Geschichte war wahnsinnig gedrängt, auch von den Bildern her, wo ich zum ersten Mal viele Panels benutzt habe, die habe ich entzerrt. Und eine Geschichte habe ich noch komplett hinzugefügt, die gab es im Diplom nicht. Die Pharao-Geschichte!

"Gewalt war immer Teil meines Umfeldes"

Wegmann: Es geht um Kindheitserinnerungen, um Kindheitsängste, die sich aus Unwissenheit speisten. Wie es meistens ist. Man schnappt etwas auf, meist von Erwachsenen, reichert es an mit der eigenen Fantasie und so entstehen Monster. An diese Ängste knüpfen sich Geschichten.

Die vom Chamäleon: In der Grundschule in Afrika pflückten alle Kinder die Tiere vom Baum, spielten mit ihnen, bis sie schwarz wurden, das machen sie wenn sie Angst haben. Für die Kinder waren die Chamäleons kaputt. Mit 12 Jahren in einem Park warnt ein Gärtner, dass das Tier ein Bote des Todes sei. Rückblickend setzt ein immenses Schuldgefühl ein: War das Mädchen schuld am Tod des Bruders? Des Opas? Des Stiefvaters?

Oder eine weitere Todesverknüpfung mit dem Aussprechen von Schimpfwörtern.

Sie stellen einerseits auf großartige Weise afrikanische und europäische Kultur gegenüber. Da heißt es so schön "Gott gab den Europäern die Uhr und den Afrikanern die Zeit", und dabei verarbeiten Sie das ganze Tragikkomische mit sehr viel Humor und Witz in Bild und Text. Obwohl, in der Situation waren die alten Geschichten doch richtige Kinderalbträume?

Weyhe: Ich glaube, es liegt daran, dass ich im Uganda Idi Amins aufgewachsen bin. Und nebenbei sehr viel Gewalt gesehen habe. Leichen lag auf dem Weg zur Schule. Es gab Schießereien. Überall wurde überfallen, umgebracht. Es war klar, dass man nicht offen sprechen durfte. Und ein Kind  stellt das nicht infrage, sondern das ist dann so. Aber man versucht sich natürlich trotzdem alles Mögliche zu erklären. Und wenn einem gesagt wird: Chamäleons sind Boten des Todes und man hat mit vielen gespielt, fühlt man sich gleich schuldig. Die Gewalt, auch wenn ich sie selber nicht erfahren habe, war immer Teil meines Lebens. Das hat sich schon irgendwo niedergeschlagen. Das ist mir erst als Erwachsene aufgefallen, dass das immense Verunsicherungen waren.

Wegmann: In dem Buch fällt auf, wie schön Sie Fantasiewesen und die Realitätsebene miteinander verbinden?

Weyhe: Das hängt damit zusammen, dass ich ohne Fernsehen aufgewachsen bin, sondern nur mit Geschichten. Meine Kinderfrau hat mir Geschichten erzählt, die mir sehr fremd waren, afrikanische Mythen und Erzählungen und immer was mit Tieren. Und wenn mir langweilig war, und mir war oft langweilig, hab ich den Brockhaus aus dem Schrank geholt. Da ergeben sich komische Parallelen, denn das Brockhaus versteht man noch nicht, wenn man gerade lesen kann.

"Die Angst lauert doch immer irgendwo"

Wegmann: Der Comic heißt "Ich weiß", die erwachsene Person blickt zurück, weiß nun, dass der Fallout kein schwarzer, brutaler Mann ist. Aber macht das Wissen uns tatsächlich weniger ängstlich? Oder ändern sich die Ängste?

WEYHE: Ich glaub, die Ängste ändern sich. Wenn man die Angst abschaffen könnte, die lauert doch immer irgendwo, im Unterbewusstsein. Ich wäre froh, angstfrei zu sein.

"Das war das erste Ringen von Bild und Text"

Wegmann: Wir haben hier manchmal zwei Bilder pro Seite. Später werden Sie immer kleinteiliger, haben oft zwölf Bilder pro Seite. Sie haben ja noch Bilder eingefügt, haben Sie gesagt. Hat das mit dem Thema zu tun, dass Sie hier größer arbeiten?

Weyhe: Nein, im Gegenteil, das war das erste Ringen mit Bild und Text. Die Originale sind A4, die sind riesengroß. Ich hab mir jedes Bild abgerungen. Und sie sind unheimlich schwer. Ich hab nicht vorgezeichnet, sondern gleich mit Tusche und dicker Fassadenfarbe korrigiert. Die sind so schwer und dick und man sieht richtig, wie ich mich an jedem einzelnen Blatt abgearbeitet habe.

Und dann war klar, wenn ich Comics machen will, dann kann ich nicht in diesem unökonomischen Format arbeiten, dann muss ich kleiner werden. Und ich musste mir das beibringen.

"Ich überlege mir einen Seitenaufbau"

Wegmann: Und jetzt, machen Sie Skizzenbücher? Arbeiten Sie immer noch mit Tusche?
WEYHE: Tusche ist geblieben, aber ich mach mir ein Storyboard, damit klar ist, wie ist der Takt der Bilder. Was kann ich größer, was in einem kleineren Bild erzählen.

In "Der Reigen" hab ich viel zu klein und wuselig gearbeitet, finde ich heute. Da hab ich versucht, ganz viel auf eine Seite zu packen. So hat sich das langsam entwickelt.

Wegmann: Im Jahr 2011 erschien "Der Reigen". Zuerst dachte ich natürlich an das gleichnamige Drama von Arthur Schnitzler aus dem Jahr 1920, in dem in zehn Szenen ein Gesellschaftsbild durch alle sozialen Schichten gezeichnet wird, sich zehn Personen in Paaren begegnen, und jede Begegnung endet im Beischlaf. Auch Sie haben zehn Kapitel gewählt und auch bei Ihnen begegnen sich Menschen. Aber es geht nicht um Sex.

Weyher: Nein! Es ist Zufall. Die erste Geschichte, war die von Frau Schulz und Hansi, und sie trägt die Kette, die nicht im Text vorkommt. Und so entstand die Idee mit der Kette, was die schon erlebt haben könnte. Ich wollte die Kette wandern lassen, statt eines Protagonisten. Als ich anfing am Reigen zu arbeiten, sah ich eine Inszenierung im Theater, wo die strenge Form gewahrt wurde, bei aller Unterschiedlichkeit der szenischen Präsentationen. Ich orientierte mich an der Form, aber inhaltlich überhaupt nicht.

"Es ist keine pure Fiktion"

Wegmann: Auch Ihr "Reigen" zeichnet ein Gesellschaftsbild, ist ein Blick in das 20. Jahrhundert mit seinen Kriegen, aber auch mit seinen Möglichkeiten des Reisens und des modernen Lebens. Auch hier ist die Ausgangssituation eine Familiensituation, generationsübergreifend. Die anstehende Taufe der Enkelin löst die Erinnerung der ersten Person, einer alten Dame, an die eigene Taufkette aus, ein Fotoalbum wird hervorgeholt. Marie Bovin heißt die erste porträtierte Person, und wir sind im Jahr 1955.

Dann springt die Geschichte zurück ins Jahr 1940, an die Front ins Jahr 1943, 1951, 1988 usw. bis 2011. Jeweils andere Personen in neuen Konstellationen stehen im Mittelpunkt. Und immer geht es um die Weitergabe der Kette.

Ist "Reigen" eine pure Fiktion? Und warum ist sie in Kanada angesiedelt?

Weyhe: Es ist keine pure Fiktion, es speist sich aus Zufällen, die mir widerfahren sind. So war ich in Kanada im November unterwegs, und habe gefragt, warum alle Mohnblumen am Revers tragen. So erfuhr ich, dass Kanada, vor allem der frankophone Teil, sehr stark involviert war in den 1. Weltkrieg, und mit den Blumen gedenkt man den Gefallenen. Das hat mich sehr bewegt, weil ich davon gar nichts wusste. Und da habe ich gedacht, warum soll die Kette nicht aus Kanada kommen. Also es hängt stark damit zusammen, was ich erlebe.

"Ich hatte das Gefühl, ich muss so viel lernen"

Cover des Graphic Novel "Madgermanes" über mosambikanische Gastarbeiter in Ostdeutschland (Birgit Weyhe / avant-verlag)Cover des Graphic Novel "Madgermanes" über mosambikanische Gastarbeiter in Ostdeutschland (Birgit Weyhe / avant-verlag)

Wegmann: "Im Himmel ist Jahrmarkt": Wieder geht es um Erinnerungstücke, die bleiben, als die Großmutter stirbt. Wieder ein Fotoalbum. Und zufällig zeitgleich die Aufgabe der Tochter, einen Stammbaum zu erstellen.

Mehr als ein Familienstammbaum wird der Comic zu einem Zeitdokument über schwarze Pädagogik, die beiden Weltkriege, das Patriarchat und das Verbot der Homosexualität.
Und über allem die Frage: "Wodurch werden wir zu dem, was wir sind?" (S.178) Das bezieht sich auf eine bestimmte Figur und ihr Verhalten.

Woher rührt Ihr Strakes Interesse an der Erforschung der Ahnen und der Einordnung des Einzelnen in den familiären Zusammenhang?

Weyhe: Ich glaube, das kommt aus der Verunsicherung, aus meiner eigenen Biografie. Ich hab meinen Vater und die eine Oma sehr selten gesehen, und sie sind beide früh gestorben. Und ich dachte, wenn ich nicht weiß, wer die sind, woher soll ich wissen, wer ich bin. Dazu kam, als ich nach Deutschland kam, war ich kulturell nicht sattelfest. Ich wusste nicht, was ich anziehen sollte, was für Musik hörte man, was für Filme sah man. Also sowohl kulturell fehlte mir der Kontext, weil ich woanders aufgewachsen war,  als auch das familiäre Wissen. Das hat zu einer immensen Verunsicherung geführt, und dazu, es mir selber herzuleiten oder zu erfinden.

"Ich habe mich wahnsinnig geehrt gefühlt"

Wegmann: "Madgermanes" – erschienen 2016, und im gleichen Jahr mehrfach ausgezeichnet, unter anderem mit der wichtigesten Auszeichnung für grafische Literatur im deutschsprachigen Raum, dem Max-und-Moritz-Preis als bester deutscher Comic. Im gleichen Jahr erhielt Claire Bretecher den Preis für ihr Lebenswerk, Barbara Yelin wurde beste deutschsprachige Comic-Künstlerin.

In guter Gesellschaft! Wie war das für Sie?

Weyhe: Das war unglaublich, und ich hab damit nicht gerechnet. Und ich hab mich wahnsinnig geehrt gefüllt. Und ich fand es schön, dass wir so viele Frauen auf der Bühne waren. Katharina Greve hat ja noch den Preis für den besten Strip bekommen und ein junges Mädchen für ihr Debüt.

Wegmann: Diesmal eine nicht direkt autobiografische Geschichte, die Sie jedoch im Prolog mit Ihrer eigenen schon verknüpfen. Es geht um drei Menschen aus Mosambik, drei Schicksale von annähernd 20.000, die Ende der 70er-, Anfang der 80er-Jahre in die DDR kamen. Ihnen wurden Ausbildungsplätze versprochen, stattdessen landeten sie als Gastarbeiter in Fabriken. Mehr als die Hälfte ihres Lohnes wurde in die Heimat geschickt und dort angeblich angelegt, die Menschen haben von dem Geld nie mehr was gesehen.

Mit dem Fall der Mauer 1989 mussten sie zurück nach Afrika und verloren alles. Dort waren sie die aus Deutschland, die Madgermanes. Ihre Graphic Novel erzählt über Hoffnung, viel Schmerz und die Anpassungsfähigkeit des Menschen. Wie wurden Sie auf das Thema aufmerksam?

Weyhe: Das war Zufall, weil mein Bruder in Mosambik lebt. Und an einem der ersten Tage bin ich gleich von einem solchen Vertragsarbeiter in bestem Sächsisch angesprochen worden und hab festgestellt, dass ich nichts darüber wusste. Zuerst hat es mich nur interessiert, weil es so ein culture clash war wie bei mir, dieses zwischen den Stühle Sitzen.

"Ich will einen würdigen Farbton"

Wegmann: Sie haben Ihre Bilder meist in S/W gehalten. Hier kommt zum ersten Mal eine Farbe dazu, ein Grün-Oliv-Erdton.

Weyhe: Weil ich festgestellt habe, dass in dem flächigen Schwarzweiß die afrikanischen Protagonisten schlecht wegkommen. Die Mimik geht unter, und es sah fast ein bisschen aus wie Blackfacing.

Ich wollte aber einen würdigen Farbton, dann hab ich mich für Gold entschieden, aber das kam im Druck nicht gut raus. So finde ich es jetzt sehr schön.

Wegmann: Dem Schmerz und allen anderen großen Gefühlen gaben Sie die einseitigen Bildtafeln, während Sie sonst klassisch mit Panels gearbeitet haben. Wie entscheidet man eine solche Auflösung?

Weyhe: Das war relativ spontan, oft im Nachhinein. Große Einschnitte, die mit den Figuren was machen, wollte ich groß machen und in einer anderen Technik. Ich wollte mich an Künstlern aus dem südlichen Afrika orientieren, und die zitiere ich dann auch direkt.

Also viele Holzschnitte. Deshalb sind die mit dickerem Pinsel und nicht mit Feder gezeichnet, damit die in einem Guss sind. Die hab ich auch nicht korrigiert. Die hab ich emotionaler und spontaner gezeichnet.

Wegmann: Seite 135 heißt es "Der Mensch ist die beste Medizin des Menschen" – das würde ich eigentlich gern als eine Art Motto über Ihr Werk setzen. Ihre Bücher sind ein Plädoyer für das Miteinander in Familie und Beziehungen, ein Plädoyer nicht zu vergessen, woher man kommt.

Das war der "Büchermarkt" am Samstag mit Büchern für junge Leser. Die Graphic Novels meines Gastes Birgit Weyhe sind Bücher für alle Leser ab 13 Jahre.

Vielen Dank für Ihre Zeit. Wir sprachen über:

"Ich weiß", 240 Seiten, "Reigen", 190 Seiten, "Im Himmel ist Jahrmarkt", 280 Seiten, "Madgermanes", 240 Seiten. Alle Bücher erschienen im avant Verlag, Berlin.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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