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StartseiteSport am WochenendeStaatspräsident und Fußballprofi23.08.2014

BolivienStaatspräsident und Fußballprofi

Bolivien steckt mitten im Wahlkampf. Im Oktober will Evo Morales zum zweiten Mal wiedergewählt werden. Seit Kurzem ist der Staatspräsident aber auch noch Fußballprofi. Er spielt für Aufsteiger Sport Boys Warnes.

Von Felix Lill

Warten am Vienna Airport: Der bolivianische Präsident Evo Morales (picture alliance / dpa / Helmut Fohringer)
Der bolivianische Präsident Evo Morales (picture alliance / dpa / Helmut Fohringer)

Der Südosten von Bolivien. Die einzige Schnellstraße zwischen der Wirtschaftskapitale Santa Cruz und der aufstrebenden Stadt Warnes ist stark befahren. Fabriken und Plantagen ruhen am Samstag hinter angestaubten Mauern aus Beton. Immer wieder sind sie mit einem Namen bekritzelt: Evo. Der Staatspräsident des boomenden Entwicklungslands, Evo Morales, will im Oktober zum zweiten Mal wiedergewählt werden. Bolivien steckt im Wahlkampf.

Aber seit Kurzem hat der kontroverse sozialistische Präsident noch einen anderen Job: beim Erstligaaufsteiger Sport Boys Warnes ist Morales Fußballprofi. Verpflichtet wurde er durch seinen Parteifreund, Vereinspräsident der Sport Boys und Bürgermeister der Boomstadt Warnes, Mario Cronenbolt. Vor dem Punktspiel sitzt Cronenbolt 30 Kilometer nördlich von Santa Cruz in der Umkleidekabine seiner Mannschaft. "Bei den Sport Boys pflegen wir eine tiefe Freundschaft zum Staatspräsidenten, Evo Morales. Einmal, als wir zusammen Fußball spielten, fragte ich: 'Herr Präsident, was ist Ihr Traum?' Er sagte: 'Mein Traum war immer, professionell Fußball zu spielen.' Dann schlug ich vor: 'Warum spielen Sie nicht für die Sport Boys?' Zuerst sagte er: 'Ich habe Angst, ich bin schon 54 und will die Mannschaft nicht schwächen.' Aber ich sagte: 'Nein, nein, Sie wären ein Plus für die Sport Boys, und ein gutes Beispiel für die Jugend.' Schließlich stimmte er zu: 'OK, dann kündigen Sie es an!' Wir haben uns das nicht aus politischen Gründen ausgedacht. Er kann Fußball spielen. Wir zahlen ihm jetzt ungefähr 1.900 Bolivianos, das sind fast 300 Dollar. Als Staatspräsident kann er kein Gehalt von uns beziehen, deshalb bekommt er eine Auflaufprämie."

Ein amtierender Staatspräsident als Spieler in der obersten Fußballliga, das hat es noch nie gegeben. Aber beim Punktspiel gegen Real Potosí, einem Klub aus einer Minenstadt weiter im Süden des Landes, ist Morales nicht im Aufgebot. Seit Wochen spekuliert Bolivien, ob er überhaupt spielen wird. Im Mai hieß es, schon beim Saisonauftakt stünde er auf dem Platz. Zuletzt dementierte der Präsident. Einen Privattrainer habe er sich zwar besorgt, aber in Form sei er nicht.

Präsident, Fußballer und Anführer der Bauern

Der Wahlkampf spannt ihn ein, sagen Viele: Morales setzt sich für die Wasserversorgung der Bolivianer ein und für Sozialprogramme. Für seine Politik braucht er die Unterstützung der Wähler. Aber könnte sich der Präsident nicht auch politisch schwächen, wenn er auf dem Fußballplatz keine gute Figur abgibt? Vereinspräsident und Parteifreund Mario Cronenbolt ist optimistisch. "Evo Morales ist ein Spieler mit einer guten Passgenauigkeit, sein Schuss ist auch gut. Und er hat viel Ausdauer. In der Jugend hat er in San José in Oruro gespielt, einem starken Klub, später beim Verein Litoral aus La Paz in der zweiten Liga. Evo Morales trainiert mit uns, wenn er kann. Und er will sich vor unserem Trainer Néstor Clausen beweisen und es ihm überlassen, wie lange er spielen wird."

Das Spiel verläuft holprig, zwischen die Gesänge der 2.000 Fans mischt sich Gemecker. Fußball ist der beliebteste Sport Boliviens, dennoch ist die erste Liga eine der schwächeren Südamerikas. Trotz erfolgreicher Jugendarbeit fehlen im Erwachsenenbereich professionelle Strukturen. Seit 20 Jahren hat sich Bolivien für keine Weltmeisterschaft qualifiziert. Dass die Liga jetzt ausgerechnet durch Evo Morales weltweit Schlagzeilen macht, findet nicht jeder gut. Zum Beispiel Jorge Arancibia, Sportjournalist bei der führenden Tagezeitung El Deber. "Ich arbeite seit zwölf Jahren in diesem Geschäft. Und ich glaube, die Sache mit Evo Morales ist eher Marketing. Im Oktober ist die Präsidentschaftswahl. Der Fußball ist eine gute Gelegenheit, die Leute zu begeistern. Ich denke, jeder lieber sollte das tun, worin er gut ist. Der Schuhmacher bei seinen Schuhen, wie wir hier sagen. Boliviens Fußball braucht andere Protagonisten, nicht den Staatspräsidenten."

Die Fans im Stadion sind geteilter Meinung. "Als wir hörten, dass er einen Vertrag hat und die Nummer zehn kriegt, haben wir alle gelacht. Auf Facebook und Twitter haben alle Witze gemacht." "Er ist damit der kompletteste Präsident der Geschichte. Als Präsident, Fußballer und Anführer der Bauern. Das finde ich gut."

Das Punktspiel endet 1:1. Trainer Néstor Clausen, der 1986 als Spieler mit Argentinien Weltmeister wurde, ist enttäuscht. Hätte Evo Morales, der die Rückennummer zehn bekommen hat, den Unterschied machen können? "Es wird sich noch eine Gelegenheit bieten, dass er spielen wird. Aber als Verstärkung hab ich ihn nicht auf der Rechnung. Mit 54 Jahren kann man kein Profiniveau mehr haben. Aber gut, die Freundschaft mit unserem Präsidenten macht es möglich, dass er sich einen Traum erfüllen kann."

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