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StartseiteWissenschaft im BrennpunktBlut aus der Retorte22.01.2006

Blut aus der Retorte

Wege, Irrwege, Umwege

"Spenden Sie Blut - ihre Spende kann Leben retten." So oder ähnlich lauten alljährlich die Aufrufe, insbesondere kurz vor der Urlaubszeit, denn dann kommt es regelmäßig zu Engpässen in den Krankenhäusern, weil nicht genügend Blutkonserven zur Verfügung stehen. Insgesamt ist das Blutspenden in Deutschland aber gut organisiert, jeden Tag spenden rund elftausend Menschen hier einen halben Liter des roten Körpersaftes. Viele dieser Spenden landen beim Roten Kreutz und werden dort gründlich untersucht, wie Friedrich-Ernst Düppe vom Blutspendedienst West des DRK weiß:

Von Kay Müllges

Blutkonserven werden eingelagert (AP)
Blutkonserven werden eingelagert (AP)

" Wir untersuchen bei jeder Spende erneut die Blutgruppe. Vergleichen die Untersuchungsergebnisse mit den uns bekannten Ergebnissen früherer Spenden, Blutgruppe verändert sich ja nicht und haben damit eine zusätzliche Sicherheit auch vor Verwechslungen. Bei Erstspendern, wo wir keine Vergleichsmöglichkeit haben, wird eine Blutgruppenbestimmung dreimal durchgeführt, auf drei unterschiedlichen Systemen und vor allen Dingen an zwei unterschiedlichen Tagen. Um zu sagen, das ist die Blutgruppe des Erstspenders. "

So gründlich war man früher nicht. Die erste Bluttransfusion bei einem Menschen führte der französische Arzt und Mathematiker Jean Baptiste Denis 1667 durch. Er übertrug das Blut eines friedlichen Kalbes einem äußerst aggressiven Ehemann, der seine Frau verprügelte. Man glaubte damals Blut trage Charaktereigenschaften. Ein furchtloser Soldat hatte danach mutiges Blut, ein Verrückter aufgewühltes und so weiter. Also musste es doch möglich sein, zum Beispiel den Aggressiven durch die Gabe ruhigen Blutes zu beruhigen. Genau das versuchte Denis mit seinem Experiment. Und, so schien es, erfolgreich denn der Empfänger des Kälblein-Blutes übergab sich mehrfach und urinierte anschließend in langem, fast schwarzen Strahl. Ganz offensichtlich verließen ihn die aggressiven Säfte!

Heute wissen wir, dass der Mann an einer schweren Transfusionsreaktion litt und nur mit Glück überlebte. Tierblut enthält Proteine, die dem menschlichen Blut völlig fremd sind. Wenn derlei Substanzen in den menschlichen Körper eindringen reagiert dieser sehr rasch und dramatisch: er mobilisiert Antikörper, um die Angreiferzellen zu zerstören. Rote Blutkörperchen sterben millionenweise ab und das oxydierte Hämoglobin färbt den Urin schwarz.

Der Patient überlebte also nur durch Zufall - allerdings nur kurz, denn die Ehefrau des Mannes, die offensichtlich schon zu lange unter ihrem Gatten litt, verabreichte ihm
bevor es zu einer weiteren Transfusion kommen konnte ein tödliche Dosis Arsen und brachte so Ehe und Experiment zu einem jähen Ende. Ganz offensichtlich war die arme Frau nicht mit den Theorien des deutschen Arztes Johann Sigismund Elsholtz vertraut, der in eben jenem Jahr 1667 die Transfusion als Mittel bei Eheproblemen empfahl. Das Blut eines melancholischen Gatten, so Elsholtz könne durch das seiner lebensfrohen Gattin aufgefrischt werden und so das Verständnis zwischen den Ehepartnern verbessern. Was Elsholtz vorschwebte war also eine Art Paartherapie ohne das ganze Gerede. Doch die Bluttransfusion geriet schon nach kurzer Zeit in Verruf aus dem einfachen Grunde das kaum jemand sie überlebte. Schon bald wurde sie ganz verboten. Erst als der junge Wiener Arzt Karl Landsteiner Anfang des 20. Jahrhunderts entdeckte, dass es unterschiedliche Blutgruppen gibt und das diese sich nicht immer miteinander vertragen wurde die Bluttransfusion vergleichsweise sicher.

Allerdings blieb die Transfusion ein komplizierter Eingriff, denn man musste Spender und Patient zusammenbringen und nebeneinander legen, damit das Blut direkt vom einem zum anderen übertragen werden konnte. Dabei wurden entweder verschiedene Adern des Spenders und des Empfängers über lange Kanülen miteinander verbunden oder man verband beider Schlagadern direkt miteinander. Bei beiden Verfahren war es schwierig abzuschätzen, wann der Patient genügend Blut erhalten hatte. Manchmal ließ der durchführende Chirurg den Spender deshalb eine Zigarette rauchen: Fiel sie ihm aus der Hand wurde es Zeit die Transfusion zu beenden. Erst 1914 wurden Methoden entwickelt das Blut auch außerhalb des Körpers gerinnungsfähig zu erhalten. Die Blutkonserve war geboren. Und der Zeitpunkt hätte nicht günstiger sein können, denn der 1. Weltkrieg mit seinen Millionen schwer Verletzten erforderte ganz neue Mengen an Blut für Transfusionen.

Die Blutgruppenbestimmung steht auch heute am Beginn jeder Blutspende. Hinzu kommt die Testung auf mögliche Krankheitserreger im Blut. Friedrich-Ernst Düppe:

" Hier wird das gesamte Spektrum abgearbeitet, was bei Blutkonserven heute untersucht wird, also alle Infektionsparameter auf die durch Blut übertragbaren Krankheiten, mit der Einschränkung, für die uns Testverfahren zur Verfügung stehen. Das sind Hepatitis A, B, C, das ist HIV, das ist Syphilis oder Lues."

Und seit etwa einem halben Jahr können die Hagener Forscher mit Hilfe der PCR-Testung HI und Hepatitis-Viren auch direkt nachweisen und so die so genannte diagnostische Lücke, die bei herkömmlichen Tests immer besteht deutlich verkürzen. ...

Die Untersuchung der Blutspenden im Hagener Zentrallabor ist hochautomatisiert. Die Blutspenden des Tages werden bis 22:30 Uhr angeliefert. Am Morgen des nächsten Tages beginnt in einem separaten, großen Laborraum die eigentliche Testung in einer ebenfalls vollautomatischen Auswerte- und Pipettiereinheit, einer so genannten Quadriga.

Diese Quadriga kann gleichzeitig vier Platten mit Proben aufnehmen, daher der Name. Ein Roboter fährt hin und her und transportiert die Probenplatten in die Auswerteeinheiten auf der anderen Seite der Quadriga. Dort werden den Proben Reagenzien zugefügt, sie werden bei Bedarf erhitzt und nacheinander auf die diversen Krankheitserreger getestet. Und: die Automatisierung ist hier so weit fortgeschritten, dass der Automat von selbst meckert, wenn etwas im Ablauf nicht richtig funktioniert:

Sprechende Analyseautomaten, Reinräume für die PCR-Testung und jede Menge Kontrollverfahren - der Aufwand, der heute für die Untersuchung von Blutkonserven getrieben wird ist enorm. Doch das hat seinen guten Grund, denn in den achtziger Jahren fielen Tausende ungenügend getesteten Blutkonserven zum Opfer.

Anfang der achtziger Jahre des letzten Jahrhunderts tauchte zunächst in den USA eine rätselhafte neue Krankheit auf: AIDS. Doch obwohl die Krankheit die Mediziner alarmierte dauerte es aus verschiedenen Gründen Jahre bevor Blutkonserven und Blutspender auf sie getestet wurden. Ein Versäumnis für das viele Menschen einen hohen Preis bezahlten. Im Verlauf der blutbedingten AIDS Epidemie zogen sich mindestens die Hälfte der amerikanischen Bluter - fast zehntausend -und zwölftausend andere Transfusionsempfänger das Virus zu. Weitere Hunderttausende erkrankten an Hepatitis C. Weltweit wurden mehr als vierzigtausend Menschen nach Bluttransfusionen positiv auf HIV getestet.

Zumindest in den entwickelten Industrieländern hat man aus diesen Erfahrungen allerdings gelernt. Heute ist eine Blutkonserve in den USA oder Deutschland sogar sicherer als in den Zeiten vor AIDS. Schon die Auswahl der Spender ist so streng, dass viele Menschen gar nicht erst zur Spende zugelassen werden. So führt zum Beispiel die Einnahme gewöhnlicher Allergiemittel bereits zu einem einmonatigen Ausschluss. Ein Urlaub in einem Malaria-Gebiet ist gleichbedeutend mit einer Sperre von sechs Monaten. Gar nicht spenden dürfen unter anderem Drogenabhängige, Prostituierte und Häftlinge. In der Praxis schrillen in Deutschland etwa bei jeder 30.000sten Spende die Alarmglocken: wenn der Test ein positives Ergebnis zeigt, wird die Blutprobe sofort gesperrt.

Auch wenn durch all diese Maßnahmen das Risiko sehr gering geworden ist sich durch eine Blutkonserve mit AIDS oder Hepatitis zu infizieren, andere Risiken existieren nach wie vor. Harvey Klein, von den National Institutes of Health, der Gesundheitsbehörde der Vereinigten Staaten kennt die aktuell wichtigsten:

" Bakterien in Gerinnungsfaktoren sind vermutlich das wichtigste Risiko bei Bluttransfusionen. Etwa eine von dreitausend Einheiten ist infiziert und von fünfzigtausend Menschen, die solche Medikamente erhalten, wird einer ernsthaft krank. Das andere Transfusionsrisiko über das wir heute besorgt sind ist nicht-infektiös. Oft wird dem Patienten das falsche Blut gegeben. In den Vereinigten Staaten passiert das etwa bei jeder 12.000sten Konserve."

Es sei schon erstaunlich, meint Harvey Klein, das man in jedem Supermarkt die Herkunft jedes Produktes genau und minutiös verfolgen könne, aber in den Krankenhäusern so oft Blutkonserven verwechselt würden. Und noch etwas anderes treibt den Forscher um:

" Die Welt ist ein globales Dorf und das heißt auch, das eine Krankheit, die heute irgendwo in Afrika auftritt morgen schon in London und übermorgen in San Francisco sein kann. Es ist keineswegs ausgeschlossen, das eine Krankheit, an die wir heute nicht einmal denken, durch Blut übertragen werden kann und wir haben derzeit keine Technologie das zu verhindern."

Obwohl die Transfusion von Fremdblut heute sehr sicher geworden ist, bleiben also noch immer gewisse Restrisiken. Hinzu kommt das Problem der demographischen Entwicklung. Die Menschen werden immer älter, unterziehen sich immer häufiger auch im Alter großen Operationen bei denen viele Blutkonserven gebraucht werden. Experten gehen davon aus, dass Spenderblut schon in zwanzig bis dreißig Jahren Mangelware sein könnte. Seit mehr als einem Vierteljahrhundert suchen Wissenschaftler in aller Welt daher nach Alternativen zur Blutspende.

8. Februar 1979. Der 73jährige Arzt und Gründer der japanischen Blutbank Ryoichi Naito liegt in einem Krankenhausbett, aus dem überall Katheter und Elektroden ragen. Um ihn herum besorgte Ärzte und Kollegen, denn Naito hat sich zu einem Aufsehen erregenden Selbstversuch entschlossen. Er hat über eine ungewöhnliche Flüssigkeit, genannt Fluosol gelesen. Fluosol gehört zu einer Klasse von Substanzen, die man als Perfluorcarbone bezeichnet und hat die besondere Eigenschaft, dass es große Mengen gelösten Sauerstoffs aufnehmen kann. Erste Tierversuche, die Naito mit der Flüssigkeit durchführt verlaufen insgesamt positiv, obwohl die Tiere einen schnellen, aber vorübergehenden Blutdruckabfall zeigen - ein Hinweis auf eine allergische Reaktion. Obwohl ein befreundeter Arzt ihn warnt, die Art dieses bei den Versuchstieren beobachteten Blutdruckabfalls könne einen Menschen töten, entschließt sich Naito zu seinem Selbstversuch. Die Ärzte infundieren ihm zunächst einen Milliliter Fluosol und warten eine halbe Stunde lang auf eine Reaktion. Als die Instrumente keine abnormen Werte zeigen, geben sie einige Milliliter mehr dazu, bis sie insgesamt 20 Milliliter infundiert haben. Naito zeigt auch in den nächsten 24 Stunden keinerlei ungewöhnliche Reaktion und kann gesund nach Hause gehen.

Naitos heroischer Selbstversuch bahnte einer Fülle von Forschungsvorhaben den Weg die einen alten Traum wahr machen sollten - einen Ersatz für rote Blutkörperchen, ohne deren Nachteile zu finden. Ganz im Sinne Naitos experimentierte man dabei zunächst mit der reinen Chemie, den so genannten Perfluorcarbonen. Was das ist, erklärt Oliver Habler vom Institut für Anästhesiologie der Uniklinik Frankfurt am Main:

" Diese PFC sind rein synthetisch hergestellte Substanzen auf der Basis von Fluorkohlenwasserstoffen. Ähnliche Substanzen befinden sich in der Teflonbeschichtung von Bratpfannen, weil sie metabolisch sehr inert sind, sagt der Wissenschaftler. Das heißt sie reagieren eigentlich mit keiner anderen Substanz im Körper."

Und genau das ist der Vorteil dieses vollkommen künstlichen Blutes. Denn erstens ist es aufgrund seiner kontrollierten Herstellung in der Fabrik garantiert frei von infektiösen Erregern und zweitens kann es eigentlich nicht zu irgendwelchen Abstoßungsreaktionen kommen. Außerdem sind diese Stoffe sehr wirksam, denn das Perfluorcarbon das über die Atmung in der Lunge mit Sauerstoff gesättigt wird, gibt diesen bei der Passage durch den Blutkreislauf zu 100 Prozent wieder an die Kapillare ab. Allerdings haben Perfluorcarbone auch einen entscheidenden Nachteil: sie sind völlig wasserunlöslich. Das heißt man muss sie emulgieren bevor sie einem Patienten beispielsweise in die Vene gespritzt werden können. Was bei diesem Emulsionsprozess entsteht ist eine milchige Lösung die ganz und gar nicht wie Blut aussieht:

" Interessanterweise erkennt der menschliche Organismus diese Emulsionströpfchen, die zwar sehr, sehr klein sind, aber eben Tröpfchen sind, als Fremdkörper und sein Immunsystem beginnt gegen diese Perfluorcarbontröpfchen anzuarbeiten und das bedingt, das PFC nur in sehr geringer Menge appliziert werden können, verabreicht werden können."

Man kann die Perfluorcarbone also nicht als Blutersatz bei großen Blutverlusten eines Patienten einsetzen. Ihr Einsatzfeld im Operationssaal könnte eher darin liegen bestimmten Patienten während der OP eine kleine Menge Perflurcarbonlösung zu geben, so seine Sauerstoffversorgung zu stabilisieren und in der Zwischenzeit das durch die Operation entstandene Wundblut zu sammeln und anschließend wieder zurückzugeben. Auf diese Weise könnte man, so die Hoffnung, auch den Verbrauch an Blutkonserven reduzieren. Bislang sind rund 600 Patienten mit solchen Perfluorcarbonen therapiert worden, die Ergebnisse sind durchaus viel versprechend, aber die Patientenzahl ist noch viel zu gering, um gesicherte Erkenntnisse zu haben.

Die Chemie hat also ihre Grenzen und so nimmt es nicht wunder, dass Forscher in aller Welt seit einiger Zeit versuchen Blutersatzstoffe aus richtigem Blut, genauer aus den isolierten roten Blutkörperchen, dem Hämoglobin herzustellen. Künstliche Sauerstoffträger könnte man zum Beispiel aus abgelaufenen Blutkonserven gewinnen, meint Thomas Standl vom Klinikum Solingen:

" Also der Grundgedanke war ausgemusterte Blutkonserven zu benutzen, die man ja in aller Regel vernichten muss. Das gilt auch für das so genannte Eigenblut, das Patienten gespendet haben. Wenn das nicht gebraucht wurde, im Rahmen der OP, dann wird das eben vernichtet, als Eigentum des Patienten. Ansonsten entstehen eben auch Blutkonserven tagtäglich in zig tausendfacher Menge, die letztendlich aufgrund von Verfallsdaten nicht benötigt werden."

Die andere Möglichkeit solche Hämoglobinlösungen herzustellen besteht darin die roten Blutkörperchen von Schweinen oder Rindern zu isolieren. Schweine- oder Rinderblut ist dem menschlichen sehr ähnlich und wenn man es entsprechend reinigt treten deshalb keine Immunreaktionen auf. Lange Zeit hat man in der Forschung vor allem auf Rinderblut gesetzt, die BSE-Krise führte allerdings zu einem gewissen Dämpfer. Doch bis heute arbeitet die Industrie fieberhaft an solchen so genannten bovinen Hämoglobinlösungen. Allerdings: die Hämoglobinlösungen, ganz gleich ob aus tierischem Blut oder menschlichen Blutkonserven gewonnen, haben Nebenwirkungen erklärt Oliver Habler:

" Nicht umsonst ist der rote Blutfarbstoff normalerweise in einem roten Blutkörperchen. Der Körper ist nicht darauf eingestellt diesen isolierten Blutfarbstoff zu erhalten ohne den Schutzmantel des Blutkörperchens, da gibt es hauptsächlich die Nebenwirkung der Gefäßverengung."

Schlechte Erfahrungen mit solchen Nebenwirkungen hat das amerikanische Pharmaunternehmen Baxter gemacht. Dabei sah die Sache anfangs sehr gut aus. Aus abgelaufenen Blutkonserven destillierten sie ein Präparat mit dem Namen HemAssist, das Mitte der neunziger Jahre als am meisten versprechender Kandidat für einen künstlichen Blutersatz gehandelt wurde.

" Wir konnten im Schweinemodell nachstellen, das die Überlebensrate von Tieren, die diese Lösung erhalten hatten, besser war, als die von Tieren, die nach dem konventionellen Konzept behandelt werden."

In solchen Tierexperimenten werden Schweine in eine tiefe Narkose versetzt und anschließend wie ein menschlicher Patient im OP einem kontrollierten Blutverlust unterzogen. Genau dann wenn in der Klinik einem Patienten künstliche Sauerstoffträger gegeben würden, erhalten sie die Schweine. Doch wie so oft in der Medizin stellte sich auch hier heraus, dass es einen Unterschied macht, ob man solche Versuche im Labor durchführt oder unter realen Bedingungen. Im April 1998 musste Baxter eine Studie an Unfallpatienten vorzeitig abbrechen. Nur 54 Prozent derjenigen hatten überlebt, die HemAssist zum Ausgleich von Blutverlusten erhalten hatten. Die Überlebensrate der Kontrollgruppe hingegen, denen die Ärzte lediglich einfache Salzlösungen gegeben hatten, lag bei 83 Prozent.

Trotz dieses Rückschlages wurde auch in den Jahren danach weiter an der Entwicklung von Hämoglobinlösungen gearbeitet. Am weitesten entwickelt sind derzeit zwei Produkte: ein Präparat aus Rinderblut, das Hemopure der Firma Biopure in Cambridge, Massachusetts hat als bislang einziger Blutersatzstoff eine medizinische Zulassung, allerdings nur in der Republik Südafrika, wo die Situation infolge der AIDS-Krise eine ganz besondere ist. Klinische Tests des Produkts in Südafrika sind auf dem Weg, Resultate bislang allerdings noch nicht bekannt. Kritiker wenden allerdings schon jetzt ein, dass das Produkt mit einem Preis von circa 1000 US-Dollar viel zu teuer für einen massenhaften Einsatz in einem afrikanischen Land ist. Das zweite Produkt, aus abgelaufenen menschlichen Blutkonserven, ist das Polyheme der Firma Northfield in Chicago. Es befindet sich in der Schlussphase einer so genannten Phase-III-Studie an Unfallpatienten mit massiven Blutverlusten.

Bei Studien dieser Art stellt sich übrigens ein besonderes Problem, denn die Studienteilnehmer sind nach einem schweren Unfall naturgemäß nicht in der Lage in das Experiment einzuwilligen. Dazu Ernest Moore, der an der University of Colorado in Denver diese Studie leitet:

" Um die Studie überhaupt beginnen zu können, mussten wir die Leute aufklären. Über etwa sechs Monate haben wir uns mit diversen Gemeinden und Nachbarschaftsgruppen getroffen und diese medizinischen Laien das Konzept der Studie erklärt und warum wir keine Einwilligung der Patienten einholen können. Und dann haben wir die Leute nach ihrer Meinung dazu befragt. Und diese Antworten sind dann von der Ethik-Kommission der Universität begutachtet worden und erst als diese den Eindruck hatte, dass die Leute verstehen und akzeptieren was wir machen wollen, konnte wir mit der Studie beginnen."

Die Studie läuft, mit sicheren Ergebnissen ist aber erst in ein bis anderthalb Jahren zu rechnen.

Oktober 2003. Am Karolinska Institut in Stockholm wird erstmals an einem Patienten ein neuer Blutersatzstoff, das Präparat Hemospan getestet. Dieses neuartige Kunstblut markiert einen Paradigmenwechsel in der Suche nach alternativen Hämoglobinlösungen. Bei früheren Blutersatzprodukten, wie zum Beispiel dem erwähnten Hemassist der Firma Baxter, kollabierten bereits nach kurzer Zeit die Kapillaren, weil sie dem Bedarf des umliegenden Gewebes nicht nachkommen konnten. Es entstand ein Unterdruck. Die Forscher hatten fälschlicherweise angenommen, dass künstliches Blut dünner sein müsse als natürliches, damit es besser zirkuliert. Bei Hemospan hingegen handelt es sich um gefriergetrocknete rote Blutkörperchen aus menschlichem Spenderblut, die mit einer speziellen Substanz künstlich dicker gemacht werden als natürliches Blut.

Im Gegensatz zu frischem Blut ist der Ersatzstoff als Pulver jahrelang haltbar. Bei Bedarf wird es aufgelöst und dem Patienten injiziert. Das künstliche Blut ist zudem unabhängig von der Blutgruppe. Die Hauptfunktion, also den Transport von Sauerstoff erfüllt das künstliche Blut sogar besser als das echte. Allerdings hat auch dieses Präparat einen entscheidenden Nachteil. Es verliert innerhalb von 48 Stunden die Hälfte seiner Transportkapazität für Sauerstoff und ist deshalb nur in der akuten Notfallversorgung einsetzbar.

Ein Ansatz, der in vielen anderen Bereichen der Medizin heute schon fast als Königsweg gilt, wird bei der Suche nach Blutersatzstoffen übrigens nicht mehr verfolgt: die Gentechnik. Zwar hatte der Pharmakonzern Baxter nach seinem Desaster mit HemAssist zunächst alle Forschungsanstrengungen auf die gentechnische Herstellung von Hämoglobinlösungen gerichtet, dieses Forschungszweig dann aber vor zwei Jahren komplett eingestellt. Den Grund kennt Thomas Standl:

" Es gibt ein gentechnisch hergestelltes humanes Hämoglobin. Es gibt auch transgene Tiere, zum Beispiel Schweine und transgene Pflanzen, zum Beispiel Tabak die humanes Hämoglobin herstellen. Das Ganze ist enorm aufwändig und deshalb derzeit nicht finanzierbar."

Die verschiedenen Methoden künstliches Blut zu erzeugen sind also mehr oder weniger vielsprechend, haben aber auch spezifische Nachteile und müssen vor allem, bevor sie wirklich in der Klinik eingesetzt werden können, noch zahlreichen Tests unterworfen werden. Aber vielleicht könnte man ja auch einen anderen Weg gehen, sagten sich Wissenschaftler aus Frankreich. Vor fünf Jahren haben Forscher an der Universität Paris damit begonnen rote Blutzellen aus so genannten hematopoetischen Stammzellen außerhalb des Körpers im Reagenzglas zu züchten. Mit zunächst allerdings nur gemischten Erfolg.

" Indem wir bestimmte Wachstumsfaktoren, die jetzt erhältlich sind, benutzt haben, konnten wir Stammzellen kultivieren und sie vermehren. Wir haben aus einer einzigen hematopoetischen Stammzelle Tausende, manchmal Millionen gemacht. Allerdings gab es ein Problem: ausgereifte rote Blutzellen sind die einzigen Zellen im Organismus, die ihren Kern ausstoßen müssen, bevor sie in die Blutbahn gehen. Und das konnten wir im Reagenzglas nicht erreichen."

Doch jetzt ist den Forschern um Luc Douay im Labor auch dieser letzte Schritt gelungen. Der Trick mit dem sie das erreicht haben, besteht darin, im Reagenzglas Bedingungen wie im Knochenmark nachzustellen. Dort entwickeln sich ja auch im wirklichen Leben die roten Blutzellen bevor sie ihren Weg in die Blutbahn finden. In einem dreischrittigen Versuchsaufbau konnten die Forscher so tatsächlich voll funktionsfähige rote Blutzellen herstellen. Luc Douay:

" Nachdem wir mit hematopoetischen Stammzellen aus dem Knochenmark begonnen haben, konnten wir auf diese Weise aus einer Zelle hunderttausend neue kultivieren. Eine einzige Stammzelle aus dem Nabelschnurblut erbrachte sogar zwei Millionen neue Zellen. Und alle waren voll funktionsfähige rote Blutzellen."

In Versuchsmäusen verhielten sich diese Blutzellen aus dem Reagenzglas genauso wie normale menschliche Erythrozyten. Theoretisch könnten mit diesem Verfahren aus einer einzigen Blutstammzelle aus dem Nabelschnurblut fünf bis sechs Einheiten für eine Bluttransfusion gewonnen werden. Das so erzeugte Blut hätte gegenüber herkömmlichen Blutkonserven darüber hinaus den Vorteil länger haltbar zu sein. Das die übliche Blutkonserve nur 28 Tage hält hat seinen Grund darin, das in ihr stets Blutzellen in unterschiedlichsten Stadien ihres Lebenszyklus enthalten sind. Das Kunstblut aus dem Biolabor hingegen ist ja immer in allen seinen Bestandteilen sozusagen jungfräulich und hat deshalb eine Lebenserwartung von 120 Tagen. Allerdings hat auch dieses Verfahren seine Tücken:

" Die Zellkulturen sind nicht so einfach herzustellen, weil sie ganz bestimmte Bedingungen brauchen. Im Labor haben wir das schon machen können aber um das in größerem Maßstab zu erreichen, müssen wir unter anderem einen ganz neuen Bioreaktor entwickeln, der die Zellen automatisch kultiviert."

In zwei, vielleicht drei Jahren könne man aber so weit sein, meint Douay, dieses Kunstblut nicht nur im Biolabor, sondern in quasi industriellem Maßstab herzustellen. Eine vollmundige Behauptung, die man nicht allzu ernst nehmen sollte, denn alle bisherige Erfahrung mit der Suche nach dem Blut aus der Retorte zeigen, dass das ein langer und sehr steiniger Weg ist.

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