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Seit 11:05 Uhr Interview der Woche
StartseiteInterviewBock: Aufgestauter Hass gegen die westliche Welt bricht auf06.02.2006

Bock: Aufgestauter Hass gegen die westliche Welt bricht auf

Der Generalsekretär der Deutsch-Arabischen Gesellschaft, Harald-Moritz Bock, warnt vor der Missachtung arabischer Interessen in der westlichen Welt. Dadruch komme es zu einem aufgestauten Hass, den "politische Rattenfänger" nutzten, um Massenproteste wie gegen die die Mohammed-Karikaturen anzufachen.

Moderation: Dirk Müller

Indonesische Muslime verbrennen vor der Botschaft Dänemarks in Jarkarta aus Protest eine dänische Flagge. (AP)
Indonesische Muslime verbrennen vor der Botschaft Dänemarks in Jarkarta aus Protest eine dänische Flagge. (AP)

Dirk Müller: Der Iran, Irak, Afghanistan, Palästina, Syrien - es gibt zwischen der westlichen Welt und der muslimischen Welt weitaus größere Probleme, als eine Hand voll Karikaturen in einer dänischen Tageszeitung. Doch Gruppierungen in der muslimischen Welt wiederum sehen das offenbar anders, oder vielleicht gerade deshalb sehen sie das so. Die Situation eskaliert, die Proteste im Nahen Osten sind längst gewalttätig, Entführungen gehören dazu, mehrere Botschaftsgebäude sind gestern in Flammen aufgegangen.

Am Telefon sind wir nun verbunden mit Harald Moritz Bock, Generalsekretär der Deutsch-Arabischen Gesellschaft. Guten Morgen.

Harald Moritz Bock: Ja, guten Morgen.

Müller: Herr Bock, versuchen wir es wenigstens diplomatisch. Ist das orientalisches Temperament?

Bock: Nein, das ist völlig absurd, was dort im Augenblick abgeht. Wie Sie auch richtig sagen, es gibt tausende Gründe, weshalb man auf die Straße gehen kann, aber nicht wegen solcher Karikaturen.

Müller: Haben Sie eine Erklärung?

Bock: Nun, da staut sich ein Hass auf, in der Vergangenheit, der hier entzündet worden ist von bestimmten Kreisen. Und dieser Hass, der staut sich auf, weil man sich zurückgesetzt fühlt, in der arabischen Welt, in der islamischen Welt, weil man häufig von dem Abendland eine kalte Schulter erfährt und nicht ernst genommen wird, wenn man protestiert, wenn man versucht, seine eigenen Ziele durchzusetzen. Man wird vor den Kopf gestoßen. Sehen Sie, wenn in Israel beispielsweise der Schutzzaun, wie die Medien berichten, errichtet wird, eine Mauer mit über acht Meter Höhe, und darüber wird zur Tagesordnung gegangen, obwohl sich die UNO dagegen wendet, wenn da tausend verschiedene Resolutionen gefasst werden und der Protest der islamischen und arabischen Welt einfach zurückgeschoben wird, und es wird weiter in dieser Hinsicht vorgegangen. Da staut sich etwas auf. Und das hat wohl dazu geführt, dass irgendwelche Rattenfänger, politische Rattenfänger die Möglichkeit haben, derartigen Hass des Mobs zu mobilisieren.

Müller: Herr Bock, dann ist das aber doch nicht so absurd, wie Sie es eben in der ersten Antwort gesagt haben.

Bock: Ich finde es absurd, dass wegen dieser Karikaturen ein derartiger Hassausbruch sich manifestiert. Denn Gläubige, ob Christen oder ob Moslems, müssen damit rechnen, dass sie in einem säkularen Gemeinwesen ihre religiösen Gebote nur selber beachten, aber nicht von anderen beachtet und befolgt werden können. Kein Christ kann erwarten, dass alle stramm stehen, wenn der Fronleichnamszug durch die Straßen geht, genauso wenig dürfen Muslime erwarten, dass Christen ihre Gebote nun einhalten. Das ist Unsinn, und das wissen sie auch. Deshalb wundere ich mich über diese Eruptionen, die sich da im Augenblick zeigen.

Müller: Aber dennoch sagen Sie, wenn ich Sie richtig verstanden habe, der Westen, das Abendland ist zu ignorant gegenüber der arabischen Welt. Wer ist dafür verantwortlich?

Bock: Ja, das fragen wir uns jetzt. Da gibt es natürlich einige, die in der Rolle des Hexenmeisters sind. Die Geister, die ich rief, werde ich nun nicht los, wenn ich dort höre, dass sie auf die Straße gehen und zurückrufen. Da ist etwas entzündet worden, ein Pulverfass, was so leicht jetzt nicht wieder zurückzuordern ist. Und diese Kampagne hat verheerende Wirkung auf die Meinungsfreiheit in den arabischen Ländern. Ich glaube - das sagen mir meine arabischen Freunde - der Knüppel der falschen Sittenwächter und Diktaturen wird jetzt immer größer und gefährlicher. Sie haben Angst, eine andere Meinung jetzt zu diesem Fall zu äußern. Der Vorwurf der Gotteslästerung, den holt die Obrigkeit ja leicht aus dem Sack, um missliebige politische Aussagen dann zu kontrollieren. Es sind also politische Motive dahinter.

Müller: Herr Bock, ist das auch eine Kritik - indirekt zumindest - dann an den westlichen Medien, die häufig dann zu arrogant mit dieser Thematik umgehen?

Bock: Zu arrogant und zu unwissend. Aber ich muss die westlichen Medien nicht, genauso muss ich die arabischen, die islamischen Medien beschimpfen. Denn wenn dort im Irak beispielsweise schiitische Moscheen von islamistischen Terroristen in die Luft gesprengt werden und dabei Hunderte von Moslems sterben, ja, dann sieht auch die islamische Welt tatenlos zu. Dann haben wir diese Massenproteste jedenfalls nicht erlebt. Ich verstehe das nicht.

Müller: Herr Bock, Sie haben ja als Generalsekretär der Deutsch-Arabischen Gesellschaft sehr viele Freunde, Bekannte, auch Geschäftsbeziehungen im Rahmen dessen mit der arabischen Welt. Wenn arabische Geschäftsmänner dennoch erfolgreich sind, also allen Grund haben, auch ökonomisch zumindest stolz zu sein, sind sie dennoch aus der eigenen Sichtweise mit Blick auf den Westen so etwas wie Menschen zweiter Klasse?

Bock: Die säkularen Araber, die hier her kommen, fühlen sich nicht als Menschen zweiter Klasse. Aber der, das ist ja kein Geheimnis, was ich verrate, dass die arabische Welt zurückgefallen ist. Und die muslimischen Einwanderer in Europa fühlen sich natürlich hier, ob sie nun aus Arabien kommen, aus der Türkei oder wo auch immer, oft an den Pranger gestellt, wenn irgendetwas in der arabischen Welt passiert, wenn es zu religiösem Eifer kommt, zu religiösem Fanatismus. Man macht sie verantwortlich beispielsweise für das, was in New York am 11. September passiert ist. Das sind Sachen, die werden der islamischen Welt per saldo in Rechnung gestellt, und dafür werden sie alle verantwortlich gemacht, obwohl das ein kleiner, eine kleine Gruppierung ist, die von allen muslimischen Freunden abgelehnt werden, von allen Moslems, die in Europa leben. Aber sie werden generalverdächtigt. Und dieser heimliche Generalverdacht gegen alle Muslime in Europa ist es, was sich hier zu eruptiven Ausbrüchen sammelt.

Müller: Harald Moritz Bock war das, Generalsekretär der Deutsch-Arabischen Gesellschaft. Vielen Dank für das Gespräch und auf Wiederhören.

Bock: Wiederhören.

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