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StartseiteForschung aktuellBlitzeis in den Bergen08.04.2010

Blitzeis in den Bergen

Künstliche Bewässerung soll den Schwund der Gletscher aufhalten

Glaziologie. - Die Alpengletscher sind akut durch steigende Temperaturen bedroht. Das bringt nicht nur Wintersportorte in Bedrängnis, sondern auch die Tiefländer ringsum, deren Wasserversorgung vom Schmelzwasser aus den Alpen abhängt. Jetzt soll Wasser auf die Eisflächen gesprüht werden, um ihren Schwund aufzuhalten.

Von Volker Mrasek

Die Alpengletscher sollen mit den verschiedensten Maßnahmen geschützt werden. (AP)
Die Alpengletscher sollen mit den verschiedensten Maßnahmen geschützt werden. (AP)

Man stelle sich vor, Augenzeuge der folgenden Szene zu werden. Sagen wir: irgendwo in den Alpen, auf einer Höhe von 2000 Metern:

"Wasser sprüht aus der Düse raus, ähnlich wie ein Rasensprenger. Dann trifft der Tropfen auf der bereits vorhandenen Eisfläche auf. Und der friert dann praktisch schlagartig an, wie man das auch von einem Eisregen kennt, wo der Asphalt unter null Grad hat. Und es regnet drauf, und dann ist Blitzeis. Und genau das passiert, aber sozusagen kontinuierlich – Meter für Meter Eisstärke."

Blitzeis! Autofahrern treibt es den Angstschweiß auf die Stirn. Für Eduard Heindl aber ist eine Hoffnung damit verbunden. Der ausgebildete Physiker, heute Professor für Wirtschaftsinformatik an der Hochschule Furtwangen im Schwarzwald, möchte das Spontan-Eis gezielt erzeugen. Dort, wo Gletscher heute auf die Klimaerwärmung reagieren und Masse verlieren. Heindls Idee: Man bewässert die schrumpfenden Eisströme, so wie Landwirte das mit ihren Äckern tun. Die Technik ist praktisch identisch. Der Forscher spricht von Gletscher-Reproduktion:

"Wir verändern die Massenbilanz in der Form, daß wir neues Eis aufbauen. Man kann wirklich große Gletscherflächen mit sehr viel Wasser versehen. Also, wir können jetzt in dem Maßstab natürlich das Klima als solches nicht verändern. Wir können aber den negativen Effekt – Verlust der Alpengletscher - eben kompensieren, eben indem wir ausreichend reproduzieren."

Im vorletzten Winter hat Heindls Arbeitsgruppe eine erste Testfläche im Schwarzwald angelegt, auf einem schattigen Nordhang. Täglich wurden dort 40 Kubikmeter Wasser versprüht – die Füllung eines Hausschwimmbades – und verwandelten sich tatsächlich in ein Eisfeld, das erst im Mai abtaute. Es traten aber auch Probleme auf. So fror die Bewässerungsanlage zeitweilig ein. Seit Oktober laufen nun wieder neue Versuche, und Heindl hält die Kinderkrankheiten des Systems für überwunden:

"Also, wir kennen jetzt die Eisbildungsgeschwindigkeit, die Abtaugeschwindigkeit. Wir wissen, wo die Temperaturgrenzen sind. Entscheidend ist: Man braucht eine elektronische Steuerung, die im wesentlichen die Temperatur misst und bei Temperaturen unter Null Grad Wasser versprüht. Und wenn es über Null Grad ist, wird das System natürlich abgeschaltet. Man will natürlich nicht unnütz Wasser weiter versprühen."

Es gibt bereits Pläne für weitere Tests, diesmal in den Schweizer Alpen, in der Nähe von Zermatt. Auf einer Fläche von einem Quadratkilometer wollen die Forscher dabei einen Meter Eis pro Jahr erzeugen. Dafür benötigen sie nach ihren Berechnungen 400 Wassersprinkler und 20 Kilometer Rohrzuleitung. Die Betreiber kommerzieller Gletscher-Skipisten sind de Ersten, die Interesse an Heindls Blitzeis-Methode zeigen:

"Die haben relativ große Reservoirs bereits angelegt, weil sie ja Schneekanonen betreiben. Und die müssen ja auch entsprechendes Wasser haben. Das heißt aus diesen Reservoirs kann man schöpfen. Der Vorteil ist: Unser System braucht nur ein Fünfzigstel der Energie, wie wenn man das mit Schneekanonen macht."

Andere Forscher sehen das Furtwangener Projekt dagegen mit großer Skepsis. Zum Beispiel Reinhard Böhm vom österreichischen Wetterdienst. Der Wiener Meteorologe glaubt zwar, daß die Methode funktionieren würde. Er selbst kenne Gletscher-Skipisten, bei denen sich die Abschmelzrate seit der Beschneiung mit Schneekanonen verringert habe. In großem Stil kann sich Böhm Sprinkleranlagen auf den Eisströmen aber nicht vorstellen:

"Das geht aus finanziellen und aus ästhetischen Gründen nicht, daß man sagt: Man rettet die Alpengletscher durch solche Maßnahmen."

Muss man die Alpengletscher überhaupt erhalten? Eduard Heindl sagt: Ja! In heißen Sommern sei ihr Schmelzwasser wichtig, um den Pegelstand der Flüsse nicht zu stark absinken zu lassen. Laut Böhm gilt das aber nicht in jedem Fall:

"Ich hab’ immer ein Beispiel in Österreich, weil ich ja von dort komme. Da gibt’s den berühmten Fluss, die Enns. Die war noch nie trocken, in keiner Trockenperiode der Vergangenheit. Die hat keinen einzigen Gletscher in ihrem Einzugsgebiet. Und Sie können dann gehen in den benachbarten Fluss, die Salzach, wo sehr viele Gletscher sind. Und es ist kaum ein Unterschied im Abflussverhalten."

Das Blitzeis-Projekt liefert also jede Menge Diskussionsstoff. Man darf gespannt sein, ob es am Ende wirklich umgesetzt wird – auf einzelnen Skipisten, oder sogar auf ganzen Gletscherfeldern.

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