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StartseiteBüchermarktBlanche oder Das Atelier im Garten21.10.1998

Blanche oder Das Atelier im Garten

Der Inhalt des Romans ist schnell erzählt. Blanche Riedinger, die junge Tochter eines stadtbekannten Anwalts, mietet sich ein verfallenes Gartenhäuschen und richtet sich dort ein Künstleratelier ein. Sie malt, epigonenhaft und mit mäßiger Begabung, Bilder in den verschiedenen Stilrichtungen des frühen 20. Jahrhunderts. Außerdem schreibt sie glühende Briefe an einen nicht existenten Liebhaber, die sie in der obersten Lade ihres Sekretärs verschließt. Nach zwei Jahren wird ihr Atelier von dessen gehässigem Besitzer zwangsweise geräumt. Mehr als sechshundert Seiten gab sich der deutschsprachige Prager Autor Paul Kornfeld, um diese einfache Geschichte zu erzählen. Der Text gleicht einem Erzählstrom, der immer wieder über die Ufer tritt, um alle Details aus Blanches Leben zu erfassen. Wir lernen ihren Freundeskreis kennen, insbesondere die Frauen Gisela und Carola; Blanches Eltern, ihren väterlichen Freund Herrn Fedinger und dessen Frau. Dann gibt es noch eine Fülle von Nebenfiguren, Industrielle, Ehefrauen, Büroangestellte, Salonliteraten, Konkursverwalter und Studenten, sie alle ziehen an ihrem Fädlein dieses Erzählteppichs. In der Erzähltradition des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts entwirft Kornfeld so ein Abbild des gehobenen Bürgertums - er zeigt dessen Alltag gewissermaßen im Breitwandformat.

Tanya Lieske

Entgegen den Konventionen des Gesellschaftsromans bleiben Ort und Zeit der Handlung im vagen. Vielleicht spielt der Roman in Darmstadt, wo Kornfeld 1927 als Dramaturg arbeitete und wo heute noch ein Gartenhäuschen steht, das ihn zu diesem Roman inspirierte. Andererseits läßt ein Ausflug der Blanche ins Nachtleben eher auf Berlin schließen, wo Kornfeld einige Jahre lang Dramaturg unter Max Reinhard war. Der Roman ist in der Zwischenkriegszeit anzusiedeln, vermutlich in den zwanziger Jahren. Zwar fehlt jeglicher Bezug zum politischen Tagesgeschehen, doch haftet den Figuren allesamt eine Rastlosigkeit an, ein Tatendrang und ein Überdruß zugleich, der ihre Aktionen ins Leere laufen läßt. Wir befinden uns in einer Zeit der Umbrüche. Männer und Frauen sind damit beschäftigt, ihr Verhältnis zueinander neu zu definieren. Unentwegt reden sie aufeinander ein, allerdings ohne sich zu verstehen. Hier hat Joachim das Wort, ein eitler Jungdichter und Salonlöwe:

"Durch die Problematik des Mensch-seins zieht sich die Liebe als köstlich-sublimes Problem. Mit dem geballten Gefühl des Mannes sei dies gesagt. Gesagt sei aber noch dies: Mensch-sein bedeutet ewige und ewig wechselnde Problematik. Mensch-sein bedeutet - nicht weniger als Mensch-sein -: die Last der Verpflichtung zu haben, nicht nur global zu denken, sondern auch kosmisch! An jede Epoche ergeht aus dem Kosmos ein anderer Aufruf. Zeitgemäß ist, wer dem Kosmischen gewachsen ist! Wohin ist mein Geist gewendet? Ich höre aus Zeit und Kosmos den Ruf nach sozialem Umbau, nach mystischer Vereinigung von Urchristentum und Nationalökonomie."

Es gehört zu den Verdiensten des Romanciers Kornfeld, daß er sein Personal im Regen stehen läßt, wenn es solchen Unsinn absondert. Überhaupt ist die Art schätzenswert, wie Kornfeld, geschult im Handwerk des Dramatikers, seine Figuren über Dialoge charakterisiert. Gleiches gilt für die Süffisanz seines Erzählers, der sich mal besserwisserisch einmengt, mal trockene Kommentare verstreut, mal verlegen das Feld räumt. Trotzdem wird der Leser der Sache bisweilen überdrüssig: Das Parlando einer Abendgesellschaft versiegt erst nach über hundert Seiten, so viele Worte wirken im Zeitalter des literarischen Lean Management wie eine unnötige Verschwendung von Mitteln. Hinzu kommen stilistische Klischees, die darauf schließen lassen, daß Kornfeld manche Personenbeschreibung zu schnell von der Hand ging, etwa wenn er eine Frau "mit ihrer schlanken jugendlichen Gestalt” im Salon plaziert, die ihr Gegenüber "aus ihren stillen Augen unter der klaren Stirn und im milden Gesicht” betrachtet.

Worauf will Kornfeld hinaus? Es geht tatsächlich um den Gegensatz zwischen Mann und Frau und um den Unterschied zwischen Worten und Taten. Während sich die Männer mit Aphorismen duellieren, handeln die Frauen. Jede der drei Freundinnen Carola, Gisela und Blanche unternimmt einen Selbstmordversuch, alle drei übrigens mit Veronal-Schlaftabletten. Die drei Frauen treibt jener Ennui, der wie ein Basso continuo unter dem hektischen Geplauder des Romans liegt.

Nur ein Selbstmordversuch gelingt, der von Blanche. Der Leser lernt Blanche als introvertiertes, ein wenig unbeholfenes Geschöpf kennen. Sie hängt lieber ihren Träumen nach, als sich um deren Verwirklichung zu kümmern. So schwelgt sie in ihren Liebesbriefen, doch verschiedenen Herrenbesuchen, die ihr Avancen machen, schenkt sie keine Beachtung. Dem draufgängerischen Unternehmer Heinzfurth, der Blanche lauthals als seine Geliebte deklariert, wobei er sich selbst mit seiner unbedingten Wahrheitsliebe anpreist, erwidert sie:

"Ja, ich bin Ihnen sehr dankbar für ihre Aufrichtigkeit”, begann sie mit eingerosteter Stimme. "Doch nein, sehen Sie, das ist schon eine Lüge, ich bin Ihnen nämlich gar nicht dankbar. Es ist wahr, Sie haben sich nicht besser gemacht, als Sie sind. Aber das ist schade. Mein Gott, Sie hätten sich getrost die Mühe nehmen können, sich mir zuliebe ein wenig besser zu machen.”

Blanche verteidigt ihr Recht auf das Getäuscht-Werden, auf ihre Illusion. In ihrer knappen Antwort demonstriert Paul Kornfeld den Kern seiner dramatischen Theorie von einer "beseelten” Existenz, die im Gegensatz zu einer bloß "psychologischen” Existenz steht. Letztere bleibt, Worte deklamierend, an der Oberfläche des Seins haften, genau wie die vielen pausenlos redenden Individuen, die Blanches Weg kreuzen. Auf kuriose Art stellt Kornfeld sich zwischen die literarischen Gattungen seiner Zeit. Zwar erinnern die Schwatzhaftigkeit seiner Personen und die Kulissenhaftigkeit ihres Seins an die freudianischen Dramen eines Arthur Schnitzler, doch zählt bei Kornfeld am Ende nicht das Wort, sondern die Tat. Er hat keinen psychologischen Roman geschrieben, aber auch keinen realistischen: Anders als bei einer Effi Briest läßt sich Blanches Ende nicht auf eine ungünstige gesellschaftliche Konstellation zurückführen. Vielmehr reklamiert sie mit ihrer totalen Verweigerung ihre Freiheit gegenüber der Macht des Faktischen. Ihr Freund Fedinger benutzt dafür das Wort vom Nihilismus:

"Und wann kommt der schauderhafte Augenblick, da man, nach vielen traurigen Ahnungen, nach vielen Zweifeln und Widerständen, nicht mehr anders kann als festzustellen, daß man da etwas ganz Sonderbares in die Welt gesetzt und aufgezogen hat, halb Mensch und halb leere Schachtel, ein Ungeheuer, ein Nichts, die große Leere, das unbedingte Nichts. Ja, sehr gut, nichts, nihil, das ist der wahre Nihilismus, die wahre Anarchie."

In diesem Bekenntnis zum Nichts liegt die Subversivität des Romans - wenn man hier auch nicht von Sprengkraft oder einer politischen Botschaft sprechen sollte. Paul Kornfeld, 1889 in Prag geboren hat sich genausowenig wie sein Generationskollege Kafka je als politischer Autor definiert. Kornfeld starb 1942 im Konzentrationslager Lodz, sein Buch erschien erstmals posthum 1957. Nach seiner diesjährigen Neuauflage und Neuentdeckung haben nicht wenige Kritiker "Blanche oder das Atelier im Garten" in den Rang eines Meisterwerks gehoben. Das scheint, Kornfelds mangelnde Erzähldisziplin im Visier, sehr hoch gegriffen. Hinzu kommt, daß Kornfelds Gegenstand dem heutigen Leser recht altmodisch erscheint. Meisterwerke sollten zeitlos sein; dieser Roman, ein bejahrtes Einzelstück, gleicht eher einer Antiquität.

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