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StartseiteForschung aktuellBlick in die Kochtöpfe der ersten Bauern17.01.2013

Blick in die Kochtöpfe der ersten Bauern

Mit Ackerbau und Viehzucht stellte sich auch die Ernährung um

Die erste Revolution der Menschheitsgeschichte begann vor rund 7500 Jahren in Europa. Die Idee von Sesshaftigkeit, Ackerbau und Viehzucht verdrängte allmählich das Nomadentum samt Jäger- und Sammlerkultur. Siedlungen entstanden und die Menschen konnten auch im Winter von Ernteerzeugnissen des vergangenen Jahres leben. So zumindest die gängige Lehrbuchmeinung. Doch ein Nachweis, dass sich die ersten Bauern tatsächlich überwiegend von domestizierten Pflanzen und Tieren ernährten, fehlte bislang.

Von Michael Stang

Schon die frühen Bauern in Mitteleuropa ernährten sich von domestizierten Pflanzen und Tieren. (Stock.XCHNG / Jon Ng)
Schon die frühen Bauern in Mitteleuropa ernährten sich von domestizierten Pflanzen und Tieren. (Stock.XCHNG / Jon Ng)

Dieser Frage ist nun ein internationales Archäologenteam nachgegangen. Ihre Ergebnisse stellen die Wissenschaftler diese Woche auf dem Weltarchäologiekongress in Jordanien vor:

Spekulationen mag sie nicht, sagt Cynthianne Spiteri. Daher versucht die maltesische Archäologin vom Leipziger Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie auch, eine der gängigen Thesen ihres Fach endlich zu beweisen oder zu widerlegen: Haben sich die ersten Bauern tatsächlich schon überwiegend von domestizierten Pflanzen und Tieren ernährt?

"Man benötigt keinen Ackerbau, um Keramikgefäße herzustellen. Wir kennen zahlreiche Beispiele, wo Gefäße hergestellt wurden, Pflanzen aber noch nicht domestiziert waren. Und selbst wenn man diese Gefäße bei einer Ausgrabung zusammen mit Getreide findet, heißt das noch nicht, dass sich die Menschen überwiegend von Agrarprodukten ernährt haben."

Um zu untersuchen, welche Speisen tatsächlich zu Beginn der Jungsteinzeit in Europa auf den Tischen der ersten Bauern landeten, untersuchte Cynthianne Spiteri mehr als 300 Keramikgefäße aus Italien, Malta, Spanien und Kroatien. Vor der Jungsteinzeit ernährten sich die Menschen dort überwiegend von Fisch. Sollte die bäuerliche Lebensweise, also Ernteerzeugnisse über den Winter hinweg und ganzjähriges Vorhandensein von Fleisch und Milch, tatsächlich so erfolgreich wie immer vermutet gewesen sein, müssten diese Menschen ihre Ernährung schnell umgestellt haben, also weg von Mariner Kost hin zu Getreide, Milch und Fleisch. Um dies zu testen, untersuchte die Forscherin Fundstücke aus der Zeit vor der Jungsteinzeit, jene aus der Zeit des Übergangs und schließlich Exemplare aus der späteren Jungsteinzeit, als sich Ackerbau und Viehzucht schon lange etabliert hatten. Da all diese Gefäße nicht glasiert waren, haben sich bei jedem Kochvorgang die im Essen enthaltenen Fette in das Material eingebrannt. Um ihren einstigen Inhalt zu analysieren, kratze Cynthianne Spiteri je ein etwa Ein-Euro-Münzen großes Stück Material vom Boden ab, also etwa fünf Milligramm. Diese Proben untersuchte sie mithilfe von spektrometrischen und gaschromatografischen Methoden, sowie Isotopenanalysen.

"Hauptsächlich haben wir in den Gefäßen Fettsäuren gefunden. Diese Lipide waren zum Teil stark zersetzt. Das liegt an der Zubereitung der Speisen durch Hitze und an den Jahrtausenden der Lagerung. In Kombination mit verschiedenen Techniken konnten wir gute Biomarker erstellen, um die Fette zu bestimmen, vor allem für Meeresprodukte."

Damit konnte sie ihre These überprüfen. Haben sich die ersten Bauern in mediterranen Gebieten weiter von Fischen ernährt oder doch schon täglich Getreide, Fleisch und Milch zu sich genommen? Die Antwort war eindeutig.

"Bereits aus der Zeit des Übergangs, also der Zeit der ersten Bauern, finden wir ausschließlich Rückstände von Milchprodukten, ebenso zahlreiche von domestizierten Pflanzen. Diese Menschen haben also schon domestizierte Tiere gemolken, mit wilden kann man das nicht machen; außerdem haben wir keine Fischreste mehr in diesen Gefäßen entdeckt."

Natürlich könne Fisch auch auf andere Art und Weise zubereitet werden, etwa als Grillfisch, und dazu benötige man keine Keramikgefäße, schränkt Cynthianne Spiteri ein.

"Weil wir aber nirgends Fischknochen gefunden haben, deutet dies zusätzlich darauf hin, dass Fisch damals keine große Rolle mehr bei der Ernährung gespielt hat."

Damit konnte die Wissenschaftlerin die alte Vermutung bestätigen. Zumindest im westlichen mediterranen Raum hatten schon zu Beginn der Jungsteinzeit die Bauern ihre Ernährung vollständig auf domestizierte Tiere und Pflanzen umgestellt.

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