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StartseiteTag für TagLebensgefährlicher Atheismus 03.07.2015

Blogger in BangladeschLebensgefährlicher Atheismus

Apostasie, der Abfall vom Glauben, führt in einigen islamischen Ländern zum Tod. Der 31-jährige Blogger Asif Mohiuddin hat es am eigenen Leib erfahren: Beinahe wäre er einem Mordanschlag zum Opfer gefallen. In Bangladesch ist eine freie Meinungsäußerung in Religionsfragen kaum möglich. Nun hat er in Hamburg Schutz gefunden. Aber auch hier kann er nur schwer über seine Vorstellungen sprechen.

Von Thomas Klatt

Blumen liegen als Zeichen der Trauer auf einer Straße in der Nähe des Hauses des ermordeten Bloggers Avijit Roy in Dhaka. (pa/dpa/EPA/Abdullah)
Immer wieder werden in Bangladesch Blogger getötet. (pa/dpa/EPA/Abdullah)
Weiterführende Information

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(Deutschlandfunk, Aktuell, 16.01.2015)

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(Deutschlandfunk, Tag für Tag, 04.11.2014)

Es fing damit an, dass er schon als Schuljunge einfach nur Fragen stellte, erinnert sich Asif Mohiuddin. Er bekam aber nie Antworten, die ihn zufrieden stellten.

"Wir feiern einmal im Jahr das Eid Al-Adha-Fest und schlachten in muslimischen Familien in Bangladesch eine Kuh oder andere Tiere. Ich war von all dem Blut geschockt. Warum tut ihr das? Und meine Eltern sprachen, Allah ist darüber glücklich, dass wir ihm eine Kuh schlachten."

Dies geschieht in Erinnerung daran, dass Ibrahim statt seines Sohnes in letzter Minute ein Opfertier schlachtete und so sein Vertrauen zu Gott bewies. Die berühmte Geschichte des Urvaters dreier Weltreligionen wird nicht nur im Islam, sondern auch im Judentum und Christentum bis heute erzählt und gelesen. Für den jungen Asif ist sie aber eine Geschichte verabscheuenswürdiger Brutalität.

"Ich möchte diesen Gott nicht anbeten. Abraham hatte doch ein psychisches Problem, auf Gottes Geheiß hin seinen Sohn töten zu wollen. Wenn er in heutigen Zeiten leben würde, würde er in eine Psychiatrie eingeliefert und nicht als Prophet verehrt werden."

Die Freiheit, auch ohne Religion zu leben

Mohiuddin begann Bücher zu lesen, nicht nur den Koran, sondern auch andere heilige Schriften, die Bibel oder die Bhagavad Gita. Doch auch andere Religionen haben ihn nicht überzeugt. Zudem erlebte er immer wieder die brutalen Auseinandersetzungen zwischen Muslimen und Hindus in seinem Land. Weder seine Eltern noch seine Lehrer konnten ihn überzeugen, dass er ein guter Muslim sein und Allah gehorchen müsse.

"In meiner Schule sagte mir mein Lehrer, wenn ich Gutes tue, dann werde ich mit Jungfrauen im Himmel belohnt. Ich war überrascht. Was soll ich mit Jungfrauen? Ich fragte meinen Lehrer, wieso Gott mir Jungfrauen anbietet? Das halte ich nicht unbedingt für eine gute Sache. Und mein Lehrer antwortete: Wenn Du nicht Gott gehorchst, wirst Du in die Hölle kommen."

Asif Mohiuddin beschreibt dies als eine ganz normale Unterrichts-Situation in den Schulen von Bangladesch. Vor allem wollten ihm seine Lehrer beibringen, dass Juden und Christen die Feinde Allahs seien und man sie deshalb als Muslim bekämpfen müsse. Noch viel schlimmer aber sei die Indoktrination in den privaten Madrasas, die aus Saudi-Arabien finanziert werden.

"Ich nenne diese Madrasas Produktionshäuser für Terrorismus und Fundamentalismus. Sie werden von Millionen Schülern in Bangladesch besucht. Bangladesch ist ein sehr armes Land. Die Familien haben meist viele Kinder, ich selbst bin das neunte in meiner Familie. Es können nicht alle genug Essen und eine gute Ausbildung bekommen. Die Madrasas bieten den armen Eltern an, ihnen ein bis zwei Kinder im Alter zwischen acht und zehn Jahren abzunehmen. Sie sagen: Wir geben Euren Kindern gutes Essen, gute Erziehung, Sicherheit, einen guten Ort zu leben und saubere Kleidung. Aber die Eltern können nicht sehen, was in den Madrasas wirklich passiert. Die Kinder werden geschlagen. Sie werden trainiert, Bomben zu bauen und Waffen zu gebrauchen. Die Regierung will das aber gar nicht so genau wissen, was in den Madrasas geschieht."

In den Schulen seiner Heimat sei es normal, Schüler zu schlagen. Er sei oft dafür gemaßregelt worden, dass er nicht an Allah glaubt und sich dazu öffentlich bekennt. Erst auf dem College hätten diese Züchtigungen aufgehört. Mohiuddin begann, sich politisch zu engagieren, gegen Polizeigewalt, für Frauenrechte und für mehr Demokratie. 2006 begann er mit seinem eigenen Blog.

"Ich schrieb, dass ich Atheist bin. Dann fingen die Chats an: 'Du bist doch ein Muslim, das solltest Du nicht schreiben!' 'Wieso? Ich bin Atheist, es ist mein Recht darüber, zu schreiben, wie durch die Religion Frauen unterdrückt und Kinder psychisch missbraucht werden.' 2008 wurde ich dann das erste Mal angegriffen, immer wieder, dann versuchten sie mich zu entführen. Ich habe überlebt."

Attacken auch in Deutschland

In Bangladesch gilt Mohiuddin als Staatsfeind. Dass er eine monatelange Gefängnishaft überlebt hat, sei auch dem Umstand zu verdanken, dass er mehrere Journalistenpreise und Blog-Awards erhalten habe. Das internationale Interesse habe ihm in Bangladesch einen gewissen Schutz und Unterstützung durch Gleichgesinnte gewährt. Dennoch, im Januar 2013, wurde der Menschenrechts-Aktivist mit einem Hammerschlag auf den Kopf und 53 Messerstichen fast tödlich verletzt. Er musste fliehen.Heute lebt er auf Einladung der Hamburger Stiftung für politisch Verfolgte in Deutschland. Sein genauer Aufenthalt bleibt geheim, denn auch hierzulande erlebt er Muslime, die seine Art des Denkens und Schreibens nicht akzeptieren können.

"Ich sprach mit vielen Flüchtlingen aus Syrien, Palästina, Libyen. Die Diskussion war recht unangenehm. Einer sagte mir, dass es doch nicht richtig sei, dass die Frauen in Deutschland so viele Freiheiten genießen. Außerdem gebe es hier in Deutschland viel zu viele Schwule und Lesben. Und ich sagte ihm, was denn sein Problem sei. Ob sie nun schwul oder lesbisch sind, das sei doch ihre Sache."

Viele muslimische Flüchtlinge würden ihre traditionellen Vorstellungen und Rollenbilder mit nach Deutschland bringen. Eine aufgeklärte Diskussion sei da kaum möglich, meint Asif Mohiuddin

"Da war ein palästinensischer Flüchtling, der immer Israel kritisierte. Ich sagte ihm: 'Okay, aber dann musst Du auch die Taten der Hamas kritisieren.' Er wurde sehr ärgerlich: Hamas sei eine großartige politische Partei. Er beschimpfte mich als israelischen Mossad-Agenten, der für seine Meinung aus Israel bezahlt würde. Ich werde in solchen Situationen immer recht ängstlich. Ich kann in ihren Gesichtern sehen, wenn sie die Chance hätten, mit mir in einem muslimischen Land zu sein, würden sie mich strafen und schlagen."

Von Deutschland aus versucht Asif Mohiuddin eine Oppositionsbewegung in seiner Heimat aufzubauen. Wann und ob er als bekennender Atheist aber jemals wieder nach Bangladesch zurückkehren kann, ist völlig offen.

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