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StartseiteCorsoBlecherner Himmel04.04.2012

Blecherner Himmel

Neu im Kino: "Iron Sky" von Timo Vuorensola

Der deutsch-finnisch-australische Film "Iron Sky" ist die erste größere Produktion, die mit Hilfe von Crowdfunding realisiert wurde: Eine stetig wachsende Internet-Gemeinde hat den Film mitfinanziert - und so dafür gesorgt, dass der Streifen schon vor dem Kinostart Kultstatus genießt. Zu Unrecht.

Von Jörg Albrecht

Udo Kier (m.) als Weltraum-Nazi Wolfgang Kortzfleisch (Blind Spot Pictures)
Udo Kier (m.) als Weltraum-Nazi Wolfgang Kortzfleisch (Blind Spot Pictures)

Beginnen wir mit einem Ausspruch von Sigmund Freud: "Wenn jemand zu uns kommt und uns erzählt, auf dem Mond wachsen Erdbeeren, beginnen wir sofort, ihn davon zu überzeugen, dass dies doch nicht möglich sei, anstatt uns zu fragen, warum ihm solch Absonderliches einfiele, unsere Aufmerksamkeit zu erlangen." Soweit das Zitat von Freud. Was aber wäre, wenn dieser Jemand uns erzählen würde, dass auf der dunklen Seite des Mondes Nazis leben von dort einen Angriff auf die Erde planen, um die Weltherrschaft an sich zu reißen? Wir sollten ihm besser glauben.

"Die Mondnazis kommen. Was ist los mit euch? Seid Ihr blind? Ich war selbst da. Glaubt mir doch! Es ist eine Riesen-Mondbasis. ... Sie kommen, um alles platt zu machen. ... Sie wollen uns allen die Ärsche aufreißen."

Er hat sie schließlich mit eigenen Augen gesehen. Er – das ist der Astronaut James Washington, der im Jahr 2018 auf den Trabanten geschossen worden ist. Fast 50 Jahre, nachdem der letzte Amerikaner den Boden des Mondes betreten hat, verfolgt die neue Mission nur ein Ziel: Sie soll die Chancen für eine zweite Amtszeit der Präsidentin der Vereinigten Staaten erhöhen. Diese Präsidentin, deren Name nicht genannt wird, hat frappierende Ähnlichkeit mit Sarah Palin, prominente Stimme der erzkonservativen Tea-Party-Bewegung und Kandidatin für die Vizepräsidentschaft 2008.

"Kurze Frage: Wie genau sollte der Umstand, dass wir Leute zum Mond schicken, noch mal meine Wiederwahl sichern? Ich höre! – Auf dem Mond waren wir 50 Jahre nicht mehr. Einer war schwarz. So was sieht gut aus. – Was sieht daran gut aus? – Ich sagte es bereits. Einer war schwarz. ..."

Da fragt man sich doch, wer hier eigentlich mehr hinter dem Mond lebt. Und es darf darüber gestritten werden, was nun mehr Angst und Schrecken verbreitet: Die Aussicht auf diese US-Präsidentin oder aber die Entdeckung, dass die Nazis 1945 mit Hilfe von sogenannten Reichsflugscheiben auf den Mond geflüchtet sind und dort in einer riesigen Raumstation residieren. Die hat selbstverständlich die Form eines Hakenkreuzes. Wie überhaupt die Ästhetik des Dritten Reichs – gänzlich frei von irdischen Modetrends – im extraterrestrischen Exil konserviert worden ist. Seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs bereiten die Nazis nun ihre Rückkehr zur Erde vor.

"Meine Herren, das Kriegsschiff ´Götterdämmerung´! Unsere Wunderwaffe, mit der wir die Erde in die Knie zwingen werden. Der Traum unseres fabelhaften Führers. Doch bisher leider nur ein Traum. Bisher."

Aber dank der bahnbrechenden Computertechnik eines Smartphones, das die Nazi-Wissenschaftler dem Astronauten Washington abgenommen haben, ist die Götterdämmerung jetzt startklar. Doch kein Grund zur Panik. Zumindest nicht bei der amerikanischen Präsidentin. Denn für sie ist die bevorstehende Nazi-Invasion ein Geschenk des Himmels.

"Es ist wundervoll ... und brillant. Ich habe meinen eigenen Krieg. Alle Präsidenten, die in der ersten Amtszeit einen Krieg begonnen haben, wurden wiedergewählt. Ich dachte schon, ich müsste Australien bombardieren."

Ach wäre "Iron Sky" nur die ganze Zeit so böse, politisch unkorrekt und zynisch wie in dieser Szene. Als ätzende Satire aber ist dieser Filmtrash schlicht zu harmlos geraten. Statt bissiger Pointen und schwarzem Humor serviert Regisseur Vuorensola lahme Gags und Slapstick. Das immerhin in fast perfekter Optik. Doch die ist kaum von Bedeutung in einem viel zu wenig überzeichneten und radikalen Film. Von einer Provokation oder gar einem kalkulierten Tabubruch ist "Iron Sky" mindestens eine ganze Galaxie entfernt. Somit erübrigen sich auch Vergleiche mit Klassikern wie "Dr. Seltsam" oder "Der große Diktator". An den immerhin wird in einer der wenigen wirklich gelungenen Szenen erinnert.

"Der große Diktator von Charlie Chaplin. Dieser Film gehört zu bekanntesten Kurzfilmen der Welt. In seinem zehnminütigen Werk verleiht Chaplin seiner Hoffnung Ausdruck, dass eines Tages die ganze Welt in unseres Führers weisen und starken Händen liegt. Noch Fragen?"

Keine Fragen mehr. Nur die Erkenntnis, dass ein Film wohl doch erst nach seiner Fertigstellung Kultstatus erlangt – und nicht schon vorher.

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