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Blindes Vertrauen

WikiLeaks-Server in Schweden

Von Alexander Budde

Screenshot der Wikileaks-Wesite.
Screenshot der Wikileaks-Wesite. (screenshot)

Mit der Publizierung von zugespielten Geheimdokumenten sorgt die Internetplattform WikiLeaks weltweit für Schlagzeilen. Das Pentagon und höchste Regierungsstellen in den USA sind emsig bemüht, die Quellen aufzuspüren und die angekündigten weiteren Enthüllungen zu verhindern.

In Schweden wähnt WikiLeaks-Gründer Julian Assange seine Server in Sicherheit - ob sich seine Informanten darauf verlassen können, wird bezweifelt.

Mikael Viborg ist gefragt in diesen Tagen. Der korpulente Schwede betreibt den schwedischen Webhoster PRQ, WikiLeaks zählt zu seinen prominentesten Kunden.

Journalisten aus aller Welt möchten einen Blick in jenen Kellerraum im Stockholmer Vorort Solna werfen, wo luftgekühlt die Server der kontroversen Internetplattform laufen. Doch Viborg öffnet die Tür nur einen Spalt weit, zu viel Offenheit ist schlecht fürs Geschäft:

"Sie lassen einen Teil ihres Traffic über schwedische Server laufen. Das sieht dann so aus, als käme das Material aus Schweden.
Ein Vorteil, wenn man mit seinen Adressen auf schwarzen Listen auftaucht."

Die Internetfirma PRQ wurde 2004 von Gottfrid Svartholm Warg und Fredrik Neij gegründet. Die schwedischen Hacker betrieben bis zu ihrer Verurteilung wegen Verletzung des Urheberrechts im April vorigen Jahres auch die Internettauschbörse "The Pirate Bay". Wie seine Kollegen versteht sich der gelernte Jurist Viborg, der nun bei PRQ formal die Geschäfte führt, als bedingungsloser Vorkämpfer der Informationsfreiheit:

"Wir bieten den Zugang und die Räumlichkeiten. Die Inhalte interessieren uns nicht. Die Kunden zahlen im Voraus und für die Sicherung sorgen sie selbst. Sie haben Schweden als Standort gewählt, weil man hier anonym bleiben kann. Wir führen keine Register. Wenn jemand sucht, endet die Spur bei uns."

Seine Firma diene vor allem solchen Kunden, um die andere aus Sorge um ihren guten Ruf einen weiten Bogen machten, sagt Viborg. Die Organisation Reporter ohne Grenzen wirft WikiLeaks und seinem australischen Gründer Julian Assange, eine unverantwortliche Gedankenlosigkeit im Umgang mit Informanten und Helfern der alliierten Truppen in Afghanistan vor. Ganz ähnliche Töne verlauten aus dem Pentagon. Anders Hellner vom Außenpolitischen Forschungsinstitut in Stockholm vermutet, dass die Amerikaner ihre Kanäle nutzen, um gegen WikiLeaks und seine Server und Unterstützer in Schweden vorzugehen:

"Seit den Anschlägen vom 11. September gibt es eine enge Zusammenarbeit der Geheimdienste. Durchaus möglich, dass amerikanische Behörden einen gewissen Druck ausüben, um ihre schwedischen Kollegen zum Handeln zu bewegen. Schließlich liegt es auch im schwedischen Interesse, dem westlichen Einsatz in Afghanistan nicht zu schaden."

Zwar rühmen sich die Schweden ihrer Pressefreiheit, die sie bereits 1766 in ihre Verfassung schrieben. Journalisten oder Amtsträger, die Informanten preisgeben, machen sich strafbar. Doch WikiLeaks wird sich im Streitfall kaum auf diesen umfassenden Quellenschutz berufen können, dämpfen Rechtsexperten wie Anders Olsson die Begeisterung. Wenn Assange seinen Informanten garantierte Anonymität zusichere, mache es sich der WikiLeaks-Chef zu leicht:

"Wenn er meint, er kann sich aus der Verantwortung schleichen, dann liegt er falsch. Auf den Quellenschutz kann sich nur berufen, wer seine Redaktion oder einen verantwortlichen Herausgeber bei der zuständigen Rundfunkbehörde registriert hat. Und den Tatbestand des Geheimnisverrats gibt es auch in Schweden. Bei Verdacht auf eine solche Straftat können auch schwedische Ermittler Beweise sichern und nach den Quellen fahnden."

Wie wenig zimperlich schwedische Ermittler mitunter gegen die neuen Medien vorgehen, stellten sie 2006 unter Beweis: Damals drangen die Beamten rabiat in die Serverfarm von PRQ ein, und fuhren die Server der "Pirate Bay" zu Dutzenden aufs Präsidium. Beweismaterial im späteren Prozess, den einflussreiche Lobbyisten der amerikanischen Musik- und Filmbranche gegen den vermeintlichen Freihafen der Web-Piraten angestrengt hatten.

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