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StartseiteInterview"Bleib den Schafen nahe"20.06.2013

"Bleib den Schafen nahe"

Leiter des Jesuitenkollegs Sankt Blasien begrüßt Stilwechsel von Papst Franziskus

Pater Klaus Mertes rät Papst Franziskus, den neuen Weg aufrechtzuerhalten, den er seit seinem Amtsantritt vor 100 Tagen eingeschlagen hat. Fragen der Sexualmoral bezeichnet Mertes als "nicht die wichtigsten und zentralsten des christlichen Glaubens."

Pater Klaus Mertes im Gespräch mit Christoph Heinemann

Jesuitenpater Klaus Mertes, Leiter des Kollegs Sankt Blasien/Südschwarzwald  (AP)
Jesuitenpater Klaus Mertes, Leiter des Kollegs Sankt Blasien/Südschwarzwald (AP)

Christoph Heinemann: "Brüder und Schwestern, guten Abend!" Das waren die ersten Worte, die die Welt von Papst Franziskus zu hören bekamen. Das war am 13. März. Franziskus stand auf der Loggia des Petersdoms und Tausende Menschen unter ihm auf dem Petersplatz. Zweierlei war ungewöhnlich: Der Papst trug nicht den pelzgefütterten Schulterkragen, die Mozetta, er war in Weiß gekleidet. Und der Name! Franziskus ist der erste Papst, der sich Franz von Assisi, den Heiligen der Armen, zum Vorbild gewählt hat. Seit 100 Tagen ist der Argentinier Jorge Mario Bergoglio nun im Amt. Er ist übrigens Mitglied des Jesuitenordens und das verbindet ihn mit unserem Gesprächspartner.

Vor dieser Sendung haben wir mit Pater Klaus Mertes gesprochen, er leitet das Jesuitenkolleg in der Ortschaft Sankt Blasien im Südschwarzwald. Als Direktor des Canisius-Kollegs in Berlin hatte er ehemalige Schüler angeschrieben, nachdem er von den sexuellen Übergriffen an der Schule erfahren hatte. Klaus Mertes hat vor Kurzem ein Buch veröffentlicht mit dem Titel "Verlorenes Vertrauen: Katholisch sein in der Krise". Ich habe ihn nach seinem Eindruck von Papst Franziskus gefragt.

Klaus Mertes: Ich bin sehr beeindruckt von dem Auftreten von Papst Franziskus, wie ich im Übrigen ja auch schon sehr beeindruckt war von der mutigen Entscheidung von Papst Benedikt, zurückzutreten.

Heinemann: Was hat Franziskus bisher auf den Weg gebracht?

Mertes: Er hat einen Stilwechsel geschaffen, den ich für sehr wichtig halte. Die Zeichen, die er setzt, haben ja auch eine inhaltliche Bedeutung. Wenn er zum Beispiel am Gründonnerstag Strafgefangenen die Füße wäscht, darunter auch einer Frau und einer Muslima, dann finde ich das ein großes Zeichen. Und die Kritik an diesem Zeichen zeigt ja auch noch mal, dass er da irgendwo ins Schwarze trifft und damit Themen anspricht. Es ist also eine Symbolpolitik, zu der er sich entschieden hat, die auch inhaltliche Signale setzt.

Ein zweites Thema, das ich da nennen würde, ist seine bis heute durchgehaltene Entscheidung, nicht in den Palast einzuziehen. Wer ein bisschen die Sprache der lateinamerikanischen Befreiungstheologie kennt weiß, was es inhaltlich bedeutet, sich eher an der Peripherie als im Zentrum aufzuhalten.

Heinemann: Was bedeutet das mit der Peripherie?

Mertes: Dieses Hingehen zu den Armen, nicht in den reichen Zentren leben, sondern das Evangelium zu leben am Rande - Peripherie bedeutet Rand -, bei denjenigen, die ausgegrenzt sind und die nicht dazugehören dürfen, weil sie unter den ungerechten Verhältnissen leiden, unter den Ausgrenzungsverhältnissen leiden.

Heinemann: Vielleicht will ja Franziskus auch gar nicht zu diesem Zentrum gehören. Er hat sich ja gerade über Seilschaften im Vatikan geäußert. Ist die Machtzentrale ein Augiasstall?

Mertes: Ja, mir scheint, es tatsächlich ein Augiasstall zu sein, und er nimmt ja kein Blatt vor den Mund, genauso wenig wie er ein Blatt vor den Mund genommen hat, als er dann nachträglich gegen das vereinbarte Verfahren seine Rede veröffentlicht hat, die er auf dem Konklave gehalten hat, wo er ja auch von diesem theologischen Narzissmus spricht. Der Augiasstall ist auch ein geistlicher Augiasstall, hier kreist eine Zentrale inzwischen um sich selbst in einer narzisstischen Selbstverliebtheit, die natürlich verheerende Auswirkungen nach außen hat, vor allem in das Vertrauen der Gesamtkirche, und da hat er sich ja klar positioniert.

Heinemann: Das scheint, dass man kein Blatt vor den Mund nimmt, eine jesuitische Tugend zu sein, wenn man Sie selbst betrachtet?

Mertes: Na ja, ich hoffe mal, dass das stimmt. Aber ich denke, das ist eine menschliche Tugend, zu der sich ein jeder Mensch immer wieder neu durchringen muss, weil kein Blatt vor den Mund zu nehmen ja auch mit Kosten verbunden ist.

Heinemann: Im Falle Franziskus mit welchen Kosten?

Mertes: Ich denke, dass ganz viele hinten herum natürlich die Hände über den Kopf zusammenschlagen. Er wird ja auch schon in den entsprechenden, sich früher sehr papsttreu gerierenden Zirkeln hart angegriffen. Diese Angriffe laufen ja meistens hinten herum. Und ich denke, es ist nicht leicht, in einer solchen riesigen Institution einen solchen Stil durchzuhalten.

Heinemann: Welche Zirkel sind das?

Mertes: Ja das sind die Zirkel, die er selbst auch anspricht, Seilschaften eben, die Macht untereinander bisher informell verteilt haben.

Heinemann: Was bedeutet seine jesuitische Herkunft etwa auch für seinen Umgang mit streng konservativen Gruppierungen innerhalb der katholischen Kirche, die ja vor allen Dingen von Johannes Paul II sehr verwöhnt wurden?

Mertes: Sehr jesuitisch finde ich seinen Satz, dass die Hirten den Stallgeruch der Schafe annehmen müssen. Das ist ja auch ein Satz, der genau wieder hineinpasst in dieses an die Peripherie gehen. Das heißt, das Wichtigste an der Kirche ist Seelsorge. Es geht wirklich darum, Menschen nah zu sein, ihre Nöte zu teilen und mit ihnen zusammen Wege zu finden, um in eine größere Nähe zu Gott zu kommen und in dieser Nähe dann auch erfüllt zu leben. Das ist der Sinn und Zweck der Kirche und das kann man nur tun, wenn man sich wirklich mit hinein begibt in das Leben der Schafe, und das finde ich einen ganz tief jesuitischen Ansatz.

Heinemann: Stichwort Schafe: Muss die katholische Kirche eigentlich in allen Fragen zentralistisch geführt werden, oder könnte man die Frage zum Beispiel Zölibat, Zulassung von Frauen zum Priesteramt, nicht den Gläubigen in den jeweiligen Ländern überlassen?

Mertes: Ich bin nicht der Meinung, dass alle Fragen in der Kirche zentralistisch gelöst werden müssen. Die Frage der Ordination der Frauen und des Zölibates, darüber müsste man noch mal im Einzelnen sprechen. Aber es gibt viele Fragen, die schon vorgelagert sind, wo ich meine, dass auch Lösungen möglich sind, die jetzt nicht zentralistisch sind, zum Beispiel auch in Fragen der Liturgie.

Heinemann: Pater Mertes, Sie haben gerade ein Buch über Schwachstellen der katholischen Kirche veröffentlicht. Vor welchen Aufgaben steht Papst Franziskus vor allem?

Mertes: Ich sehe Papst Franziskus vor allem neben der Aufgabe, den Stilwechsel, den er begonnen hat, durchzuhalten, darin, dass er in der Kirche wieder so etwas wie transparentes Verfahren und Verfahrensgerechtigkeit einführt. Das hängt eng mit der Frage nach der Kurienreform zusammen. Er selbst hat ja gesagt, dass er nicht der Mann ist, der Spezialist für Verwaltung ist. Deswegen finde ich es einen wichtigen Schritt, dass er sich da diese acht Kardinäle zusammengerufen hat, mit denen zusammen er an dieses Werk herangehen will, und da geht es ja auch wirklich um Verwaltungsfachleute, die etwas von ihrem Fach verstehen.

Heinemann: Ist diese Kurienreform auf gutem Weg?

Mertes: Ja sie ist jedenfalls angekündigt und sie ist ja auch unausweichlich, angesichts der vom Vatikan selbst veröffentlichten gewaltigen Vertrauenskrise innerhalb der Kurie. Das geht ja gar nicht anders. Es ist ja eine Katastrophe, was über Vatileaks sichtbar geworden ist, und es wäre selbstmörderisch, darauf nicht mit einer Reform zu reagieren.

Heinemann: Wen halten Sie für stärker, Franziskus oder den Apparat, den Vatikan?

Mertes: Ich halte den Heiligen Geist für den stärksten, und der ist auf der Seite des Papstes Franziskus, davon bin ich fest überzeugt, ganz spontan.

Heinemann: Sollte die katholische Kirche im Sinne der Reformation evangelischer werden, das heißt den Glauben und die Schrift stärker in den Mittelpunkt stellen und die Welt weniger ständig darüber belehren, wer mit wem ins Bett steigt?

Mertes: Die Frage der Sexualmoral ist nicht die Frage, die im 16. Jahrhundert die Reformation ausgelöst hat.

Heinemann: Das ist richtig.

Mertes: Aber ich finde, dass die Fragen der Sexualmoral in der Kirche wieder ihren Ort bekommen sollten, nämlich es sind nicht die wichtigsten und zentralsten Fragen des christlichen Glaubens.

Heinemann: ... hat man aber manchmal den Eindruck?

Mertes: Ja, und da ist auch eine gewaltige Fehlentwicklung, die zu korrigieren ist. Die Fragen der Sexualmoral sind nicht einmal unter moraltheologischer Rücksicht die zentralsten Fragen, die die Kirche zu verkünden hat. Natürlich sind es auch wichtige Fragen, der sexuelle Missbrauch hat ja gezeigt, dass sich Sexualität auch mit Gewalt und Schamlosigkeit verbinden kann. Also ist es nicht ein ethisch irrelevanter Bereich, aber er muss in seiner Bedeutung wieder zugeordnet werden gegenüber anderen Fragen, die wichtiger sind, und da steht natürlich der Glaube zunächst einmal im Mittelpunkt, die Frage nach Gott und Ähnliches, und darüber redet die Kirche viel zu wenig, beziehungsweise sie blockiert die Möglichkeit zu reden dadurch, dass sie in den Raum stellt eine Sexualmoral, die sie in ihrer Bedeutung so hochspielt, dass man in der Öffentlichkeit über nichts anderes mehr redet als das.

Heinemann: Stichwort Blockade: Steckt die Kirche da vielleicht auch in einer Gehorsamsfalle, in der zu wenige Bischöfe, zu wenige Priester, Gläubige sich trauen, gegen eine verknöcherte, vielleicht in Teilen auch verkommene Zentrale aufzubegehren?

Mertes: Ja, es gibt ein Gehorsamsthema in der katholischen Kirche, und ich bin der Meinung, dass Jesus gegenüber den Autoritäten seiner Zeit sehr, sehr ungehorsam war, und das hatte etwas mit seinem Gehorsam gegenüber dem Willen Gottes zu tun. Und in dieser Tradition stehend, muss es auch so etwas geben wie eine Tradition des heiligen Ungehorsams.

Heinemann: Ist die heutige Hierarchie noch im Sinne des Religionsgründers?

Mertes: Sie steht jedenfalls in der apostolischen Sukzession, die ich anerkenne. Das heißt, sie steht in der institutionellen Verantwortungskontinuität, und als solche, finde ich, ist sie immer weiter an diesem Maßstab zu messen. Ansonsten steht mir ein letztes Urteil über einzelne Personen nicht zu und das will ich mir auch nicht antun.

Heinemann: Nur, dass diese Hierarchie häufig in Zusammenhang gebracht wird mit Überwachung und Gängelei.

Mertes: Ja. Es gibt eine Zuspitzung auf das Autoritäre in den letzten Jahrzehnten, und ein entscheidender Grund dafür ist, warum sie auch an Glaubwürdigkeit verloren hat. Ich würde es so ausdrücken, wie es eine Frau ausgedrückt hat in einem Brief, der in Vatileaks dann auch bekannt geworden ist: Warum ernennt der Vatikan in den letzten Jahren immer mehr Bischöfe, die den Leuten nicht vertrauen. Und wenn die Hierarchie den Leuten nicht vertraut, dann darf sie sich auch nicht wundern, wenn die Leute ihnen irgendwann nicht mehr vertrauen.

Heinemann: Pater Mertes, wenn Ihr Mitbruder Franziskus Sie um drei Ratschläge bitten würde, was rieten Sie ihm vor allem?

Mertes: Erstens: Bleib den Schafen nahe. Zweitens: Führe endlich Transparenz und Verfahrensgerechtigkeit bei der Ernennung von Bischöfen ein. Und das Dritte fällt mir spontan nicht ein.


Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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