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StartseiteAls stünde die Zeit still …"Blutstropfen im Schnee"02.05.2005

"Blutstropfen im Schnee"

Walter Kempowski erinnert sich an den Kampf um Berlin

Ende April 1945 war Berlin zur Frontstadt geworden. Die Russen hatten die Stadt eingekreist, es herrschte Ausnahmezustand. Berlin stand unter Beschuss, und jeder, der sich in derStadt befand, war dort eingeschlossen. So wie Walter Kempowski, der als 16-Jähriger versuchte, aus Berlin in seine Heimatstadt Rostock durch die Fronten zu entwischen.

Von Käthe Jowanowitsch und Stephanie Rapp

Walter Kempowski kehrte wenige Tage vor Kriegsende in seine Heimatstadt Rostock zurück. (AP)
Walter Kempowski kehrte wenige Tage vor Kriegsende in seine Heimatstadt Rostock zurück. (AP)

"Die Russen marschierten am 1. Mai ein bei uns. Und an diesem Tag, bevor sie einmarschierten, setzten wir uns wie immer bei warmem Wetter auf diesen Balkon und tranken da Kaffee oder weiß der Himmel was. Und meine Mutter hielt dann eine lange Rede: Nun ist der Krieg bald zu Ende. Und sie meinte, dass wir den Krieg gewonnen haben. Was sich nachträglich ja als wahr herausgestellt hat. Denn im Grunde haben die Russen ihn ja verloren."

Walter Kempowski, am 29. April 16 Jahre alt geworden, war wenige Tage zuvor aus der schwer umkämpften Reichshauptstadt Berlin in seine Heimatstadt Rostock zurückgekehrt.

"Zum Entsetzen meiner Mutter wurde ich noch im April nach Berlin geschickt, um dort Arzneimittel für einen Zahnarzt zu holen. Und da ging es in der Stadt bereits wüst zu. Was einem hier gelang, konnte einem da missglücken. Ein Ausweis, der einem an einer bestimmten Stelle sehr half, konnte bei anderer Gelegenheit das Gegenteil bewirken. Und nach zwei, drei Tagen hörte ich an der eigenartigen Art der Detonationen, dass die russische Artillerie bereits in die Stadt reinschoss. Das war der 20. oder 21. April 1945. Und da wollte ich schnell nach Rostock, nach Hause fahren, und da waren aber alle Züge eingestellt, es gab keinen Zugverkehr mehr. Und die Russen hatten die Stadt bereits eingeschlossen. Aber der Ring war nicht hermetisch, und da habe ich beschlossen, auszubrechen. In einer beispiellosen Naivität."

Goebbels: "Damit ist Berlin zur Frontstadt geworden. Mit allen Mitteln werde ich die Verteidigung der Reichshauptstadt aktivieren. An den Mauern unserer Stadt wird und muss der Mongolensturm gebrochen werden. Von dem fanatischen Willen erfüllt, die Hauptstadt des Reiches."

Berlin war im Ausnahmezustand. Auf den Straßen der Reichshauptstadt tobte ein erbitterter Häuserkampf. Noch in letzter Minute hatte die NS-Führung Kinder und Alte notdürftig bewaffnet und in den aussichtslosen Kampf gegen die Rote Armee geschickt. In der Bevölkerung machte sich Panik breit. Der Durchhaltewille der Berliner – noch in Joseph Goebbels’ letzter Rundfunkrede beschworen – war erschöpft. Flugblätter von Widerstandsgruppen tauchten auf. Hitler und seine Führungsclique hatten sich im Bunker der Reichskanzlei eingeschlossen. In der Öffentlichkeit ließen sie sich nicht mehr sehen.

"Ich versuchte es zunächst nach Oranienburg, nach Norden, da kamen mir schon die verwundeten Soldaten entgegengehumpelt. Und die Flammen schlugen wüst aus einem brennenden Haus. Das ist ja unglaublich. Gardinen brennen, da schlagen die Flammen so raus. Und ich seh den einen, der hatte den ganzen Arm blutig. Wo willst du denn hin, Junge? Ich sag’, ich will raus hier. Hier ist alles zu, sagt er."

Walter Kempowski gelang es, sich durch die feindlichen Linien bis zu seiner Heimatstadt Rostock durchzuschlagen.

"Ich habe die Russen zwar gehört, aber nicht gesehen. Deutsche Soldaten lagen gefallen in Gräben, Volkssturm, und ich bin, wie ich es in der Hitlerjugend gelernt hatte, Sprung auf, Marsch, Marsch, wir hatten ja so Geländedienst, und habe mich dann im Schutze von Gebüschen nach Westen durchgeschlagen. Das war großes Glück, ein Tag später wäre das nicht mehr möglich gewesen. Und vor allen Dingen, das Merkwürdige war, als ich dann in Rostock ankam, da waren meine ganzen übrig gebliebenen Schulkameraden alle weg. Die hatte man in die Kasernen bestellt, die kriegten alle Panzerfäuste, Gewehre und wurden alle den Russen entgegengeschickt. Wenn ich einen Tag früher nach Hause gekommen wäre, wäre ich verloren gewesen. "

Aus seiner Familie waren nur noch Mutter und Großvater in Rostock. Der 47-jährige Vater, ein angesehener Reeder, stand in Ostpreußen an der Front. Anfang April kam sein letzter Brief aus dem Kessel von Heiligenbeil. Er fiel kurz vor Kriegsende auf der Frischen Nehrung. Der Kontakt zu Walters älterem Bruder Robert, der ebenfalls an der Front stand, war abgerissen. Wie die Eltern, die der Bekennenden Kirche nahe standen, war auch Robert ein Gegner der Nazis. Durch ihn hatte Walter Kempowski die Swing-Jugend kennen gelernt, die sich durch ihr Auftreten und ihre Überzeugungen dem Drill der Hitlerjugend verweigerte. Am 26. Januar 1942 hatte Heinrich Himmler, der "Reichsführer" der SS, gedroht:

"Meines Erachtens muss jetzt aber das ganze Übel radikal ausgerottet werden. Ich bin dagegen, dass wir nur halbe Maßnahmen treffen. Alle Rädelsführer, und zwar männlicher und weiblicher Art, unter den Lehrern diejenigen, die feindlich eingestellt sind und die Swing-Jugend unterstützen, sind in Konzentrationslager einzuweisen. Dort muss die Jugend zunächst einmal Prügel bekommen und dann in schärfster Form exerziert und zur Arbeit angehalten werden."

"Ich habe immer Glück gehabt. Ich bin erst Ende des Krieges in eine Strafeinheit überwiesen worden wegen meines sündlichen Tuns, dieser Jazzmusik da, und weil ich rauchte, und vor allem weil ich auch keinen Hehl daraus machte, dass mir dieses ganze sportliche Gewese der Hitlerjugend ein Gräuel war.

Ich hatte so eine kleine Dachkammer, und wenn ich da mein Grammofon anmachte und dann Django Reinhardt, Petite Lily hörte, das war eine andere Welt. Und dann war man dem ganzen Nazikram entrückt. "

In dieses Dachstübchen hatte er sich auch zurückgezogen, als am 1. Mai 1945 die Russen in Rostock einmarschierten.

"Da kommt plötzlich ein Russe ’rein. Und der fragte, was ich da mache. Und da er ein Buch sah, knjiga heißt das auf Russisch, und Gedichte, war seine Hochachtung sofort natürlich. Er hat mir gar nichts weiter gesagt, er hat sich leise entfernt, stellen Sie sich das mal vor, wo draußen im Nebenhaus die Frauen unten aus dem Keller rausliefen und auf der anderen Seite wieder ’rein und sich schreiend vor diesen Bestien verbargen."

Drei Jahre später wurde Walter Kempowski von einem sowjetischen Militärtribunal wegen Spionage zu 25 Jahren Arbeitslager verurteilt. Während seiner Haft in Bautzen wurde die Beschäftigung mit der Vergangenheit seine Überlebensstrategie. Hier legte er den Grundstein für sein Archiv erzählter Geschichte.

"Ich habe mein ganzes Leben weiter nichts gemacht, als mich mit der Vergangenheit zu beschäftigen. Mit dieser Frage nach den drei Blutstropfen im Schnee sozusagen. Wo kommen sie her? Warum? Das ist mein Lebenszweck. Vielleicht ist die junge Generation arm dran, dass sie, Gott sei Dank, eine solche Höllenerfahrung nicht machen musste. Alles hat zwei Seiten."

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