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StartseiteBüchermarktBlut im Schuh. Schlächter und Voyeure an den Fronten des Weltbürgerkriegs12.03.2002

Blut im Schuh. Schlächter und Voyeure an den Fronten des Weltbürgerkriegs

Eichborn, 346 S., EUR 27,50

Hans Christoph Buch ist ein Schriftsteller und kein Journalist! Das mache man sich von Anfang an klar, wenn man dieses Werk in die Hand nimmt! Ein Schriftsteller, der im Auftrag der internationalen Hilfsorganisationen wie <em>Rotes Kreuz</em> oder <em>terre des hommes</em> seit mehr als zwanzig Jahren an den Krisenorten der Welt unterwegs ist, und dessen Reportagen, die er meist für die <em>Zeit</em> schrieb, zu den schrecklichsten und stärksten Zeugnissen gehören über die Wirklichkeit des Krieges. Niemand kann heute sagen, er habe von nichts gewusst. Im Zeitalter der Globalisierung gibt es ohnehin keine entlegenen Orte mehr, binnen Stunden sind die Kamerateams an fast jedem Ort des Schreckens und zeigen ihre Bilder, mal sensationsheischend, mal pietätsvoll zensiert, je nach Kanal und Uhrzeit. Was treibt also einen Schriftsteller dazu an, diese Orte aufzusuchen?

Oliver Seppelfricke

Hans Christoph Buch weiß selber nicht genau, warum er sich an all diese Schauplätze des Grauens und der Gewalt begibt. Heißen sie Ruanda, Haiti, Kosovo oder Afghanistan. Er erlebt sich als passiven Beobachter, der "ohne in das Geschehen einzugreifen leidenschaftlich Partei ergreift", wie er schreibt. Es sei die Neugier auf die conditio humana, schreibt er, die Neugier zu wissen, was und wie der Mensch ist, zu welchen Taten er im Guten und Bösen fähig ist. Wie kann man "so etwas nur tun", lautet ja schließlich die Frage all derer, die nicht dabei sind! Hans Christoph Buch ist ehrlich genug, um von seiner eigenen Anziehung zum Grauen, zur Gewalt zu berichten. Und es ist auch dieser Antrieb gewesen, die Neugier, Lust und Ekel am Schrecken an sich selbst zu erleben, die Buch zu seinen Reisen animierte. Vom Kitzel, den die Allmacht der Gewalt ausübt, von den Machts- und Ohnmachtsgefühlen, die man haben kann. Als zum Beispiel ein junger Afrikaner in Sierra Leone von seinen Schachern fast gelyncht wird, ihm das Blut schon aus den Wunden fließt, die ihm die Messer der anderen auf die Haut geritzt haben, erlebt Buch an sich selbst die Faszination des Grauens, die "rauschhafte Erregung", wie er schreibt, Blut sehen zu wollen. Dabei hatte er den jungen Mann eigentlich schützen und befreien wollen! In einem Moment der extremen Gefühle "bricht die Barbarei unter dem Firnis der Zivilisation hervor", schreibt Buch von dieser Erfahrung, und diese Ehrlichkeit muss man erst einmal suchen in der Literatur! Doch ist Hans Christoph Buch kein Ernst Jünger, der sich an Extremsituationen berauscht und den Kitzel des Überlebens sucht. Er wolle etwas über sich selbst erfahren in Momenten des Grauens, wolle wissen, inwieweit in Extremsituationen Mitleid entsteht, inwieweit die menschliche Psyche abwehrt und verdrängt, inwiefern die Darstellung von Leiden Mitleid erregen kann oder nicht vielmehr Gleichgültigkeit notwendig ist. Die alte Frage also spätestens seit Lessings "Laokoon". Hans Christoph Buchs pessimistische Antwort auf die Frage, was der Mensch ertragen kann, was ihn erreichen, was ihn zum Mit-leiden anregen kann, was ihn innerlich treffen kann und wogegen er sich schützen muss, die Antwort lautet: Der Rückfall in die Barbarei ist jederzeit und überall möglich!

Hans Christoph Buch wollte aber auch wissen, wie Menschen am Anfang des 21. Jahrhunderts leben und wie sie sterben. Wer also wissen will, wie es zuging in Sarajewo, wie es war, jeden Tag sein Leben aufs Spiel zu setzen, wie es war, beim Straßenüberqueren mit dem Tod zu rechnen (oder vielmehr ihn besser zu verdrängen), wer wissen will, warum junge Afrikaner auf die Frage, warum sie ihre Brüder und Schwestern ermorden, mit der Antwort reagieren "Why not?!", oder welch perverse Blüten die Allgegenwart der Medien treiben kann, wenn nämlich zur Demonstration der Macht live vor laufenden Kameras hingerichtet wir, dann greife man zu diesem Buch. Vorausgesetzt man besitzt eine starke Haut und kann Szenen lesen wie diese:

Dass eine Leiche auf einer Müllhalde liegenbleibt, weil die Angehörigen Angst haben vor den Repressalien der machthabenden Mörder, wenn sie sie bestatten würden, bis schließlich der tote Körper vollends ausgeraubt worden und von streunenden Schweinen und Hunden aufgefressen ist; wer ertragen kann, dass am Swimmingpool des Hotels Mille Collines per Lautsprecher zum Lunch gerufen wird, während im Hutu-Flüchtlingslager Kibeho nebenan Tausende von Menschen massakriert werden, der greife zu diesem mutigen und notwendigen Werk. Das Reportagen vereint von den Orten des unglaublichen Grauens seit dem Jahr 1994. Denn die Sache der conditio humana braucht heute Engagement und nicht Lähmung!

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