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StartseiteSonntagsspaziergangUnterwegs mit dem Blutstropfen Christi13.05.2018

Blutritt in WeingartenUnterwegs mit dem Blutstropfen Christi

Jedes Jahr am Freitag nach Christi Himmelfahrt wimmelt es im oberschwäbischen Weingarten von Pferden, Pilgern und vornehm gekleideten Reitern. An diesem Tag steht der Blutritt an - Europas größte Reiterprozession. Ein Blutstropfen Christi wird dabei durch Wälder und Felder getragen.

Von Thomas Wagner

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Eine Gruppe von Reitern nimmt am Freitag (02.05.2008) am traditionellen Blutritt in Weingarten (Landkreis Ravensburg) teil. Im Vordergrund blüht gelber Löwenzahn.  (picture-alliance / dpa / Patrick Seeger)
Jedes Jahr am Freitag nach Christi Himmelfahrt findet der Blutritt statt (picture-alliance / dpa / Patrick Seeger)

"Mein Name ist Anja Röder, komme aus Weingarten, wohne jetzt da seit 20 Jahren und bin seitdem wie jedes Jahr auf dem Blutfreitag. Jetzt gleich ist es so, dass das große Tour aufgehen wird."

Weingarten in Oberschwaben, frühmorgens um 7 Uhr  – es verspricht ein sonniger Frühlingstag zu werden: Als sich das mächtige Tor der Basilika auf einer Anhöhe oberhalb des Stadtzentrums öffnet, wird es festlich: Vier Männer in Priestergewändern treten heraus. Sie tragen an einer langen Stange eine Monstranz. Und die übergeben sie an einen nicht minder festlich gekleideten fünften Mann: Rote Robe, schwarzer Hut – so kommt er ganz langsam auf einem Pferd  vor das Tor geritten.

"Jetzt wird die Reliquie an den Blutreiter übergeben. Gleich steht mir das Pferd auf den Fuß."

Der Moment der Übergabe ist nicht nur für Anja Röder, sondern für die meisten der vielen weiteren Tausend , die sich frühmorgens auf dem Hof vor der Basilika und in den Straßen und Gässchen Weingartens eingefunden haben, einer der ergreifendsten Augenblicke im Jahresverlauf: Man fühlt hier, im katholisch geprägten Oberschwaben, in diesem Moment

Kurienkardinal Kurt Koch hält am 15.05.2015 in Weingarten (Baden-Württemberg) beim traditionellen Blutritt die Heilig-Blut-Reliquie in der Hand, um sie kurz darauf an den Heilig-Blut-Reiter zu übergeben.  (picture-alliaca / dpa / Felix Kästle)In Blutreliquie soll sich ein Blutstropfen Jesu befinden (picture-alliaca / dpa / Felix Kästle)

"Stolz, Freude, Ehrfurcht, eine Mischung aus allem." - "Ich finde, dass ist ein ganz besonderer Moment. Man wird ganz andächtig. Immer wieder wunderschön." - "Ich bin zum ersten Mal. Es ist schon etwas Besonderes, diese ganze Fahnen, wie die Leute sich hier alle aufstellen."

Größte Reiterprozession Europas

2.203 Reiter in Frack und Zylinder, ebenso viele Pferde, Blaskapellen, dazwischen der Blutreiter mit der Monstranz in der Hand – so geht es über Stunden hinweg. Die größte Reiterprozession Europas schlängelt sich vorbei an Einheimischen und Pilgern, durch enge Gassen und Sträßchen, dann, später, hinaus auf die Freien Felder ringsum: Es ist "Blutfreitag" in Weingarten.

"Der Blutfreitag ist der Freitag nach dem Fest Christi Himmelfahrt. Und der Name Blut kommt von einem Blutstropfen Jesu bei der Kreuzung, den wir hier in Weingarten seit über 950 Jahren haben. Und am Freitag, am Blutfreitag, wird diese Reliquie mit Reitern in einer Prozession durch die Stadt und durch die Flur getragen. Wir segnen damit Mensch, Tier, Stadt und Land."

Ekkehard Schmid muss es wissen, ist er doch derjenige, der mit der Monstranz in der Hand in der Mitte der Prozession mitreitet, gemächlich, immer wieder einen Halt einlegend, nach links in die Gesichter der Besucherinnen und Besucher blickend. Ekkehard Schmid ist Dekan und Gemeindepfarrer in der katholischen Pfarrei St. Martin in Weingarten. Gebe es eine Stellenbeschreibung für diesen Posten, so müssten darin als Voraussetzungen genannt werden: Theologiestudium, Priesterweihe – und Reit-Erfahrung.

11.05.2018, Baden-Württemberg, Weingarten: Dekan Ekkehard Schmid, der Heilig-Blut-Reiter, hält beim traditionellen Blutritt auf einem Schimmel die Heilig-Blut-Reliquie in der Hand.  (picture-alliance / dpa / Felix Kästle)Dekan Ekkehard Schmid, der Heilig-Blut-Reiter, hält beim traditionellen Blutritt die Heilig-Blut-Reliquie in der Hand.  (picture-alliance / dpa / Felix Kästle)

"Müsste man eigentlich, genau. Es ist immer so, dass der Ortspfarrer oder die Ortspfarrer, wenn es mehrere sind, die Reliquie dann mitführen. Er muss reiten können. Es müssen viele Pfarrer im Oberland reiten können. Weil: Die Gruppen, die mitreiten, sind ja alles Gruppen."

Blutstropfen Jesu in der Monstranz

Und zwar 101 Reitergruppen aus ganz Oberschwaben mit in diesem Jahr 2.203 Reitern auf ebenso vielen Pferden, erstere gerne in Frack und Zylinder, letztere geschniegelt und gestriegelt, gerne auch mit farbigen Schmuckbändchen versehen. Der Blutritt in Weingarten ist somit die größte Reiterprozession Europas – und die älteste noch dazu. Das hat mit der Überlieferung zu tun: Demnach befindet sich in der Monstranz tatsächlich ein Blutstropfen Jesu.

"Der Tod Jesu hat stattgefunden durch römische Soldaten. Einer davon heißt Longinus. Und der hat sich, so die Überlieferung, bei der Kreuzigung Jesu bekehrt, hat sich taufen lassen, hat sich dann vom Blut Jesu, das auf die Erde von Golgatha getropft ist, etwas mitgenommen, wurde eben nach Mantua in Oberitalien versetzt."

In Mantua sei, so heißt es in der Überlieferung, die Heilig-Bluts-Reliquie erst vergraben und dann wieder ausgegraben worden sein. Sie gelangte dort in den Besitz von Kaiser Heinrich III, der sie auf seinem Sterbebett Graf Balduin von Flandern vermachte. Dessen Tochter Judith wiederum heiratete Herzog Welf IV, der in der Nähe des Benediktinerklosters Weingarten lebte. Und auf diesem Wege kam die Monstranz mit dem Blutstropfen schließlich im Jahre 1094 nach Oberschwaben. Doch erst Jahrhunderte später wurde sie erstmals im Rahmen einer Reiterprozession durch die Stadt, vor allem aber über die Wiesen und Felder getragen. Die erste urkundliche Erwähnung des Blutritts von Weingarten datiert ins Jahr 1519 zurück.

"Das sind so genannte Bittprozessionen, ein uralter Brauch, dass eben dann die Landwirte, dass man auf die Felder gezogen ist und um eine gute Ernte gebeten hat und dazu meistens einen heiligen Gegenstand, wie bei uns den Blutstropfen Jesu, mitgenommen hat. Man hat gesagt: Da ist Gott drin – und er möge uns dann auch unser täglich Brot geben."

"Jetzt kommt der Blutreiter. Es wird jetzt gleich auch akustisch etwas anders. Es wird ruhiger. Und man hört gleich auch nur noch die Glücke desjenigen, der vor dem Blutreiter entlang läuft. Und ich bin jetzt auch still."

Eine Gruppe von Reitern reitet am 26.05.2017 in Weingarten (Baden-Württemberg) beim traditionellen Blutritt über einen Schotterweg. Die Prozession findet jedes Jahr zu Ehren der Heilig-Blut-Reliquie am Tag nach Christi Himmelfahrt statt.  (picture-alliance / dpa / Felix Kästle)Viele Reiter der Prozession sind schon seit Jahren dabei (picture-alliance / dpa / Felix Kästle)

Tatsächlich: Als Blutreiter Pfarrer Ekkehard Schmid mit der Monstranz in der Hand an den Absperrungen entlang schreitet, wird die Blasmusik leiser – und diejenigen, die hier stehen, noch ein wenig andächtiger: Ein Mann, Anfang 60, Brille, gelber Pulli, ist an diesem frühen Morgen eigens aus Aichstetten nach Oberschwaben gefahren:

"Ich komme seit 35 Jahren, wegen des Blutritts. Ja, das ist halt ein Ereignis, es gibt so viele Dinge, es gibt die Pferde, es ist im ganzen Ort mal drei Stunden kein Autoverkehr, nur Pferde. Man erlebt diesen Ort mal ganz anders." - "Mein Name ist Markus Schweizer; ich komme aus Tettnang. Blutritt mit meinen Enkeln – das ist eigentlich ein Pflichttermin. Schwiegersohn reitet mit. Viele Pferde, viele Musikkapellen. Ganz toll anzuschauen. Jedes Jahr neu." - "Wir kommen aus Waldburg, sind heute Morgen um vier Uhr früh losgelaufen nach Weingarten. 12 Kilometer. Gut machbar, aber mit Stationen, mit Gebeten, mit Gesang. Mir sagen: Mit den Füßen beten. Wenn man singt und läuft, zu Ehren des Heiligen Blutes, ist das für uns einfach etwas Wichtiges."

Einige Höfe nehmen seit Generationen teil

Sei es die Freude an den Pferden und der Blasmusik, seien es religiöse Hintergründe – bei den meisten ist es wohl eine Mischung von beidem, die sie frühmorgens dazu bewegt hat, vor die Basilika zu kommen oder ein Plätzchen  entlang des Prozessionszuges in Weingarten zu bekommen.

"Ja, auch in der Tiefgarage sind Pferde untergestellt. Selbst in Tiefgaragen werden Pferdequartiere heute eingerichtet. Es gibt Höfe und Pferdehalter, die wirklich schon über Generationen mitreiten und Pferde in erster Linie halten, um an diesem Blutritt teilzunehmen."

Rückblende: Weingarten im Ausnahmezustand – schon am Abend vor dem Blutfreitag. Silvia Burg von der Stadtverwaltung Weingarten unterwegs, auf der sogenannten "Quartierrundfahrt." Rund 90 Höfe und Betriebe stellen leere Scheunen und Hallen zur Verfügung, in denen die Oberschwaben, die aus einem Umkreis von weit über 100 Kilometern anreisen, vor dem Blutritt ihre Pferde abstellen können. Zu diesem Zeitpunkt sind die Blutreiter noch nicht so schick herausgeputzt: Arbeitshose, Arbeitshemd statt Frack und Zylinder.

"Ich bin Albert Steinhauser, Rittmeister der Gelben Husaren Altshausen. Ich bin jetzt dieses Jahr 38 Jahre mit dabei. Das heißt also: Relativ lang. Und das ohne Unterbrechung. Ich reite bei uns voraus. Es ist Überzeugung. Es ist ähnlich wie ein Virus. Wenn man sich den mal eingefangen hat, ist man immer bestrebt, dabei zu sein. Ich bin mit 16 Jahren dazu gekommen. Und seit dieser Zeit bin ich ununterbrochen dabei. Ob Wind, ob Wetter, ob Sturm, ob Schnee – man reitet."

Albert Steinhauser ist einer der 2.203 Blutreiter – und spricht von Überzeugung.

"Überzeugung – das ist im christlichen Sinne. Glaubensfragen. Also bei uns ist es auch ein Anliegen, das wir unterwegs beten. Da kann man auch problemlos dazu stehen. Es hat mit Glauben zu tun. Es hat mit Tradition zu tun. Natürlich: Man betet für die Felder. Man betet für die Ernte. Man ist in den Fluren draußen, man geht etwas in sich. Man hat Zeit, in sich zu gehen, zu sich zu finden. Also es ist einfach auch eine meditative Sache."

Besuch aus dem Vatikan

Eine kurze Nacht später sitzt Albert Steinhauser auf dem Rücken seines Pferdes, und defiliert von seinem Weg von der Basilika zu den Feldern auch am Rathaus von Weingarten vorbei. Hoch droben vom Balkon schauen die Ehrengäste auf den Prozessionszug hinab - Politiker, Bankdirektoren, Geschäftsleute, Vereinsvertreter. Einer jedoch wird besonders umringt: Der ehemalige Kurienkardinal Walter Kasper ist nun schon zum Dritten mal aus dem Vatikan nach Weingarten gereist, um beim Blutritt mit dabei zu sein. Er selbst war hier, in Weingarten, nie Blutreiter, woanders aber schon. Und daran erinnert sich der 85jährige, der nicht weit von Weingarten entfernt in Wangen im Allgäu aufgewachsen ist, aber immer noch gerne:

"Ich erinnere mich noch daran, wie ich damals gesagt habe: Ich kann nicht reiten und saß dann in voller Montur auf so einem Pferd. Und ich habe das dann ganz gut hinkriegt. Und jetzt in meinem Alter wird man nicht mehr das Reiten anfangen. Aber irgendwie freut mich, dass so viele junge Leute und Mädchen, mitreiten. Das ist doch schön. Leben und Lebensfreude drückt sich da aus."

Doch wo das Licht der Lebensfreude ist, da fällt auch der Schatten des Aufräumens danach. Weingartens Straßen nach dem Blutritt sind nicht so wie vor dem Blutritt: Denn so manches Pferd hat sicht- und riechbare Spuren hinterlassen auf dem Asphalt, die nicht dauerhaft da bleiben sollen, wo sie im Moment halt eben sind. Kurzum: Wohin mit dem, was der Schwabe mit ‚Rossbolle‘ und der Hochdeutsche ein wenig vornehmer mit Pferdeäpfel bezeichnet? Marks Ewald ist Oberbürgermeister von Weinarten und blickt vom Balkon mit einem Lächeln auf Reiter, Pferde und das, was darunter ist, hinab:

"Es gibt viele Zuschauer, die diese Roßbollen mit nachhause nehmen. Es soll bester Rosendünger sein. Und diejenigen, die am Ende der Prozession auf der Straße liegen werden, werden dann von der großen Kehrmaschine auch aufgesammelt."

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