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StartseiteCorsoIst das Mode oder kann das weg? 08.02.2018

Blog "Found on the street"Ist das Mode oder kann das weg?

Bücher, Elektrogeräte und Klamotten: In Berlin gibt es so gut wie alles auf der Straße, in Kisten mit der Aufschrift "zu verschenken". Der Schenker spart sich den Weg zum Sondermüll, der Beschenkte Geld und Ressourcen. Dieses Prinzip machen sich zwei junge Modebloggerinnen zu nutze.

Von Gesine Kühne

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(Deutschlandradio/Gesine Kühne)
Karina Papp vom Modeblog "Found on the street" auf Altkleidersuche in den Straßen Berlins (Deutschlandradio/Gesine Kühne)
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Gesine Kühne: "Ich habe auch eine kleine Zu-verschenken-Tüte gepackt, keine Kiste, draufgeschrieben "zu verschenken" - und vielleicht kannst du ja mal ein Auge drauf werfen, ob das was taugt."

Es ist ein eisiger, aber trockener Sonntag in Berlin. Bestes Wetter, um Sachen zu finden. Ich treffe Karina Papp, eine von zwei Macherinnen der Seite "Found on the Street", will mit ihr eben genau das tun, Sachen auf der Straße finden. Denn viele Stadtbewohner stellen immer wieder Sachen auf die Straße, die zu Schade für den Müll sind.

Karina Papp: "Oh, a beautiful pink pullover, it’s very nice."

Gesine Kühne: "Der ist aus Kaschmir, aber ich habe leider Pelzkäferchen und da sind lauter Löcher drin, dass heißt, ich kann den nicht mehr auf dem Flohmarkt verkaufen."

Ihr reicht das aus, was ihr die Straßen schenken

Karina machen die kleinen Löcher nichts, sie überlegt sofort, wie sie die flicken könnte. Sie nimmt den Pulli mit. Ihre Sammelleidenschaft hat vor fünf Jahren begonnen, als die Übersetzerin aus Sankt Petersburg nach Berlin zog.

Karina Papp: "Das erste Fundstück von der Straße war ein Stuhl. Ein sehr schöner Stuhl, den ich bis heute habe. Das mit der Kleidung kam danach von alleine."

Die 29-jährige ist weder zu arm für neue Klamotten, noch hat sie keine Lust auf Mode. Ihr reicht das aus, was ihr die Straßen schenken, wie sie es gern nennt. Karina trägt bei unserem Streifzug hochwertige Budapester-Lederschnürschuhe, eine trendige, knöchellange Jeans und einen übergroßen grauen Hoodie – alles von der Straße. Schal und Mantel sind aus dem Second-Hand-Shop. Karina nennt ihren Stil "Berlin-Style" - und genau das ist es. Ein wilder, dennoch stimmiger Mix von lässigen Klamotten, die weder ranzig noch billig aussehen. Übrigens Scham, in den Kisten zu wühlen, verspürt sie nicht, noch weniger Ekel.

Individuell und stilbewusst

Karina Papp: "Es steht auf der Straße, um mitgenommen zu werden. Wie deine Sachen, frisch gewaschen, aus dem Schrank. Ich meine, alles, was ich sonst kaufe, ist aus dem Second-Hand-Laden. Das ist doch das gleiche!"

Um die Welt darauf aufmerksam zu machen, welche Schätze die Straße bieten kann, hat sie im Herbst 2017 mit ihrer Freundin Anna Vladi ihre Instagramseite "Found on the Street" gegründet. Hier zeigen die zwei Frauen, wie individuell und auch stilbewusst man sich mit Mode von der Straße kleiden kann und zwar ohne der konsumistischen Gesellschaft zum Opfer zu fallen. Die professionellen Fotos, mal im Detail, mal Ganzkörper, gaukeln einem Katalogatmosphäre vor. Und genau das wollen die jungen Frauen, um ihrem Anliegen auch visuell Nachdruck zu verleihen.

Karina Papp: "Wir wollen den Leuten zeigen, dass es viele Wege gibt, an Sachen ranzukommen. Es muss nicht immer Konsum sein. Deshalb ist unser Blog auf Instagram, denn ich finde diese Plattform ganz besonders konsumorientiert. Es geht immer nur ums Kaufen, Kaufen, Kaufen. Und wir zeigen den Usern halt: Leute, ihr könnt auch modisch sein, ohne euch immer Sachen zu kaufen."

Das meiste auf der Welt ist viel zu kurz im Umlauf

Bevormunden möchte Karina mit dieser Art zu leben niemanden. Eher inspirieren. Denn wer wenig hat, schätzt seine Sachen eher, pflegt sie besser. Wer nicht immer dem neusten Trend hinterher jagt, wird sein eigener Stylist und kopiert nicht nur, was er auf Plattformen wie Instagram sieht. Karina Papp ist der Meinung, dass es alles auf der Welt gibt, im Übermaß, aber das meiste nur viel zu kurz im Umlauf ist.

Karina Papp: "I take this one..."

Nach einer Stunde spazieren haben wir eine Bank voll mit Kinderbüchern entdeckt, eine Funktionsjacke und eine Weste, Obstkörbe zum Aufhängen und Bilderrahmen. Karina nimmt neben dem pinkfarbenen Kaschmirpullover von mir noch ein kleines buntes Säckchen für Kräuter heute mit. Denn die gebürtige Russin hat nach eigenen Aussagen zwar nicht viel, aber genug.

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