Kultur heute / Archiv /

 

Blicke ins Zeitalter der Extreme

Zum Tod des britischen Sozialhistorikers Eric Hobsbawm

Von Wolfgang Stenke

Eric Hobsbawn ist am 1.10.2012 nach langer Krankheit  in London verstorben.
Eric Hobsbawn ist am 1.10.2012 nach langer Krankheit in London verstorben. (picture alliance / dpa - Roland Schlager)

Eric Hobsbawm widmete der Zeit zwischen französischer Revolution und Erstem Weltkrieg die Trilogie "Das lange 19. Jahrhundert". Dieses Werk machte ihn zu einem der wichtigsten Historiker der Gegenwart. Hobsbawm ist im Alter von 95 Jahren in London gestorben.

"Wir brauchen die Hoffnung an eine bessere, gerechtere, lebenswertere Gesellschaft. Wir brauchen den Glauben, dass der Aufbau einer solchen Gesellschaft das Hauptziel der Politik ist. Denn in diesem Glauben hat sich die Menschheit seit der Mitte des 18. Jahrhunderts doch sehr verbessert. Wird sie das 21. Jahrhundert wiederbringen? Ich hoffe es, ich glaube es sogar."

Eric Hobsbawm – Historiker, Marxist, Menschenfreund. Ein Wissenschaftler, der in seinem langen Leben die Geschichte des blutigen 20. Jahrhunderts erforscht und als "Zeitalter der Extreme" beschrieben hat, gleichwohl aber die Hoffnung auf Aufklärung, Fortschritt, Humanität nie aufgab.

"Ich glaube, hier ist der bekannte Ausspruch Antonio Gramscis am Platz: ‚Pessimismus der Intelligenz, Optimismus des Willens!’ Und historisch erfordert das, wie Max Weber erkannte, den Glauben an die Möglichkeit der Weltveränderung durch menschliche Aktion. Wie einmal Oscar Wilde sagte: ‚Keine Weltkarte taugt etwas, die nicht die Insel Utopia enthält.’ Wir können nie auf ihr landen, aber ohne auf sie zuzusteuern, erreicht die Menschheit die erreichbaren Ziele auch nicht."

Eric Hobsbawm wurde am 6. Juni 1917 im damals noch britischen Alexandria als Sohn jüdischer Eltern geboren. Der Vater war Brite, die Mutter kam aus Österreich. Dem ursprünglichen Namen Obstbaum hatte die Familie schon zuvor die anglisierte Form "Hobsbaum" gegeben. Der Schreibfehler eines schlampigen Konsularbeamten machte daraus "Hobsbawm". Die Kindheit verbrachte Eric Hobsbawm in Wien. Sein Deutsch blieb vom Akzent der Donaumetropole geprägt, obwohl er nach dem frühen Tod der Eltern bei Verwandten in Berlin aufwuchs. Schon mit 16, in den Endwirren der Weimarer Republik, wurde der Gymnasiast dort zum Kommunisten. 1933 ging Hobsbawm, der die britische Staatsbürgerschaft hatte, mit den Pflegeeltern nach London. Beim Geschichtsstudium in Cambridge traf er auf einen Zirkel brillanter Historiker, die gleichfalls Antifaschisten waren und wie Hobsbawm mit dem Aufbau des Sowjetsystems sympathisierten. Diese "Cambridge Group of Communist Historians", zu der Gelehrte wie E.P. Thompson und Christopher Hill gehörten, wirkte international schulebildend in der Sozialgeschichte und der politischen Ökonomie.

Nach dem Militärdienst von 1940 bis '46 blieb Hobsbawm lange Zeit ein akademischer Außenseiter – trotz unbestreitbarer wissenschaftlicher Kompetenz. Er arbeitete journalistisch als politischer Kommentator und als Jazzkritiker. Erst 1959 fand Hobsbawm eine Anstellung am Londoner Birkbeck College. Mit Studien über Banditen, Sozialrebellen und die englische Arbeiterbewegung machte er sich international einen Namen. Er wurde zum Universalhistoriker der kapitalistischen Entwicklung und des Imperialismus: ein unorthodoxer Kommunist, der den Marxismus als kritische Methode betrachtete, 1956 und 1968 gegen die Interventionspolitik der Sowjetmacht in Ungarn und der Tschechoslowakei protestierte, und trotzdem der britischen KP die Treue hielt. Bis die Partei sich 1991, nach dem Zerfall der Sowjetunion, auflöste – Resultat jenes "Erdrutsches", mit dem nach Hobsbawms Analyse das "Zeitalter der Extreme" endete.

Das Instrumentarium der politischen Ökonomie benutzte der marxistisch inspirierte Sozialhistoriker Hobsbawm weiterhin und beschrieb jene Prozesse, die wir heute als Globalisierung bezeichnen. Ein Weltbürger, der Gewinne und Verluste dieser menschheitsgeschichtlich entscheidenden Entwicklung kenntnisreich zu bilanzieren vermochte. Das lange 19. Jahrhundert, das von der Französischen Revolution bis zum Beginn des Ersten Weltkriegs reichte, setzte Hobsbawm in Kontrast zum kurzen 20. Jahrhundert: jener Epoche zweier Weltkriege, die überging in den Kalten Krieg, der erst 1989 endete. Alt wie Methusalem hat der Historiker Eric Hobsbawm, der 1917, im Jahr der russischen Oktoberrevolution geboren wurde, trotz dieser blutigen Geschichte den Glauben an die Überlebensfähigkeit der Gattung Mensch nie verloren.

"Die Menschheit hat das 20. Jahrhundert überlebt, eine der schwärzesten Epochen in der Geschichte. Ein Jahrhundert, das uns allen die Macht der menschlichen Barbarei klargemacht hat: Die Unfähigkeiten, die Fehleinschätzungen, die fast grenzenlose Fähigkeit zur Selbsttäuschung unserer Führer, die Dummheit, die Ignoranz, die Blindheit ihrer Völker. Und wir haben dieses Jahrhundert doch überlebt."

Beitrag hören

 
 
Dradio Audio
Kein Audio aktiv
 
 
 
 
 

Für dieses Element wird eine aktuelle Version des Flash Players benötigt.

Kultur heute

Ausstellung "Die Augustus-Revolution"Des Kaisers Polit-Marketing

Die Kopfplastik des römischen Kaisers Augustus wurde 1961 bei Ausgrabungsarbeiten in Mainz gefunden. Undatierte Aufnahme.

Kaiser Augustus, Adoptivsohn von Julius Cäsar, sorgte während seiner Amtszeit für viel Wirbel in Rom: So realisierte er etwa den von Cäsar eingeführten julianischen Kalender. Eine Ausstellung in Rom zeigt nun, welche Bereiche er noch revolutionierte und wie er seine Familie politisch nutzte.

Tschetschenien-Krieg Unheilvolle Spuren bis in die Gegenwart

Tommy Lee Jones Film "The Homesman" Frauen im Wilden Westen

 

Kultur

Anti-TheaterDie Sorgen eines Klimaforschers auf der Bühne

Satellitenaufnahme der Antarktis, aufgenommen vom ESA-Satelliten Sentinel 1A

Ein älterer Herr sitzt auf der Bühne und spricht über das Weltklima: In dem Stück "2071", das im Deutschen Schauspielhaus in Hamburg Premiere hatte, warnt der renommierte Klimawissenschaftler Chris Rapley vor der voranschreitenden Erderwärmung. Inhaltlich faszinierend, aber ästhetisch enttäuschend, findet Dirk Schneider.

"Die lächelnde Finsternis"Afrikanische Piratengeschichte voller traurig-wahrer Ironie

Außenansicht des Deutschen Theaters in Berlin bei Sonnenschein.

Wolfram Lotz Stück "Die lächerliche Finsternis" entstand als Hörspiel und zieht nun seine Erfolgsspur über die Theaterbühnen. Das Stück beschreibt sarkastisch den Blick des Westens auf Afrika. In ihrer Inszenierung am Deutschen Theater Berlin macht Regisseurin Daniela Löffner es sich damit allerdings zu einfach.

Jahresbericht "Reporter ohne Grenzen""Journalisten werden zu Feinden"

Demonstranten der Organisation «Reporter ohne Grenzen» stehen am 04.02.2014 vor der russischen Botschaft in Berlin. Protestiert wird gegen die Einschränkung der Pressefreiheit während der Olympischen Winterspiele in Sotschi.

"Die Situation der Pressefreiheit ist schlechter geworden", fasst Christian Mihr, Geschäftsführer von "Reporter ohne Grenzen", zusammen. Schuld seien die zunehmende Anzahl von verfallenden Staaten und privaten Gewaltakteuren. Journalisten würden in den Augen von Milizen wie IS oder Drogenkartellen zu Feinden, weil sie unangenehme Informationen vermittelten.