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StartseiteKommentare und Themen der WocheRücktritt ist richtige Entscheidung26.10.2017

Börsenchef KengeterRücktritt ist richtige Entscheidung

Börsenchef Carsten Kengeter ist nicht rechtskräftig verurteilt - und zunächst einmal gilt die Unschuldsvermutung. Dennoch ist es gut, dass er zum Jahresende seinen Posten räumt, kommentiert Michael Braun. Schließlich habe er beim privaten Kauf von Börsenanteilen Sensibilität vermissen lassen.

Von Michael Braun

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Carsten Kengeter, der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Boerse AG in Frankfurt. (imago/Sven Simon)
"Ein Ballast für den Finanzplatz": Carsten Kengeter, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Börse AG in Frankfurt (imago/Sven Simon)
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Natürlich klingt es effekthascherisch, wenn man Insidervorwürfe gegen einen Börsenchef vergleicht mit einem Bankvorstand, der Falschgeld druckt. Natürlich ist es so, dass für jeden, der nicht verurteilt ist, die Unschuldsvermutung gilt. Und klar sind Ermittlungen der Staatsanwaltschaft eben Ermittlungen, kein Ergebnis. Das Ergebnis kann auch lauten: Die Vorwürfe haben sich nicht bestätigt, zumal wenn der Betroffene sie bestreitet.

Das alles spricht dafür, Carsten Kengeter, den Chef der Deutschen Börse, als Opfer der öffentlichen Meinung anzusehen, weil er nun zurücktreten wird, nicht sofort, nicht mit Schimpf und Schande vom Hof gejagt, sondern erst zum Jahresende, begleitet vom Bedauern des Aufsichtsrates und warmen Dankesworten für seine strategische Arbeit als Vorstandschef.

Geschäft mit Gschmäckle

Was man Kengeter aber zumindest vorhalten kann, ist mangelnde Sensibilität. Er hatte am 14. Dezember 2015 für 4,5 Millionen Euro Aktien der Deutschen Börse gekauft. Erst zwei Monate später, am 23. Februar 2016, machte die Börse ihre Fusionspläne mit der Londoner Börse öffentlich. Aber die Staatsanwaltschaft weiß von Gesprächen, die die "Leitungsebenen" von Deutscher und Londoner Börse schon im Sommer 2015 geführt haben. Dass aus Gesprächen Verhandlungen werden können, musste Kengeter gewusst haben, als er die Aktien kaufte. Er musste auch gewusst haben, dass daraus zumindest der Verdacht eines Insidergeschäfts erwachsen könnte.

Es wurde auch noch im Hintergrund erwähnt, Kengeter haben kaufen müssen: Der Aufsichtsratschef habe ihn quasi dazu gedrängt, damit er mit dem Millioneninvestment aus eigener Tasche seine Solidarität mit dem Unternehmen und sein Vertrauen in dessen gedeihliche Entwicklung demonstriere.

Keine Standhaftigkeit gegenüber dem Aufsichtsratsvorsitzenden?

Wenn das so war, hat auch der Aufsichtsratsvorsitzende Sensibilität vermissen lassen. Und Kengeter wäre nicht Manns genug gewesen, sich dem zu widersetzen.

Kengeter weiß, wie wichtig Börsen sind, um das Geld für neue Techniken zu beschaffen. Allein Deutschland brauche bis 2020 jährlich 40 Milliarden Euro für die Digitalisierung der Wirtschaft, war sein Argument. Umso wichtiger sollte es sein, das Börsenimage nicht zu beeinträchtigen. Es hat sowieso unter der Finanzkrise gelitten. Und zuvor unter den wilden Jahren des sogenannten Neuen Marktes. Die Börsengeschichte der Telekom hält immer noch viele davon ab, in der Börse ein seriöses Finanzierungsinstrument und eine seriöse Anlagemöglichkeit zu sehen.

Alles in allem ist es in Ordnung, dass Börsen- und Bankenaufsicht ihre Prüfung von Kengeters Zuverlässigkeit einstellen. Aber es ist auch gut, dass er geht. Er war für den Finanzplatz ein Ballast.

Michael Braun (Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré )Michael Braun (Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré )Michael Braun, Jahrgang 1952, studierte in Bonn Geschichte, Philosophie und Soziologie und promovierte mit einer Arbeit über die luxemburgische Sozialversicherung. 1982 verließ er die Wissenschaft und ging zur Frankfurter Allgemeinen Zeitung. 1988 bis 1990 stellvertredender Chefredakteur des European Business Channel in Zürich, seitdem selbständig und Gründungspartner des Redaktionsbüros "Business Report". Das Büro berichtet seit 1996 für Deutschlandradio und mehrere Regionalzeitungen vom Wirtschaftsplatz Frankfurt am Main.

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