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StartseiteBüchermarktBöse Geister10.02.1999

Böse Geister

In Rußland galt er in den letzten Jahrzehnten als das "aktuellste Werk nicht nur Dostojewskijs, sondern der gesamten Weltklassik"- dieser 1872 erschienene gewaltige Roman "Besy", bei uns bisher unter dem Titel "Die Dämonen" oder "Die Besessenen" bekannt. Wie der Religionsphilosoph Berdjajew kurz nach der Oktoberrevolution feststellte, ist dieser wohl radikalste und nach dem letzten Sinn fragende Antirevolutionsroman der Weltliteratur ein Werk "nicht über die Gegenwart, sondern über die Zukunft", über die "Dämonen" also unseres 20. Jahrhunderts. Die atemberaubend dramatische Handlung stellt das Modell eines revolutionären Umsturzes im Kleinformat, sozusagen als Experiment, dar, ausgeführt von einer kleinen Gruppe skrupelloser Aufrührer in einer russischen Provinzstadt der 60er Jahre des 19. Jahrhunderts. Das Buch, das die völlige Relativierung der Moral, die tödlichen Konsequenzen der Heiligung aller Mittel für revolutionäre Zwecke vorführt, nimmt die sozialen und psychologischen Mechanismen der totalitären Systeme unseres Jahrhunderts prophetisch vorweg.

Karla Hielscher

Es verwundert deshalb nicht, daß es vor allem dieser grandiose Roman war, der einer ganzen Generation von russischen Intellektuellen seit der Tauwetterzeit dazu verhalf, sich schrittweise von der kommunistischen Ideologie freizumachen, und der inzwischen - gerade auch wegen seiner kompromißlosen Infragestellung des liberalen, säkularisierten Modells der westlichen Moderne - in den Debatten über die Probleme unserer Welt am Vorabend des 21. Jahrhunderts präsent ist.

Für uns in Deutschland ist es höchste Zeit, die aktuelle Brisanz dieses vielschichtigen und komplexen Werks, das auch in seinen tiefenpsychologischen Ausleuchtungen der menschlichen Seele ein Text unserer Zeit ist, wiederzuentdecken. Auch wenn ein derartiges Buch mit seinem metaphysischen und theologischen Absolutheitsanspruch und seiner extremen Zivilisationskritik dem lockeren Zeitgeist der Postmoderne konträr entgegenzustehen scheint.

Es ist deshalb eine mutige verlegerische Tat, daß der Ammann-Verlag den Roman in einer neuen Übersetzung von Swetlana Geier vorgelegt hat, die dabei ist, die vier großen Romanwerke Dostojewskijs neu zugänglich zu machen, und deren Übertragung des Raskolnikow-Romans unter dem sachlicheren und genaueren Titel "Verbrechen und Strafe" viel Beachtung und auch viele neue Leser gefunden hat.

Denn Dostojewskij ist ja nicht nur der visionäre Prophet und tiefschürfende konservativ religiöse Denker, dessen antiwestliche Ideen heute - in der Zeit des Postkommunismus - als produktive Provokation wirken könnten. Mit seiner Sprache ist Dostojewskij einer der wichtigsten Wegbereiter der Literatur der Moderne, dessen Wortkunst auf direktem Wege zu Kafka führt. Seine Sprache ist es auch, wie Josef Brodsky überzeugend gezeigt hat, die in ihrer einzigartigen Eigendynamik letztlich immer wieder die ideologischen Beschränktheiten ihres Schöpfers sprengt.

Dostojewskijs Prosa, die ja im wesentlichen aus wortreichen Dialogen der Figuren, aus gesprochener Sprache mit ihren unterschiedlichen Schichten der Beamtensprache, der Sprache der revolutionären Ideologie, der Kirchensprache, des Gassenjargons und so weiter besteht, entwickelt einen Sog, der den Leser voll Ungeduld in den Wirbel des erregenden Geschehens hineinzieht. Die sich fieberhaft beschleunigenden Satzrhythmen, die sich in immer neuen Windungen steigernde Syntax, in der die Gestalten die Abgründe ihres Seelenlebens oder ihre ideologischen Verstiegenheiten entfalten, verführte frühere Übersetzer dazu, ausschweifend und umständlich zu übersetzen, wodurch häufig der Eindruck altväterlich geschwätzigen Plauderns entstehen konnte.

Bei Swetlana Geier nun bekommen die überdrehten, grotesken Redeorgien - zum Beispiel durch den Verzicht auf alle steigernden Füllwörter wie "überaus", "allerdings" oder "allzu" - eine neue kalte Klarheit und Genauigkeit. Die beeindruckende Polyphonie der sehr unterschiedlichen Stimmen wird deutlich herausgearbeitet. Und immer wieder ist man verblüfft, daß gerade Swetlana Geiers Übersetzung ganz nah am Originaltext bleibt. Ist doch das Russische mit seinem Reichtum an grammatischen Formen und seiner synthetisch flektierenden Struktur ungleich knapper und kompakter als das Deutsche.

Der letzte Satz des Romans etwa über den Selbstmord Stawrogins, der im Russischen aus zehn Wörtern besteht, lautet in der Übersetzung der Piper-Ausgabe so: "Unsere Ärzte stellten nach der Sektion die Möglichkeit, daß die Tat in geistiger Umnachtung oder im Irrsinn geschehen sein könnte, vollständig und mit aller Entschiedenheit in Abrede." Das sind 27 Wörter in einem umständlichen Nebensatzgefüge. Swetlana Geier braucht dazu die Hälfte und übersetzt dabei fast wörtlich: "Unsere Mediziner haben nach der Obduktion des Leichnams eine geistige Zerrüttung vollkommen und entschieden ausgeschlossen."

Der Zweiwort-Begriff "kulatschnye rasreschenija" zum Beispiel heißt nicht mehr "Antworten von einer Plumpheit wie Faustschläge", sondern knapp und richtig - "Gewaltlösungen". An vielen Stellen findet die intime Kenntnis der Übersetzerin von Dostojewskis Denken ihren Ausdruck. Endlich zum Beispiel trägt das Kapitel, in dem es um Pjotr Werchowenski, den gewissenlosen Terroristen und widerwärtigen Schurken geht, nicht mehr die Überschrift "Die weise" oder "allwissende" Schlange", sondern "Die allerlistigste Schlange". Ist dies doch - da bei Dostojewskij der gesamten Romanwirklichkeit eine geistig religiöse Parallelebene entspricht - eindeutig eine Assoziation auf das grauenerregende "andere Tier" der Apokalypse des Johannes.

Aber natürlich stellt jede Übersetzung eine Interpretation dar und ist insofern auch kritisierbar. Einen Hauptangriffspunkt bietet hier vor allem der Titel des Romans, der sich auf die berühmte Stelle aus dem Lukas-Evangelium von den Teufeln, die aus den besessenen Menschen in die Säue fahren, bezieht, ein Bibel-Zitat, das dem Roman als Motto vorangestellt ist. Aufgrund dieser Bibel-Stelle wäre der russische Titel "Besy" wohl am genauesten mit "Die Teufel" zu übersetzen. Das gebräuchlichste russische Wort für "Teufel" ist jedoch "tschort", und im Text taucht sowohl dieses Wort, wie auch der Begriff "demon" auf. Swetlana Geier hat sich also sicherlich sehr bewußt für die verallgemeinernde Übersetzung "böse Geister"entschieden. Geht es doch in dem Buch nicht nur um die Dämonen der Revolution, sondern um den bösen Geist der gesamten liberalen westlichen Zivilisation, in der nach Dostojewskij wegen ihres Atheismus und Materialismus die eigentlichen Ursachen für alle gesellschaftlichen Katastrophen zu sehen sind. Und es geht um die Abgründe des Bösen im Menschen überhaupt, wie sie in der Gestalt des großen Sünders Stawrogin, dem in seiner kalten Indifferenz die Unterscheidung zwischen Gut und Böse abhanden gekommen ist, demonstriert werden. Wenn dieser nun allerdings in seiner erschreckenden Beichte vor dem Mönch Tichon, in der er sein schlimmstes Verbrechen, die Schändung eines Kindes, gesteht, und dabei von seinen nächtlichen Halluzinationen berichtet, davon, daß ihm "ein böser Geist" erscheint, dann wird Swetlana Geiers Übersetzung zum Fallstrick. Denn natürlich ist es nicht "ein böser Geist", sondern "der Teufel", der Stawrogin besucht. Durch das starre und eigentlich gar nicht notwendige Festhalten an der einmal gefällten Entscheidung geht der spannende Zusammenhang mit dem verbreiteten literarischen Motiv der Teufelsheimsuchung - in den "Brüdern Karamasow oder in Thomas Manns Doktor Faustus - verloren. Schade! Dostojewskijs Buch ist mit seiner Endzeit-Problematik wie seiner großen literarischen Bedeutung am Ende unseres Jahrhunderts absolut modern. Das wird durch Swetlana Geiers Übertragung überzeugend bewiesen.

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