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StartseiteForschung aktuellFlug über die Wellen03.01.2017

BodeneffektfahrzeugFlug über die Wellen

Reihe: Tolle Idee! - Was wurde daraus?

"Seafalcon hieß" eine Art Flugboot, das in den 90er-Jahren von der Rostocker Firma MTE entwickelt wurde. Millionen von Fördergeldern flossen in das ehrgeizige Projekt. Doch dann wurde es still um das vermeintliche Verkehrsmittel der Zukunft. Naht nun eine Renaissance? Aktuell entwickeln mehrere Firmen ein solches Bodeneffektfahrzeug.

Von Frank Grotelüschen

Der Prototyp der Seafalcon. (Pressefoto / Seafalcon)
Der Prototyp der Seafalcon. (Pressefoto / Seafalcon)

Es ist ein seltsames Teil, das auf dem Video zu sehen ist: Das Ding bewegt sich knapp über der Oberfläche eines Sees – zu schnell für ein Rennboot, aber zu tief für einen Flieger. Es ist der Seafalcon, der Prototyp eines Bodeneffektfahrzeugs. Mit seinen Stummelflügeln sieht es aus wie eine missglückte Flugzeugkonstruktion. Doch richtige Tragflächen braucht das Gerät auch gar nicht. Die kurzen Flügel genügen, um eine Art Luftkissen zwischen dem Seafalcon und der Wasseroberfläche zu schaffen.

"Durch dieses Kissen, auf dem das Fahrzeug gleitet, hat man weniger Widerstand und viel mehr Auftrieb, was das Ganze sehr effizient macht."

Sagt Hagen Wustlich, Geschäftsführer der Seafalcon GmbH nahe Schwerin:

"Mit dem Fahrzeug, das wir haben, rechnen wir mit 150 bis 180 Kilometern pro Stunde, die man über das Wasser gleiten kann."

Anderes Prinzip als beim Hovercraft

Das legendäre Hovercraft verschafft sich ein Luftkissen, indem es Luft mit Gebläsen nach unten drückt. Bodeneffektfahrzeuge dagegen benötigen einen Vorwärtsschub, also eine gewisse Geschwindigkeit, um unter sich ein Luftkissen zu bilden und abheben zu können. Allerdings reißt der Effekt wenige Meter über der Oberfläche ab,  weshalb der Seafalcon mit seinen beiden Propellern, nachdem er wie ein Flugboot aus dem Wasser gestartet ist, kaum mehr als fünf Meter hoch fliegen kann.

Geschichte des Bodeneffektefahrzeugs

+ 2. September 1915: Probelauf eines Seitluftkissenbootes

+ Juli 1959: Hovercraft im Regelbetrieb

+ 1963: Erste Tests mit einem Bodeneffektefahrzeug

+ 18. Oktober 1967: Sowjetisches Ekranoplan

+ 1973: Bau der Tandem-Airfoil-Flairboote

+ 1997: Tests mit dem Hydrowing VT01

"Wichtig ist bei so einem Fahrzeug, das es selbststabilisierend ist. Dass es nicht wie ein Flugzeug, wenn es langsamer wird, instabil wird. Sondern dass es, wenn es langsamer und in Bodennähe ist, stabiler wird. Dass, wenn es aus dem Bodeneffekt herauskommt, sich wieder von alleine stabil verhält."

Dafür soll unter anderem eine spezielle Flügelform sorgen – eine Art umgekehrter Deltaflügel. Neu ist das Konzept nicht. Bereits in den 1960er-Jahren, zu Zeiten des Kalten Kriegs, hatten es die Militärs vorangetrieben.

"Die Russen haben riesige Flugzeuge gebaut, die mehrere hundert Tonnen an Raketen übers kaspische Meer transportiert haben."

Spitzname: das Monster vom kaspischen Meer.

"Irgendwann, als das Geld alle und der Kalte Krieg nicht mehr so interessant war, haben sie das eingedampft."

Testflug eines Prototyps endete mit Crash

In den 1990er-Jahren nahmen einige Tüftler den Faden wieder auf, darunter die Rostocker Firma MTE. Ihre Vision: der Seafalcon, ein mehrsitziges Bodeneffektfahrzeug für Passagiere. Die Politik ließ sich von der Innovation Made in Ostdeutschland gerne überzeugen.

"Das Bundesforschungsamt hat das Projekt mit 5,5 Millionen Mark unterstützt."

Mehrere Prototypen wurden gebaut und erprobt. Doch 2007 endete einer der Testflüge mit einem Unfall. Für den Piloten verlief der Crash zwar glimpflich. Für MTE aber bedeutete er das Aus.

"Es war ein Pilotenfehler, der da passiert ist. Der hat dazu geführt, dass ein Riss in dem Rumpf war. In dieser Phase ist der Firma das Geld ausgegangen, sodass wir das dann übernommen haben."

Ursprünglich hatten sich Wustlich und seine Kollegen nur um den Vertrieb für Amerika kümmern wollen. Doch als das Projekt zu scheitern drohte, übernahmen sie MTE. Geflogen ist der Prototyp seitdem nicht mehr, jahrelang war er eingemottet. Doch nun soll es wieder losgehen.

"Wir haben eine Halle gebaut. Wir möchten jetzt den Prototypen redesignen mit der aktuellen Technik, die heutzutage zur Verfügung steht. Und würden danach in einer zweiten Phase aus dem Prototyp einen Serientyp machen."

Rahmendaten des Seafalcon-Prototyps:
> etwa 150 bis 180 km/h Geschwindigkeit
> Auftrieb wird durch Vorwärtsschub und durch das unter dem Fahrzeug entstehende rollende Luftkissen erzeugt
> Flughöhe beträgt etwa fünf Meter
> Hagen Wustlich, Geschäftsführer der Seafalcon GmbH nahe Schwerin: "Wichtig ist bei so einem Fahrzeug, das es selbststabilisierend ist. Dass es nicht wie ein Flugzeug, wenn’s langsamer wird, instabil wird. Sondern dass es, wenn’s langsamer und in Bodennähe ist, stabiler wird."
> Der SeaFalcon soll billiger sein als Helikopter oder Flugzeuge, sagt Wustlich. Ein Pilotenschein werde nicht benötigt, sondern nur ein Sportboot-Führerschein.

Die Tüftler wollen die Steuerung verbessern sowie Sensoren einbauen, die Höhe und Fluglage automatisch messen und den Piloten entlasten. 2017 soll der aufmotzte Prototyp fertig sein, danach sind Testflüge geplant. Läuft alles optimal, soll 2018 eine Kleinserie vom Stapel laufen. Die Vision: Ein Shuttle, der Inseln zum Beispiel in der Karibik oder in Südostasien anbindet.

"Bis hin zur Wartung von Windkraftanlagen auf der Nordsee, wo eine irre Menge Geld für den Transport der Personen, die dort die Windräder warten, ausgegeben wird."

Der Seafalcon soll billiger sein als Helikopter oder Flugzeuge, sagt Wustlich. Und:

"Sie brauchen dafür keinen Pilotenschein. Sie brauchen dafür einen Sportbootführerschein, weil das als Boot klassifiziert wird. Wir würden aber schon empfehlen, dass man weiß, was man da tut, bevor man sich in so ein Gerät reinsetzt."

Nur eines ist der Stummelflügler nicht: ein Allwetter-Vehikel. Mit hohen Wellen kommt er nicht klar.

"Bei ein bisschen Seegang und Wellen geht das natürlich alles noch. Aber ab einem gewissen Ungemütlichkeitsfaktor würde ich mit so einem Gerät nicht gerne draußen sein wollen."

Vor allem Start und Landung seien bei Seegang zu gefährlich, bemängeln Skeptiker. Weitere Kritikpunkte: Aufgrund der niedrigen Flughöhe drohen – insbesondere bei schlechter Sicht – Kollisionen mit Schiffen, Ölplattformen oder Windrädern. Und da es sich um Wasserfahrzeuge handelt, sind Korrosionsschäden zu befürchten, was die Wartungs- und Reparaturkosten in die Höhe treiben dürfte.

Entwicklung nimmt wieder Schwung auf

Dennoch: Nach einer mehrjährigen Durststrecke scheint die Entwicklung von Bodeneffektfahrzeugen wieder Schwung aufzunehmen. Denn Wustlich und seine Leute sind nicht die einzigen, die das Konzept wiederbeleben wollen. In Singapur testet die Firma Wigetworks den AirFish 8, einen achtsitzigen Prototyp, in Korea tüftelt man an einem Konzept namens Wingship. Und auch das Tandem Airfoil Flairboat, von dem der deutsche Ingenieur Günther Jörg einst mehrere Prototypen baute, soll wieder neu aufgelegt werden. Vielleicht also werden in ein paar Jahren tatsächlich die ersten Passagiere mit einem Stummelflügler über die Meere schweben.

Mehrere Firmen entwickeln derzeit Bodeneffektfahrzeuge:
> AirFish 8: In Singapur testet die Firma Wigetworks den AirFish 8, einen achtsitzigen Prototyp.
> Wingship: In Korea tüftelt die gleichnamige Firma an einem Konzept namens Wingship. Der WSH 500 soll so bis zu 50 Personen befördern.
> Airfoil Flairboat: Und auch das Tandem Airfoil Flairboat, von dem der deutsche Ingenieur Günther Jörg einst mehrere Prototypen baute, soll wieder neu aufgelegt werden. Die Tandem W.I.G. Craft Consulting plant hierzu vier Typen mit bis zu 12 Sitzen.
> Seafalcon: 2017 soll der aufmotzte Prototyp eines SeaFalcon fertig sein, danach sind Testflüge geplant. Läuft alles optimal, soll 2018 eine Kleinserie vom Stapel laufen.

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