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StartseiteForschung aktuellBörsencrash mit Ansage22.03.2011

Börsencrash mit Ansage

ETH-Forscher sagt Finanzblasen mit statistischen Analysen voraus

Statistik.- Nach einem Bösencrash wollen Banker und Finanzjongleure meist nichts von dem drohenden Unheil geahnt haben. Doch es regt sich Widerstand gegen diese Interpretation des Marktgeschehens. Die Analysen eines Schweizer Professors belegen: Börsencrashs kündigen sich vorher an.

Von Ralf Krauter

Vor einem Crash gibt es in der Regel eine Phase stark überhöhter Kurse, eine Blase.  (AP)
Vor einem Crash gibt es in der Regel eine Phase stark überhöhter Kurse, eine Blase. (AP)

Der Physiker Didier Sornette ist überzeugt: Finanzmärkte verhalten sich weder zufällig noch chaotisch, sondern sie folgen statistischen Gesetzmäßigkeiten. Und wer die durchschaut hat, kann drohende Kursstürze vorhersehen, sagt der Professor für unternehmerische Risiken von der ETH Zürich.

"Kursstürze an der Börse werden oft als schwarze Schwäne bezeichnet, als völlig überraschende Ausreißer. Schaut man sich die Daten an, wird allerdings klar: Vor einem Crash gab es in der Regel eine Phase stark überhöhter Kurse, eine Blase. Die entscheidende Frage ist deshalb: Wenn solch eine Kursrallye begonnen hat, wie lange steigen die Kurse dann noch weiter?"

Im Fall der Dotcom-Blase hatte US-Notenbankchef Alan Greenspan bereits im September 1996 gewarnt, IT-Firmen würden irrational hoch bewertet. Daraufhin brach der Börsenindex NASDAQ um zwei Prozent ein, um anschließend dreieinhalb weitere Jahre zu explodieren. Die Anleger waren im Rausch und als die Kurse dann über Nacht ins Bodenlose fielen, herrschte Katerstimmung.

"Globale Finanzblasen erkennen wir mittlerweile sehr zuverlässig. Vorherzusehen, wann sie platzen werden, ist allerdings schwierig. Aber ich bin überzeugt: Auch das ist möglich. Mit statistischen Methoden lassen sich Phasen der Instabilität vorhersagen."

Mit mathematischen Tricks aus der Systemtheorie und Chaosforschung, durchforstet Didier Sornette regelmäßig Börsenkurse und Wirtschaftsdaten nach Auffälligkeiten. Er versucht, in der Datenflut kollektive Phänomene aufspüren, die auf Risiken hindeuten. Im Fall der Immobilienblasen in den USA, Spanien und Großbritannien zum Beispiel waren Angebot und Nachfrage völlig aus dem Gleichgewicht geraten. Je teurer Häuser und Grundstücke wurden, desto mehr Menschen wollten welche kaufen. Stabile Märkte verhalten sich umgekehrt.

Der US-Immobiliencrash von 2006 kam demzufolge ebenso wenig überraschend, wie der des NASDAQ-Index im Jahr 2000 und das Ende der Rohölblase 2008. Um Zweifler zu überzeugen, veröffentlicht Didier Sornette inzwischen regelmäßig verschlüsselte Sechs-Monats-Prognosen. Kurseinbrüche bei bestimmten Finanzindizes und Rohstoffen wie Gold und Baumwolle hat er bereits korrekt vorausgesagt. Sein jüngster Report hat 27 kleinere Börsenblasen im Visier.

"Statt auf ein Mega-Erdbeben der Stärke 9 zu warten, analysieren wir lieber viele der Stärke 6. So bekommen wir genügend Daten, um die Debatte auf eine wissenschaftliche Basis zu stellen. Mein Ziel ist es, die vorherrschende Meinung zu ändern: Kommen Kursstürze aus heiterem Himmel? Nein, das tun sie nicht. Wenn wir genügend Belege dafür gesammelt haben, könnten die Finanzwissenschaften einen Sprung machen, der jenem von der Alchemie zur Chemie ähnelt. Wir befinden uns in einer vorrevolutionären Phase."

Konkrete Vorstellungen, wie die Finanzwelt nach der Revolution aussehen sollte, hat Didier Sornette schon. Die Überflutung der Märkte mit billigem Geld müsse endlich gestoppt werden, sagt er. Denn die sei die Wurzel allen Übels, weil sie dazu führte, dass Finanzmärkte und Realwirtschaft entkoppelt wurden. Doch Interessenkonflikte und Verflechtungen zwischen Politik und Wirtschaft ließen solche Finanzmarkt-Reformen in der Vergangenheit stets versanden. Um die Wirtschaftskrise zu lindern, pumpen Regierungen derzeit erneut haufenweise Geld ins System.

"Die globale Krise ist wie der Kater nach massiven Alkoholexzessen. Die USA und andere Länder haben jahrelang über ihre Verhältnisse gelebt und Schulden angehäuft. Und um die Krise zu bewältigen, werden die Trunkenbolde jetzt gezwungen, einen noch tieferen Schluck aus der Flasche zu nehmen."

Klug sei das alles nicht, meint Didier Sornette. Vermutlich brauche es erst eine noch viel verheerende Finanzkatastrophe, sagt er, damit Politiker endlich den Mut aufbringen, die Weichen richtig zu stellen.

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