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StartseiteBüchermarktBis zum bitteren Ende08.11.2005

Bis zum bitteren Ende

A.L. Kennedys Roman "Paradies" handelt vom Untergang

A.L. Kennedys Roman "Paradies" zelebriert auf bald 400 Seiten den Untergang der 36-jährigen Alkoholikerin Hannah Luckraft. Kennedys neuer Roman ist genial, herzzerreißend, aber er lässt keinen Platz für das kleinste bisschen Hoffnung. "Paradies" beschreibt ein Martyrium, das dem Leser einiges abverlangt.

Von Brigitte Neumann

Bis zum bitteren Ende (AP)
Bis zum bitteren Ende (AP)

Kafka riet ja, man solle überhaupt nur solche Bücher lesen, die einen beißen und stechen. "Paradies" von A.L. Kennedy ist ein solcher Roman. Auf bald 400 Seiten zelebriert die 36-jährige Alkoholikerin Hannah Luckraft nichts anderes als ihren Untergang. Damit hier kein Irrtum aufkommt: Kennedys neuer Roman ist genial, herzzerreißend, aber - und das ist neu bei ihr - er lässt keinen Platz für das kleinste bisschen Hoffnung. Dieser Roman mit dem schönen Titel "Paradies" beschreibt ein Martyrium, das dem Leser einiges abverlangt. Wer sich an seine Lektüre der "Klavierspielerin" von Elfriede Jelinek erinnern mag: Kennedys "Paradies" ist von ähnlich magenverstimmender Intensität. Trotz des wenig ansprechenden Themas: Ihn zu lesen ist ein Ereignis. Zwei Jahre daran zu schreiben, hat A.L. Kennedy offenbar noch nicht einmal Alpträume beschert. ...

" Mir ging es wirklich gut dabei. Es ist doch so: Wenn ein Schriftsteller etwas Bestürzendes schreibt und dabei selbst schlechte Laune kriegt, dann muss er sich fragen, ob sein Gefühl nicht an den falschen Platz geraten ist. Er sollte daran arbeiten, seine Leser aufzuwühlen, nicht sich selbst. Paradies zu schreiben war für mich eine sehr reinigende Angelegenheit."

Es gibt weniger nüchterne Gegenwartsromane über Alkoholiker als "Paradies" von A.L. Kennedy, zum Beispiel Barbara Gowdys "Die Romantiker". Die Kanadierin beschreibt Ohnmacht und Verhängnis ihres süchtigen Helden derart, dass unweigerlich Sympathie aufkommt. Hat A.L. Kennedy beim Schreiben so etwas wie Mitgefühl für ihre Heldin empfunden?

" Nun ja, ich musste mich in sie hineinversetzen, an ihrer Stelle sprechen und denken und fühlen. Ich würde nicht sagen, dass ich Sympathie für Hannah empfand. Ich hatte ihre Rolle inne. Aber in einer weniger intensiven Weise als ein Schauspieler seine Rollen spielt. Denn ich gebe meinen Figuren keine körperliche Präsenz, ich verleihe ihnen nur Worte. Naja, ich hoffe, ich habe meine Heldin gut verstanden, denn nur dann kann sie auch von anderen verstanden werden."Der Schriftsteller vollbringt am Leser ein zweifaches Wunder", schrieb AL Kennedy einmal in der englischen Tageszeitung "The Guardian", "er gibt ihm eine Welt, die anders ist, als die, die er bewohnt. Und er schenkt ihm seine Stimme, seinen Geist als Begleiter in dieser Welt." Kennedy hat uns bereits in die Welt pornosüchtiger Psychogurus, geschlagener Hausfrauen und patenter Sozialarbeiterinnen mitgenommen. Keine ihrer vier anderen Romanwelten war allerdings so hermetisch, wie die der Alkoholikerin Hannah in "Paradies". Das mag am Thema liegen.

Kennedy schafft es trotzdem, den Leser in Hannahs Kopf zu lotsen. Von dort aus nimmt er an ihrem ausweglosen Schicksal teil.
"Ich bin Trinkerin", gesteht Hannah. "Und Trinker sind durchlässig und saugfähig".

Hannah ist eine sehr analytische Säuferin. Und eine der wenigen Frauen in der an Trinkern reichen Literaturgeschichte. Kennedys Roman liefert kein Motiv für die Sucht. Hannahs Eltern sind zwar etwas sonderbar, aber weder gewalttätig noch lieblos; der Bruder vielleicht zu streng, aber er kümmert sich um seine gefallene Schwester. Hannah findet Liebhaber und sie findet Arbeit. Also warum? Der amerikanische Schriftsteller Jack London schilderte in seinem zu Beginn des letzten Jahrhunderts erschienenen Roman "König Alkohol" warum er anfing zu trinken; dass es die Sehnsucht nach männlicher Gesellschaft war, die ihn in die Pubs und Bars trieb.

" Hannah sagt im Prinzip das gleiche. Im Pub sind Männer, da hat sie Gesellschaft. Sie mag Männer. Und sie mag Sex mit Männern, die sie überhaupt nicht kennt. Das heißt, ihr Motiv ist das gleiche wie das von Jack London. Sie braucht die Gesellschaft von Menschen, die sie für ebenbürtig hält. Hannah hat keine Freundinnen. Ich glaube, sie weiß einfach nicht, was das sollte. Das sind Konkurrentinnen. Sie kann keinen Sex mit ihnen haben. Also, warum gibt es sie überhaupt? Und wenn Frauen in der Öffentlichkeit betrunken sind, ist das doch eher peinlich. Mit einer Frau würde sie sich schämen. Mit einem Mann kann es abenteuerlich werden."

Hannah hat sich bewusst für eine männliche Art des Trinkens entschieden – das heimliche Likörsüffeln der Hausfrauen verachtet sie; klar und deutlich weist sie auch die Hilfsangebote ihrer Familie von sich. Sie ist nicht krank. Sie mag halt Schnaps, besonders gerne irischen Whiskey : "Er hat 40 Prozent", denkt Hannah. "Wer braucht da Vater und Mutter?"Ich meine, Menschen, die sich in Alkohol verliebt haben, müssen sich diese Beziehung immer wieder schön reden. Denn : Es ist keine Liebe. Es ist Abhängigkeit oder Besessenheit. Sie machen sich vor, Besoffensein sei etwas Poetisches oder Spirituelles. Wahrscheinlich deshalb spricht man auch von "geistigen Getränken", einfach weil die Menschen beobachtet haben, was Alkohol mit ihresgleichen anstellt. Er lässt Gespenster in ihnen wachsen."

"Paradies" ist in 14 Kapitel unterteilt – eine Anspielung auf die 14 Stationen des Kreuzwegs. Im ersten und letzten dieser Kapitel wacht Hannah mit Filmriss in einem Flughafen-Hotel auf. Dazwischen liegen Erinnerungen an ihre Kindheit, an Krankenhaus-Aufenthalte, an einige wilde Wochenden mit ihrem Geliebten, einem saufenden Zahnarzt, sowie an eine Internierung in einer Ausnüchterungsklinik. A.L. Kennedy ...

" Ich habe die christliche Ikonographie studiert. Es hat mich interessiert, wie jemand ist, der sich selbst kasteit. Heilige tun das ja. Aber die Idee, dass das jemand tut, der weder heilig, noch überhaupt religiös ist, fand ich faszinierend. Denn dessen Martyrium ist ja völlig sinnlos. Sein Laster wird ihn einfach früh umbringen. Das ist alles."

" Alkoholismus begleitet unsere Kultur andererseits ja auch schon so lange, dass er eine eigene Bilderwelt hat. Und mit dem Christentum wurde Alkohol sogar zu einem Teil der Sakramente. Schon In einem sehr frühen Stadium des Schreibens schien mir die christliche Symbolik sehr gut zu meiner Heldin zu passen. Jede Station des Kreuzwegs entspricht einer speziellen Station ihres Martyriums. Die Leser, denen diese Symbolik fremd ist, können die Figur aber genauso gut verstehen. "

Kennedys Roman "Paradies" erzählt keine neue Legende vom heiligen Trinker; er ist kein Bekehrungs- und Geständnis-Werk wie Jack Londons "König Alkohol" – wie auch: Kennedy ist eiserne Tee-Trinkerin!

Dieser Roman hat kein Ziel und keinen Zweck, außer dem, unbarmherzig exakt die Welt der Trinkerin Hannah Luckraft zu beschreiben. Wieso man das unbedingt lesen sollte? Weil Hannah eine Art königlichen, aber auch schwarzen Humor besitzt, der sie über ihren eigenen Ruin erhebt.
Die Briten übrigens wissen diesen Roman über das verlorene Paradies zu schätzen. Er ist A.L. Kennedys Bestseller.

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