• Deutschlandfunk bei Facebook
  • Deutschlandfunk bei Twitter
  • Deutschlandfunk bei Google+
  • Deutschlandfunk bei Instagram

 
 
Seit 12:10 Uhr Informationen am Mittag
StartseiteDLF-MagazinBis zu 450 Euro pro Tonne Altkleider01.11.2012

Bis zu 450 Euro pro Tonne Altkleider

Lukratives Geschäft für Kommunen

Immer mehr Kommunen steigen in das Geschäft mit Altkleidern ein, um mit den Erlösen aus dem Verkauf ihre Abfallgebühren unter Kontrolle zu halten. Das Kreislaufwirtschaftsgesetz erlaubt den Kommunen, bei werthaltigen Abfällen als Erste zuzugreifen. Private Entsorger zeigen sich empört.

Von Tonia Koch

überfüllter Altkleidercontainer des Roten Kreuzes (picture alliance / dpa)
überfüllter Altkleidercontainer des Roten Kreuzes (picture alliance / dpa)

Bernd Selzner, der Leiter der Saarbrücker Abfallentsorgung, schiebt einen Stapel Papier über den Tisch. 120 Anfragen privater Entsorger hat es in den vergangen drei Monaten allein bei der Stadt Saarbrücken gegeben. Die meisten wollen Altmetalle und Altkleider sammeln. Und wenn es nach Selzner geht, wird die Stadt alle 120 Anträge ablehnen.

"Wir haben ja schon Systeme, die diese Wertstoffe abgreifen, wie zum Beispiel unsere Wertstofftonne und daher müssen wir Nein sagen, weil es zum Nachteil unserer Bürgerinnen und Bürger geschieht."

Mit den Erlösen aus dem Verkauf von Schrott oder Altpapier könnten Städte und Kreise ihre Abfallgebühren im Griff halten, argumentiert Selzner. Der Gesetzgeber habe das gewürdigt und im Kreislaufwirtschaftsgesetz im Sommer dieses Jahres festgeschrieben, dass die Kommunen bei den werthaltigen Abfällen als Erste zugreifen dürfen. Diese Regelung bringt die privaten Entsorger auf die Palme, weil gewerblichen Sammlungen seitdem landauf landab ein Riegel vorgeschoben werde, sagt der der Präsident der privaten Entsorger, Peter Kurth. Er rechnet daher mit einer Flut von Klagen.

"Da wo die Geschäftstätigkeit von klein- und mittelständischen Firmen, die oft seit Generationen in diesem Bereich arbeiten, unterbunden werden sollen, wird es nicht ohne juristische Auseinandersetzungen abgehen."

Aber das kann dauern und zwischenzeitlich schaffen die öffentlichen Entsorgungsbetriebe Fakten. Das müssen sie auch, denn wer die Privaten in die Schranken weist, der muss es selbst machen, auch das steht im Gesetz. Altpapier sei nur ein Beispiel dafür, sagt Kurth.

"Beim Papier ist es wohl so, dass noch 60 Prozent bei den Privaten sind. Wir merken aber eine steigende Aggressivität der Kommunen."

Dass Städte- und Kommunen nach Papier und anderen diversen Wertstoffen nun auch noch gebrauchte Textilien einsammeln möchten, ist neu und hängt mit den Preisen zusammen, die für Altkleider gezahlt werden. Für die Tonne Altkleider lassen sich je nach Güte bis zu 450 Euro erzielen. Düsseldorf sammelt deshalb bereits in eigener Regie, Duisburg auch und andere Städte wie Saarbrücken werden folgen. In Saarbrücken sollen abgetragene Jeans, Pullover und T-Shirts künftig in der blauen Papiertonne eingesammelt werden. Bernd Selzner spricht von einem bürgerfreundlichen Kombisystem.

"Und zwar ist es so, dass dann acht Wochen lang Papier gesammelt wird. Dann wird das Papier abgeholt und am nächsten Tag kann der Bürger seine Altkleider dort hineintun in die Altpapier-Tonne und am nächsten Tag werden die Altkleider dann von uns entsorgt."

Die Tonnen werden vom Verbraucher in aller Regel pfleglich behandelt, sagt Jörg Tesch von der Saarbrücker Müllabfuhr.

"Die Gefäße sind tipptopp rein. Da sind auch keine scharfen Kanten drin, also. Kein Müll, der verklebt oder Flüssigkeiten. Das passt schon."

Abgetragene Kleider in die Tonne näher dran am Kunden geht kaum. Für das Deutsche Rote Kreuz, das im Saarland mit insgesamt 1000 Containern ein flächendeckendes Sammelsystem für Altkleider anbietet, ist das ein Problem. Martin Erbelding:

"Für uns bedeutet das mit Sicherheit, dass die Mengen an Textilien, die wir sammeln, zurückgehen werden. Jeder, der in den Textilsammlungsmarkt einsteigen wird, ist zunächst einmal als Konkurrent zusehen."

Das gilt auch für die Stadt Saarbrücken. Allerdings ist Erbelding der kommunale Wettbewerber alle mal lieber als die private Konkurrenz.

"Sie ist zumindest das kleinere Übel gegenüber den Aktivitäten von nicht immer klar definierten privaten Unternehmen."

Martin Erbelding spricht aus Erfahrung. Er hat schon oft erlebt, dass neben seinen Kleidercontainern plötzlich andere aufgestellt wurden. Die meisten davon ohne Genehmigung. Und nicht selten waren die Konkurrenzcontainer so aufgemacht, dass der Verbraucher den Eindruck gewinnen konnte, dass die Kleidersammlung ebenfalls einem karitativen Zweck dient. Dahinter stünden jedoch lediglich rein wirtschaftliche Interessen. Die nachgemachten Logos gemeinnütziger Organisationen sollen vom eigentlichen Profitstreben ablenken. Sobald die Preise für Alttextilien fielen, sei es mit der Sammelleidenschaft mancher Privaten jedoch schnell vorbei.

"Wir haben selbst schon Zeiten erlebt, in denen die Kilo-Preise weit unter unseren Fixkosten gelegen haben und da war die Reaktion der privaten Unternehmer, dass sie entweder ihre Container von einem auf den anderen Tag abgezogen haben oder sie haben die Container zugeschweißt, damit man keine Kleider mehr hineinwerfen konnte. Wir als Deutsches Rotes Kreuz haben aber gesagt, die Erwartungshaltung bei den Bürgern ist die, dass das Deutsche Rote Kreuz Kleider sammelt und wir haben auch in diesen Zeiten unsere Container stehen lassen."

Das Rote Kreuz hofft, dass sich diese Kontinuität auszahlt, auch gegen die städtische Konkurrenz.

"Der Bürger muss wissen, dass seine Kleiderspende, die in einen saarländischen Rot-Kreuz-Container geworfen wird, dass diese Spende in Form von sozialen Projekten wieder Saarländerinnen und Saarländern zu Gute kommt."

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk