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StartseiteBüchermarktBis in die jüngste Vergangenheit04.10.2007

Bis in die jüngste Vergangenheit

Jaume Cabré hört "Die Stimmen des Flusses"

Ein Vater schreibt seiner Tochter. Wird die die Briefe jemals lesen? Der Vater kann es nur hoffen, denn er will sich rechtfertigen, rechtfertigen für einen kurzen, aber entscheidenden Moment persönlicher Feigheit. Oriol Fontenelles, so der Name des Vaters, ist in den ersten Jahren der Franco-Diktatur Lehrer in Torena, einem kleinen Dorf in den Pyrenäen.

Von Kersten Knipp

Am Anfang des Romans öffnet sich ein Spannungsbogen, der sich erst auf der letzten Seite schließt. (Stock.XCHNG / Juan Carlos Rodríguez)
Am Anfang des Romans öffnet sich ein Spannungsbogen, der sich erst auf der letzten Seite schließt. (Stock.XCHNG / Juan Carlos Rodríguez)

Seine Feigheit bricht sich Bahn, als junge, allzu junge Schüler achtlos ein Geheimnis ihrer Eltern ausplaudern, ein Geheimnis, das sie als Anhänger des antifranquistischen Widerstands verrät.

Oriol hätte das Geheimnis im Klassenraum halten können. Aus Angst lässt er es nach draußen geraten, zum Bürgermeister des Ortes, einem Schergen des Regimes, der sofort zu blutiger Tat schreitet. Der Lehrer wird an seiner Feigheit verzweifeln. Er kann sie nicht vergessen, wie auch viele Spanier die Ereignisse während des Bürgerkriegs und der Diktatur nicht vergessen wollen. Eben darum, berichtet der 1947 in Katalonien geborene Jaume Cabré, lässt er die Handlung seines Romans bis in die jüngste Vergangenheit reichen.

"Ich sah mich Personen gegenüber, die Verbrechen begangen hatten, die andere Leute Schaden zugefügt hatten. Jemand hat etwas getan und ist dafür verantwortlich. Dafür bleibt er verantwortlich, auch, wenn die Zeit vorübergeht. Das kann man juristisch aufarbeiten, auch ein Verzeihen ist möglich. Aber du bleibst verantwortlich für deine Tat, auch nach 30 Jahren noch. Dieser Gedanke hat mich dazu gebracht, dass man für ein Verbrechen, das man in den 40er Jahren begangen hat, auch in den 70er oder im Jahr 2000 noch verantwortlich ist. Die Leute mögen tot sein, aber das Verbrechen besteht weiter."

So gilt auch Oriol Fontenelles im Dorf als Verräter auf Seiten Francos. Verzeihung scheint unmöglich, auch für seine schwangere Frau nicht, die nicht ertragen kann, offenbar mit einem franquistischen Spitzel zusammen zu leben und ihn mit der ungeborenen Tochter verlässt. Fortan sieht sich der Lehrer vor einer doppelten Aufgabe: In Briefen an die Tochter dieser seine wahre Identität zu offenbaren. Und eben diese nach außen hin zu hüten.

Denn tatsächlich gehört Oriol Fontenelles dem Marquis an, dem auch nach dem Spanischen Bürgerkrieg im Untergrund operierenden Widerstand gegen die Franco-Herrschaft. Doch der 1947 in Barcelona geborene Jaume Cabré erzählt in seinem Roman "Die Stimmen des Flusses" nicht die Geschichte eines Helden, sondern die eines Helden wider Willen. Denn Fontenelles wurde in den Widerstand gezwungen, Widerstand hätte den Tod bedeutet.

Aber Cabré erzählt nicht nur diese Geschichte. In seinem knapp 700 Seiten starken Roman schnürt er ein ganzes Bündel von Geschichten, breitet die Biographien gleich mehrerer Generationen aus, deren Leben auf engste mit dem Bürgerkrieg und der Diktatur verwoben ist. Die psychologischen Folgen der Diktatur, zeigt der Roman, reichen bis ins 21. Jahrhundert - und darum richtet sich Cabré mit seinem Roman auch gegen die Geschichtspolitik des Partido Popular, der konservativen Partei, die Spanien bis zum Jahr 2003 regierte.

"Die zeitliche Struktur habe ich auch als Argument gegen die Konservativen, gegen den Partido Popular geschrieben, der diese Passage aus der Geschichte herausstreichen möchte. In der Partei sagt man, das alles sei vorbei. Das ist es aber nicht! Es gibt Dinge, die können nicht aufhören. Wenn man meine Großmutter getötet hat, dann hat man sie getötet! Ich kann nicht so tun, als sei das nicht der Fall. Oder wenn sie den Neffen einer Nachbarin vor den anderen Kindern getötet haben, kann man nicht so tun, als sei das nicht geschehen. Es geschah! Und darum wollen wir es aufschreiben."

Cabré hat allerdings keinen Thesenroman geschrieben. Wenn sich Fragen nach der Deutung der in dem Roman sich türmenden Geschichten drängender als sonst auftun, dann darum, weil Cabré ein begnadeter Erzähler ist. Am Anfang des Romans öffnet sich ein Spannungsbogen, der sich erst auf der letzten Seite schließt, den Leser bis dahin durch ein Geflecht von Geschichten mitgerissen hat, die, kunstvoll miteinander verwoben, einander in immer neuen Windungen ablösen, sich zu Mustern fügen, deren Gesamtarrangement sich nur langsam zu erkennen gibt. Vor allem ist Cabré ein Meister erzählerischer Brüche, des rasanten Wechsel zwischen Erzählebenen und Situationen. Ein Satz beginnt in der dritten Person und endet in der ersten. Oder umgekehrt. Und mit den Erzählern wechseln auch die Zeiten, schlägt, innerhalb eines einzigen Satzes, die Vergangenheit über der Gegenwart zusammen, richten sich aus dem Heute tiefe Blicke ins Gestern. Cabré setzt diese Techniken durchaus bewusst ein.

"Es kommt mir darauf an, dass man das, was ich schreibe, auch laut lesen kann. Denn mehr noch als Schriftsteller bin ich Musiker, jedenfalls was die Leidenschaften angeht. So legte ich Wert darauf, dass der Text nicht nur intellektuellen, sondern auch ästhetischen Wert hat, dass er auch physisch beim Leser ankommt. Ich lese mir die Texte immer wieder selbst laut vor, um sie dann entsprechend zu verbessern. Es gibt eine syntaktische Kadenz, an der ich dauernd arbeite. Der Text kommt mir vor wie ein Gedicht, ein Sonett etwa. Während das aber nur vierzehn Verse hat, kommt der Roman auf rund 700 Seiten. Es kommt mir sehr auf einen sorgfältigen Stil an. "

Zugleich entwirft Cabré aber auch sehr eingängige Szenen und Panoramen. Anschaulich entwirft er das Bild des antifranquistischen Widerstands, schildert er die nächtlichen Stoßtrupps, die Guerillaangriffe, das geheime Kommunikationssystem, das Vorrücken der Partisanen in den winterlichen Pyrenäen, den Waffenschmuggel, den Ausbau der Logistik im Untergrund. Mehr noch aber als die Taten zählen die Motive: Der Schmerz des Vaters, dessen Kind durch Fontenelles Feigheit ums Leben kam. Der Schmerz seiner späteren Geliebten, der sich über Jahrzehnte hält. Der Schmerz auch der Lehrerin Bettina Bros, die ein halbes Jahrhundert später auf die Briefe des Lehrers stößt, in ihnen von seiner wahren Identität im Widerstand erfährt, in seiner Traurigkeit ihre eigene gespiegelt sieht. Cabré ist ein Meister in der Evokation der Traurigkeit, der Melancholie, der Depression. Erlebte Rede, innerer Monolog, keine Technik lässt er aus, die Traurigkeit in Worte zu fassen, Verzweiflung und Mutlosigkeit zu schildern. Und es braucht wohl die Muttersprache, um dafür einen hinreichend sensiblen Stil zu finden. Genau darum schreibt Cabré auch auf Katalanisch.

"Natürlich verstehe und spreche ich Spanisch, natürlich, denn es ist eine offizielle Sprache Spaniens, und sie wurde mir auch auferlegt. Ich mag sie und ich kenne auch die spanische Literatur sehr gut. Aber ich bin längst nicht so sicher im Spanischen wie im Katalanischen. Einmal habe ich versucht, einen meiner Texte ins Spanische zu übersetzen. Bereits in der dritten Zeile hatte ich zwölf ernsthafte Zweifel. Zwölf! Es ist das eine, eine Sprache zu sprechen; aber wenn man Literatur schreibt, dann merkt man, was seine eigentliche, seine Muttersprache ist. Und literarische Werke kann man nur in seiner Muttersprache schaffen."

In dieser Sprache hat Cabré darum Worte für die Trauer gefunden. Doch niemals beschreibt er sie um ihrer selbst willen. Die Trauer, kann man sagen, ist konkret: die Trauer um den Verlust, sei es geliebter Menschen, sei es der eigenen Lebenschancen. Und diese Verlust haben, nicht immer, aber doch überwiegend, ihre Ursachen in der Diktatur. Der Verlustbilanz der einen steht der Zugewinn der anderen Seite gegenüber, ein Zugewinn an Herrschaft, der auch einer an Reichtum ist.

Mit zu den beeindruckendsten Passagen dieses Romans gehören jene, die vom Raub sprechen, der kalten Enteignung der Verlierer durch die Gewinner. Der ehemalige Besitz der Republikaner wird zur kollektiven Beute, den Verlierern von den Siegern entrissen, anschließend aufgeteilt und legalisiert mit Hilfe aufstiegswilliger Amtsträger, abgesegnet meist von den Würdenträgern des katholischen Spaniens. "Für das, was wir erlitten haben", lautet die legitimierende Formel, auch wenn die Leiden bloß vorgestellte waren. Den Aufbau großer, bis in die Gegenwart wachsender Familienvermögen verfolgt der Leser so mit, den Aufschwung junger Dynastien, deren Reichtum auf den Umverteilungsmechanismen der Diktatur gründet. Detailliert und gründlich schildert Cabré den Aufstieg der Kriegsgewinnler, ruhig, genau und dadurch umso anschaulicher. Solange das Land sich seiner Vergangenheit nicht stellt, so kann man den Roman verstehen, wird es auch seine Geister nicht los.

Info:
Jaume Cabré, "Die Stimmen des Flusses", Insel, 667 S., EUR 22,80

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