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"Bitte mehr Lächeln im Internet"

Trends im Internet für 2012

Johnny Haeusler im Gespräch mit Andreas Main

Suchmaschinenanbieter: Wohin geht der Trend 2012?
Suchmaschinenanbieter: Wohin geht der Trend 2012? (picture alliance / dpa - Karl-Josef Hildenbrand)

Was wird das nächste große Ding? Wohin geht 2012 die Reise im Internet? Johnny Haeusler, Betreiber des Blogs Spreeblick, gibt dazu seine Prognosen ab.

Andreas Main: Johnny Haeusler, werden Sie im nächsten Jahr mehr oder weniger Zeit im Netz verbringen?

Johnny Haeusler: Ich fürchte, es wird mehr werden, obwohl ich eigentlich auf weniger hinsteuere. Ich versuche mich gerade wieder ein bisschen mehr mit anderen Dingen zu beschäftigen - unter anderen mit der Musik, also mit dem Selbst-Musik-Machen, was aber wahrscheinlich dazu führt, dass man noch mehr mit im Netz unterwegs ist, weil ja die Musik dort auch stattfindet jetzt.

Main: Was ist im kommenden Jahr das nächste ganz große Ding?

Haeusler: Das kann man natürlich nur ganz schwer vorhersagen. Ich glaube, das große Ding, das kommt, das überrascht uns dann alle. Ich glaube, ein wichtiges Thema wird nach wie vor Facebook, etc. sein, also soziale Netzwerke - und vor allem die Privatsphären-Einstellungen. Themen wie Datenschutz wird, glaube ich, nächstes Jahr noch mal ganz groß werden - und noch größer werden, als es jetzt schon ist. Ich stelle immer wieder im Bekanntenkreis fest: Leute, die sich bei Facebook oder anderen Diensten anmelden, sind doch sehr überrascht, was alles öffentlich ist. Und auch das Thema Datenschutz ist ja ein großes in Deutschland - und wird es auch weiter bleiben.

Main: Gleichzeitig gibt es so etwas wie ein Post-Privacy-Bewegung. Da ist gerade dieses Buch erschienen von Christian Heller: "Prima leben ohne Privatsphäre". Also, das ist auch noch mal ein Argument, dass das größer wird.

Haeusler: Ganz bestimmt. Ich habe das Buch leider noch nicht gelesen, obwohl ich es schon bestellt habe. Ich glaube, dass dieses Reden über Post-Privacy sehr wichtig ist, fürchte aber, dass es eine Utopie ist, weil die Realität nicht mitspielen wird. Ich glaube, dass das, was hinter Post-Privacy oft steht, nämlich der Wunsch nach einer Gesellschaft, die mit Offenheit umgehen kann, das ist Utopie. Ich treffe Leute, die nach zehn Jahren meines Bloggens sagen: Ich weiß alles über Dich. Das ist natürlich totaler Unsinn. Also, ich achte sehr darauf, was ich von mir gebe, was ich öffentlich mache. Und ich möchte persönlich diese Kontrolle behalten, das heißt, darum geht es für mich: Ich möchte selbst bestimmen können, was mache ich öffentlich und was mache ich nicht öffentlich. Und ich glaube, darüber müssen wir reden.

Main: Google plus hat im vergangenen Jahr erhebliche Wellen geschlagen, dann gab es kleinere Projekte, die mir persönlich sympathischer sind wie Diaspora oder Instagram. Ja, wie viel Platz ist für diese sozialen Netzwerke - werden die sich gegenseitig kannibalisieren? Wie schätzen Sie das ein?

Haeusler: Na ja, ich denke, dass Facebook nach wie vor der Platzhirsch bleiben wird. Einfach durch die massive Verbreitung. Dagegen muss man erst mal ankommen. Damit hat sogar Google Schwierigkeiten, wie wir sehen. Aber wie wir auch aus dem Netz wissen: Es können sich Dinge ganz schnell verändern, und so können natürlich andere neue Dienste plötzlich hoch kommen.

Main: Das kann man kaum mehr überblicken: Minus, Amen, Path, Anybeat - verfolgen Sie das alles noch? Oder gehen Sie eh davon aus, dass die Hälfte davon verschwindet'

Haeusler: Ich bin immer total erschüttert, was ich alles für Mail-Hinweise bekomme, dass ich irgendwelche Dienste seit einem Jahr nicht mehr benutzt hätte, was dann auch meistens stimmt. Ich gucke mir natürlich aus reinem Interesse fast alles an, bleibe aber bei den wenigsten Sachen dann wirklich hängen. Und dann lasse ich einfach und gucke, was passiert mit mir, was passiert mit meinem digitalen Verhalten, was passiert auch mit dem Umfeld, in dem ich mich bewege. Wenn also Dienste sich plötzlich als nützlich erweisen oder auch nur als voller Spaß, dann bleibe ich dran, und ansonsten fällt es halt den Tisch runter, und dann ist das auch nicht schlimm. Mir ging es bei Twitter so: Ich habe mich bei Twitter sehr früh angemeldet und das dann ein bisschen benutzt - aber dann ein halbes Jahr, glaube ich, gar nicht. Und plötzlich hat es mich gekriegt. Und das kann natürlich bei vielen anderen Diensten auch so gehen. Sie hatten es gerade erwähnt: Bei mir was es tatsächlich Instagram, was mich gekriegt hat, was mir sehr viel Spaß macht. Also, das Austauschen von Bildern, wo man sich auch Mühe macht, ein tolles Foto zu machen und nicht nur das tägliche Mittagessen zu dokumentieren.

Main: Was wird das große netzpolitische Thema im kommenden Jahr?

Haeusler: Ich glaube, die Netzpolitik selbst ist das Thema. Wir haben es bei den Grünen gesehen, dass die sich sehr einklinken. Alle anderen Parteien haben nach dem Erfolg der Piraten gemerkt: Hoppla, da muss man sich doch ein bisschen mehr drum kümmern als mit einem kleinen Gremium, was wir bisher hatten. Und das Thema Urheberrecht - nach wie vor ein ganz, ganz großes, was auch nicht ganz so einfach vom Tisch zu fegen ist. Also, von beiden extremen Haltungen nicht - weder von denen, die sagen, wir müssen alles juristisch durchsetzen, noch von denen, die sagen, wir müssen das alles öffnen, also wie bei den Piraten. Oder wir müssen das Urheberrecht abschaffen. Oder verkürzen oder wie auch immer. Ich halte das Urheberrecht für extrem wichtig, glaube aber, dass es Anpassungen braucht an diese digitale Welt, in der wir leben.

Main: Was könnte denn die große Perspektive sein, damit für uns Kunstwerke relativ frei verfügbar sind und dass gleichzeitig Künstler, Autoren, Fotografen, etc., dass die von ihrem Werk leben können. Was ist da die große Perspektive, die Sie für die Zukunft sehen?

Haeusler: Bleiben wir mal bei Musik, weil das am einfachsten ist. Die Perspektive, dass wir auf Musik frei zugreifen können, ohne was dafür zu bezahlen, und gleichzeitig die Künstler oder die Urheber, was ja nicht immer das gleiche ist, davon halbwegs existieren können, ich glaube, das schließt sich aus. In irgendeiner Form muss Geld fließen an die Urheber, und wenn man sich so überlegt, dass das Schaffen eines Songs, natürlich nicht jeden Songs, aber generell für jeden, der mit Leib und Seele Musiker ist, ist dieser Prozess ja ein sehr langer, auch die Produktion eines Songs, mal abgesehen auch vom Ausdenken, sondern auch das Aufnehmen und alles, ist ja in vielen Fällen auch ein Prozess, der mit anderen großen Produktionsverfahren vergleichbar ist. Ich weiß nicht genau, wohin es geht. Vielleicht muss irgendwann erkennen, dass dieses Feld einfach verloren ist, dass Musik immer kostenlos verfügbar sein wird, auf mehr oder weniger legale Art und Weise. Dass man da auch einen Kampf gegen Windmühlen führt. Da muss man sich aber Alternativen überlegen, und die liegen, glaube ich, unter anderem darin, dass dieser ganze Prozess des tatsächlichen Bezahlens für Künstler - der muss einfach noch viel, viel einfacher werden. Ich finde den persönlich bei ITunes relativ einfach - oder mit anderen Portalen - finde aber auch, dass ich da längst nicht alles habe. Also, wo ist da das Riesenarchiv alter Jazz-Platten, wo finde ich jede Reggae-Single der Welt?

Main: Bei EMusic.

Haeusler: Bei EMusic gibt es sehr viel. Das stimmt. Aber ich hätte gerne wirklich noch viel mehr spezielle Plattenläden im Internet sozusagen, wo sich auch Experten sammeln. Wir vergessen ja oft, dass bei der digital vertriebenen Musik auch einiges fehlt. Ich habe nicht mehr das Cover, ich habe auch nicht mehr die Informationen, die ich auf dem Cover gefunden habe, wo auch gleich die Texte auf dem Cover dabei sind, wo auch gleich vielleicht mal ein bisschen Infos zu den Produzenten oder zum Studio habe. Dieser ganze Nerd-Kram drum herum - den muss ich mir ja selbst zusammen suchen im Netz. Das geht natürlich, da gibt es auch Anbieter für, die das vereinfachen; aber so richtig sexy ist das alles noch nicht. Und ich denke, da werden wir schon noch einige Dienstleister sehen, die so was anbieten. Und ich glaube, da fließt dann auch wieder Geld.

Main: Welches Netzprojekt fanden Sie so sympathisch in 2011, dass Sie hoffen, dass es im nächsten Jahr noch größer wird?

Haeusler: Die Frage habe ich befürchtet. Ich hatte gerade so zwei Sachen in diesem Jahr, die ich mir mal irgendwo rausgeschrieben hatte, die ich ganz doll gemocht habe - und jetzt fallen sie mir natürlich wieder nicht ein. Ich versuche es mal diplomatisch: Ich finde täglich wunderbare Sachen im Netz. Die haben oft einfach damit zu tun, dass ich mich darüber freuen, wenn Menschen ihren Fokus nicht auf das Negative im Leben und im Netz legen, sondern auf das Positive und da Arbeit rein stecken. Ich versuche, dass Spreeblick Teil dieser Sichtweise ist. Weil das ja oft ein Argument ist, im Netz wäre so viel Müll. Und das ist natürlich richtig. Aber es gibt ja auch im echten Leben so viel Müll. Und die Frage ist einfach, wie gehe ich ans Leben ran' Was nehme ich mir vor? Wo fühle ich mich wohl? Und worum kümmere ich mich? Und wenn das die positiven Dinge sind, das bedeutet jetzt nicht, dass man blind durchs Leben gehen muss, sondern wenn man versucht, selber was Positives zu kreieren, was andere Menschen vielleicht inspiriert und wieder zu neuen Dingen anstachelt, dann ist man, glaube ich, auf dem richtigen Weg. Das letzte, was ich ganz toll fand: The nicest place on the Internet - eine Website, in der immer große Videos gezeigt werden von Menschen, die auf die Kamera zugehen und einen in den Arm nehmen wollen. Und das ist natürlich total albern, weil es nicht haptisch ist. Da kann einen niemand umarmen. Ich hab auch geschrieben: Da fühlt man sich richtig einsam, weil man denkt, was tue ich hier? Ich sitze vor dem Monitor und gucke mir Leute an, die mich angeblich umarmen. Aber es ist einfach die Idee, die zählt, die so wunderbar nett ist, dass ich dieses Lächeln, was man im Netz doch sehr, sehr häufig immer wieder findet, sehr schätze - und ich wünsche mir, speziell auch im deutschsprachigen Netz, viel, viel mehr davon. Ich finde schon manchmal, dass wir schon ein Volk der Meckerer sind. Und das ist natürlich auf eine gewisse Art gut. Das ist gut, Missstände zu erwähnen. Es ist gut, Missstände zu diskutieren. Aber so ein Schuss Optimismus wünsche ich mir schon sehr oft.

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